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Praxis 24. Jänner 2008

Vom Sitzfleisch zum Sessel (Folge 13)

In der letzten Folge des Raumdoktors erwähnten wir, dass der Sessel wohl das erste Möbelstück war. Anfangs den VIPs des Altertums als Prunksessel und Prestigeobjekt vorbehalten, muss auch das einfache Volk rasch bemerkt haben, dass ein hölzerner Sitzplatz weit angenehmer ist, als auf staubigen Böden zu kauern oder einen Felsbrocken quer durch das Haus zur Teestunde zu rollen. Bald darauf wird auch der Tisch erfunden worden sein, denn sich für jeden Schluck Tee nach der am Boden abgestellten Tasse zu beugen, erschien wohl schnell als recht verdrießlich, obwohl sich womöglich so der vorzeitliche Chiropraktiker etablierte.

Das Mobiliar soll uns in erster Linie das Leben angenehmer machen. Betrachtet man überproportionierte Möbel aus den Zeiten des Barock oder das schrille Inventar der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, scheint dies eine oft vergessene Forderung zu sein. Einrichtungsgegenstände sollten im Idealfall nicht nur schön anzusehen sein. Sie sollten ebenfalls unsere Bewegungsabläufe koordinieren und vereinfachen und so beschwerliche Bewegungen vermeiden helfen. Das Mobiliar sollte zudem kompakt sein, die Verkehrswege im Raum nicht unnötig verstellen und keinesfalls zur Stolperfalle mutieren. Darüber hinaus sollte das Inventar in Proportion, Oberfläche und Material mit den architektonischen Details der Umgebung im Gleichklang stehen.
Nach dem Loslösen überkommener Vorstellungen klassischen Mobiliars, das in erster Linie die Repräsentation im Sinn hatte, wurde das Möbel wieder praktisch. Dick mit edlen Stoffen gepolsterte Garnituren, in denen man außer versinken nichts mehr tun konnte, da jede Art von Bewegung unterbunden wurde, kamen zum Glück aus der Mode. Man betrachtet das Möbel wieder als Utensil, das uns Leben und Arbeit erleichtert.

Möbel als verlängerte Gliedmaßen

Im Zeitalter der Rationalisierungen Anfang des 20. Jahrhunderts begann man mittels Bewegungsstudien Arbeitsabläufe zu analysieren. Dabei wurden Glühbirnen an den Gliedmaßen befestigt und durch Langzeitbelichtung mittels Fotokamera aufgezeichnet. Daraufhin wurden Ambitionen geweckt, auch die zur Arbeit verwendeten Gegenstände und Einrichtungen zu optimieren. Für Le Corbusier, den größten Architekten des vergangenen Jahrhunderts, war das Haus im Idealfall eine Art Maschine. Als deren Gelenke könnte man demzufolge die Einrichtung betrachten; als Verlängerungen unseres Körpers, den Sessel als drittes Bein, das uns Abstand zum Boden verleiht; den Tisch als Erweiterung des Armes, der uns erlaubt, einfacher nach Dingen zu greifen.
Von diesen doch teils recht unheimlichen Grundgedanken inspiriert, verfolgte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky mit ihrer berühmten „Frankfurter Küche“ das Ziel, zur Erleichterung der Hausarbeit beizutragen. Innerhalb dieser Urahnin der modernen Küchen sollten alle Arbeitsschritte mit wenigen Handgriffen und möglichst kurzen Wegen möglich sein. Das Mobiliar begann wieder im Dienste des Nutzers zu stehen.

