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Praxis 20. September 2007

Von Wandtattoos, Tapeten und Stuck

In der letzten Folge des „Raumdoktors“ wurde auf die vielfältigen Möglichkeiten des Ornaments als „intelligentes Leitsystem“ hingewiesen, das in größeren Arztpraxen die Orientierung erleichtert. Mit einfachen abstrakten Symbolen entstehen so interessante Details, die Bereiche nach Funktion und Nutzung zonieren – und das eleganter und geschickter als ein unpersönliches Metallschild.

 Muster Wartezimmer

Eine abstrakte Collage sitzender Menschen kann die Wand eines Wartezimmers schmücken, der Empfangsbereich der Praxishelfer wird durch ein umlaufendes Musterband aus Telefonhörern und Schreibutensilien markiert, an der Wand der Garderobe fliegen Arztkittel über die Wände. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Aus beinahe jedem noch so alltäglichen Gebrauchgegenstand lässt sich mit Einfallsreichtum ein abstraktes, grafisches Muster erfinden, das originell die Räumlichkeiten gliedert.
Für das Aufbringen eines Musters auf die Wand gibt es viele Möglichkeiten. Die klassische Papiertapete etwa, die im alten China erfunden und im Biedermeier perfektioniert wurde. Statt kostbarer Wandbehänge aus Seide und Brokat die Mustertapete, die dem Bürgertum ermöglichte, bei unechtem Kaffee aus versilberten Blechkannen von königlichem Luxus zu träumen. Vom Holzmotiv bis zur imitierten Seidentapete – erlaubt war, was wertvoll aussah, ohne wirklich teuer zu sein.
Zu unterscheiden ist zwischen einfachen Musterpapiertapeten, Vliestapeten und gewebten Textiltapeten. Je nach Qualität und Preisklasse sind diese mehr oder weniger lichtbeständig. Vor allem Vlies­tapeten zeichnen dich durch eine erhöhte Reiß- und Strapazierfähigkeit aus, wodurch auch kleinere Risse in Wand und Decke nicht mehr durchschlagen können.
Längst ist die Tapete nicht mehr altmodisches Relikt vergangener Zeiten: Immer neue Gestaltungskonzepte werden entwickelt, und ideenreiche Designer entwarfen etwa die „Singletapete“ und propagieren sie als den „neuen Mitbewohner“, der immer freundlich ist. Man kann sie nach eigenen Vorstellungen erstellen und selbst verlegen. Zudem ist sie einfach ablös- und wieder verwendbar!
Ein anderer Klassiker unter den Mustertapeten ist die „Bauhaus-Tapete“. Bereits vor über 75 Jahren von den Modernisten der Kunstschule Bauhaus Dessau erfunden, posiert das „Phänomen der Wandgestaltung“ auch heute noch in jugendlicher Frische an den Wänden. Obwohl das Bauhaus die nüchterne Architektur propagierte, kam dieser Tapete vielleicht eine Art Schadensbegrenzung zu. Vor allem im sozialen Wohnbau reüssierte sie und schaffte mit ihrer eleganten Einfachheit und den feinen Mustern in sanften Tönen eine angenehme Raummodellierung, die bis heute zeitgemäß wirkt und, neu interpretiert, immer noch produziert wird. In Zeiten von „Vintage“ und „Retro-Design“, in denen auch moderne Autos und Kaffeemaschinen wieder an jene der 50er bis 70er Jahre erinnern, kann man sich getrost vor den Mustertapeten der 20er räkeln.
Ein anderer neuer Trend sind so genannte „Wandtattoos“. Ob Foto-, Pflanzen- oder Designmotive, sie bestehen aus einer selbstklebenden Folie, die sich auf beinahe allen Oberflächen anbringen lässt und auch wieder leicht zu entfernen ist. Diese bis zu mehreren Quadratmeter großen Wandtattoos stehen in vielerlei Farben zur Verfügung und können individuell verändert werden.
Wem konstante und dauerhafte Werte wichtiger sind, kann sich das Muster auch direkt auf die Wand malen lassen. Kleine Muster lassen sich einfach durch Schablonen auftragen, größere und komplexere Motive überträgt man besser mithilfe eines Projektors. Dabei wird das gewünschte Motiv einfach an die Wand reflektiert und nachgezeichnet.

Die Walzenidee wird neu aufgerollt

Eine beinahe vergessene Methode ist das Aufbringen eines Musters mittels einer in Farbe getunkten geprägten Walze. Wer sich früher Papiertapeten nicht leisten konnte, rollte damit ein einfaches ornamentales Band auf den gewünschten Untergrund ab. Heute wird diese Technik wiederentdeckt. Quer durch den Raum gerollt, mehrere Lagen über- oder schlicht nebeneinander – dadurch entstehen interessante Effekte, die Raum für Kreativität lassen und einen spielerischen Umgang mit dem Muster erlauben.
Etwas schwerer hat es in heutigen Zeiten der Stuck als plastisch gewordenes Muster. Stuckornamente und Dekorleisten, eine zu Barockzeiten überstrapazierte Zier, werden meist schnell als schwülstig und bieder abgetan. Zu Unrecht, denn neu interpretiert kann das Gemisch aus gehärteter Gipsmasse, mineralischen und pflanzlichen Fasern auch zum gewagten Gestaltungsmittel werden. Wenn die Wand zum Spielfeld für den Stuck wird, das sich nicht unbedingt nur am Rande bewegt, sondern quer über Mauern, Fenster und Türrahmen hinweg wandert, kann die Wand zur lebendigen Skulptur werden. Auch in Kombination mit sehr modernen Glas- und Stahlmöbeln ergeben sich elegante und erfrischende Kontraste zwischen Alt und Neu. Stuck ist bei weitem nicht nur auf Gesimse beschränkt – von Möbeln bis hin zu Leuchten, vieles ist aus echtem Stuck herstellbar und kann bemalt, lackiert und gewachst werden.

Des Kaisers neue Kleider

Um in der Gegenwart anzukommen, muss man nicht vollständig mit der Vergangenheit brechen – im Gegenteil: Partiell eingesetzte Textilbespannungen, moderne Mustertapeten und Stuck können, einfühlsam eingesetzt, weit moderner wirken als die fantasielosen Glas- und Stahlarchitekturen vergangener Jahrzehnte. Wie des Kaisers neue Kleider wollte man uns weismachen, dass das Wenige was man (nicht) sieht, ausreichend sei. Aber die neu aufkeimende Liebschaft der Innenausstatter zur Tapete ist nicht nur sinnleere Ausschmückung, sondern Teil unserer Kultur und Indiz für ein neues und wagemutiges Raumverständnis, das das Thema der individuellen emotionalen Bindung zu den Räumlichkeiten, in denen wir leben und arbeiten, nicht mehr ausklammert.

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 38/2007

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