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Praxis 17. Jänner 2008

Am Anfang stand der Thron (Folge 12)

Vor wenigen Tagen erreichte mich ein Anruf meiner lieben Caro. „Mir wurde ein Job in Dubai angeboten. Für einige Zeit ist dort mein Zuhause“, trällerte es aus dem Hörer. Für erstaunte Zwischenrufe blieb kaum Zeit. „Wie werde ich meine Wohnung dort bloß einrichten? Was das alles wieder kostet! Und wie wohnt man eigentlich in Dubai? Glaubst du, haben die dort auch einen Ikea?“

Die Auswahl des passenden Mobiliars ist immer eine sehr spannende Sache, wenn auch meist keine rein vernunftgeleitete. Das wohl allererste Möbelstück stellten die Alten Ägypter und Mesopotamier her: den Thronsessel. Doch schon damals zeigte sich, dass die auf zumeist schweren, reich verzierten Holzkonstruktionen montierten Prunksessel recht unpraktisch waren. Wer also wie einst Cleopatra auf einem solchen Ungetüm den Nil entlang getragen werden wollte, brauchte, abgesehen vom dafür nötigen Sinn für Prestige, nicht nur das Kleingeld für die Träger, sondern auch viel Zeit, Geduld und Ausdauer.
Wovon ist aber die Entscheidung für die richtigen Möbel abhängig? Spielen etwa Ort und architektonische Rahmenbedingungen eine Rolle? Wenn ja, macht es Sinn, dass wir alle ähnliche Hauseinrichtungen mit schwedischem Namen haben? Passen Caros alte Möbel aus ihrer Wohnung im 20. Wiener Bezirk in ihr neues Zuhause auf der arabischen Halbinsel? Oder umgekehrt, entspricht etwa liebevoll zusammengestelltes Inventar aus Tausendundeiner Nacht den Anforderungen einer Räumlichkeit im Zentrum Mitteleuropas? Was ist entscheidender, der individuelle Geschmack oder wie praktisch die Möbel sind? Muss ein Möbelstück repräsentativ, weich und gemütlich oder einfach nur einfach zu reinigen sein?

Courage beweisen

Ob Wohnungseinrichtung, Arztpraxis oder Büro, das Aussehen des Mobiliars sollte zweckabhängig und nicht nur schön anzusehen sein. Die äußerliche Erscheinung geht Hand in Hand mit der erforderlichen Funktion der Möbel. Nicht der Mensch sollte sich verbiegen müssen, sondern das Inventar den Lebens- und Arbeitsansprüchen seines Nutzers anpassen. Kompatibilität und Flexibilität sind in diesem Fall die entscheidenden Stichwörter und erleichtern im Alltag den Umgang mit dem Mobiliar. Gerade in einer Arztpraxis sollten die Oberflächen auch leicht zu reinigen, schmutzunempfindlich und belastbar sein. Aber: Funktionalität muss den Sinn für Ästhetik und Repräsentation nicht völlig ausschließen! Dies bedeutet ebenfalls nicht, dass man bei der Auswahl des Inventars nicht Courage beweisen darf. Auch in einer Arztpraxis darf ungewöhnliches Mobiliar seinen Platz finden. Schon Sigmund Freud hatte keine Skrupel, eine Couch in seiner Praxis zu platzieren – heute gilt sie als Symbol der Psychoanalyse. Mit Bedacht ausgewähltes Praxismobiliar kann also die Funktionalität und die Behaglichkeit erhöhen und somit den Therapieerfolg positiv beeinflussen.
Um sich aus dem reichhaltigen Mobiliarangebot die richtige Alternative herauszupicken, ist es notwendig, die individuellen Bedürfnisse zu analysieren. Dabei ist es hilfreich, am jeweiligen Ort die Arbeitsschritte und Bewegungsabläufe zu studieren, um diese mit dem Standort und der Ausformung der Möbel zu koordinieren. So können unnötige Wege und belastende Bewegungen vermieden werden.
Zum Blickfang wird Mobiliar, sofern es zum multifunktionalen Alleskönner wird. Etwa speziell angefertigte Sitzmöbel im Wartezimmer in Kombinat­ion mit anderen Funktionen, etwa als Aufbewahrungsort für Zeitschriften, integrierte Garderobe oder Abstellfläche. Maßangefertigte Einrichtung muss nicht die Welt kosten und ist oft spannender anzusehen und praktischer als jene aus dem Katalog. Abgesehen davon passt sich ein solches Inventar den individuellen architektonischen Rahmenbedingungen an und gibt dem Standort einen unverwechselbaren Charakter.
Wer seine Möbel doch lieber einfach nur aussuchen und sofort ausprobieren möchte, dem stehen reizvolle, neue Geschäftsideen zur Verfügung. Etwa die Kombination von Kaffeehaus und Schauraum, in dem bei Getränken und Kuchen die Sitzmöglichkeiten, Lampen und Tische gleich auf Tauglichkeit und Komfort getestet werden können.
Ich bin jedenfalls schon gespannt, wie Caros neues Zuhause in Dubai aussehen wird. Ob praktisch, verspielt, modern oder klassisch – eines ist sicher: es wird auf jeden Fall pink. Aber das ist auch in Ordnung so.

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 3/2008

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