Erdmöbel für die letzte Ruhe

Prinzipiell kann das Mobiliar nach dem verwendeten Material, seiner Konstruktion oder seiner Verwendung katalogisiert werden. Vom Wohn- zum Büro- oder Straßenmobiliar bis hin zum „Erdmöbel“, der alten DDR-Bezeichnung für das allerletzte Ruhemöbel – den Sarg. Es begleitet uns eben in allen Bereichen des täglichen Lebens.
Sessel im Speziellen können besonders gut nach ihrer Konstruktion eingeteilt werden. Unzählige Designer und Architekten versuchten bereits den Stuhl und seine Ergonomie zu revolutionieren.
Aus diesen Bemühungen sind einige Designklassiker hervorgegangen, die heute noch verwendet werden. So gibt es neben dem ordinären vierbeinigen Stuhl, dem Schemel, oder dem Klappsessel auch den sogenannten Freischwinger, der ohne Hinterbeine auskommt und häufig aus Aluminium- oder Stahlrohren geformt ist. Unter dem Sitzgewicht gibt dieser ein wenig nach und es entsteht, ähnlich wie beim Schaukelstuhl, eine leicht wippende, angenehme Bewegung. Der Vorteil eines solchen Aluminiummöbels liegt in seiner Einfachheit und schlichten Eleganz. Es passt einfach überall hin, ist daher allerdings auch austauschbar und wenig signifikant.
Was bedeutet dies nun für die Sitzmöglichkeiten im Wartezimmer einer Arztpraxis? Die meisten zeichnen sich durch ringsum an den Wänden aufgefädelte Aluminiumsessel aus, die weder in ästhetischer Hinsicht genügen, noch im Dienste der Bequemlichkeit stehen. Vereinzelt findet man auch kleine runde Tische in der Mitte des Raumes, die, mit Sesseln bestückt, die Szenerie eines Kaffeehauses imitieren. Prinzipiell ein guter Ansatz, da solch locker angeordnetes Arrangement ungezwungene Plaudereien unter den Patienten fördert. Auch ein langer rechteckiger Tisch, auf dem Zeitschriften und Informationsbroschüren für den Wartenden bereitliegen, könnte eine zwanglose Szene am Esstisch zuhause suggerieren und dadurch den Kontakt erleichtern. Auch vermeintlich unwichtige Details spielen eine Rolle: So sollte etwa das Höhenverhältnis von Sessel zu Tisch ein angenehmes sein.

Auch ein Ort für Plaudereien

Bei architektonisch attraktiven Orten sollten Tische und Stühle den klaren Linien des Raumes folgen, um diese stärker zu akzentuieren. Ist der Wohnbereich eher monoton und optisch wenig ansprechend, darf das Mobiliar ruhig zwangsloser gruppiert werden und verspielter ausfallen, um optische Höhepunkte zu liefern. Tische und Stühle müssen dabei keineswegs aus derselben Kollektion stammen – mutig zusammengestellte unterschiedliche Modelle und Stile können recht reizvoll wirken. Allerdings sollten sie in Proportion und Textur zueinander passen.
Stellen Sie sich zur Auflockerung der Szenerie ruhig auch einen dick gepolsterten Clubsessel oder ein bequemes Sofa in das Wartezimmer. Denn dieses kann durchaus als Ort der Kommunikation verstanden werden, in dem sich Patienten nicht nur durch verstohlene Blicke über den Rand des Boulevardmagazins verständigen. Zwar sollte man bewusst Freiräume zwischen den wartenden Patienten einräumen, doch gezielt gesetzte Kommunikationsfelder können die Bereitschaft zum Miteinander erhöhen. Dreisitzer als Couch sind etwa in Wohnzimmern sehr beliebt, doch eignen sie sich für eine Arztpraxis nur bedingt. Auf eine Dreiercouch lassen sich nur selten tatsächlich drei Personen nieder, da die mittlere meist eingeklemmt wird. Es bieten sich daher überlange Sitzlandschaften an, die den wartenden Patienten bewusst Freiräume ermöglichen, oder man setzt gleich auf Zweisitzer.
Vor allem beim Sofa sind spezielle Anfertigungen denkbar, da sie einfach herstellbar sind und eine Raumnische wie angegossen auszufüllen vermögen – eine gute Möglichkeit für maßgeschneiderte Lösungen. So kann etwa eine einfache Bank aufgemauert und mit Polstern bedeckt werden. Die Polster haben den Vorteil, dass sie nach einiger Zeit gegen ein anderes Design ausgetauscht werden können und derart eine neue Wirkung erzielt wird.
Ob Eigenanfertigung oder Katalogbestellungen, eine Regel muss befolgt werden: Der Mensch und seine Proportionen dürfen nicht wieder in den Hintergrund geltungssüchtigen Mobiliars geraten.

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 4/2008

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