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Illustration: DI Niel Mazhar
Recycelte Holzbretter mit der unvergleichlichen Patina des Alters lassen sich zu einer Garderobe verbauen. Auch alte Briefkästen können als originelles Regalsystem zweckentfremdet werden.
Foto: DI Niel Mazhar

Oft liegen wahre Schätze unter dem alten Anstrich. Mehr Mut: Legen Sie alte Dekorationen frei, auch wenn diese nur mehr bruchstückhaft erhalten sind!

 
Praxis 28. Mai 2009

Auch Möbel wollen in Würde altern

Alte Möbel für zeitlose Ästhetik. Wie man mit gebrauchtem Interieur für neuen Schwung im Raum sorgt.

In der letzten Ausgabe des Raumdoktors habe ich Ihnen geraten, so manches gute Stück lieber nicht der Müllabfuhr zu verantworten und sich vom Charme der in die Jahre gekommenen Möbel überzeugen zu lassen. Dieser Rat soll nun etwas vertieft werden, denn statt sich dem kurzlebigen Diktat der Mode zu unterwerfen, sollten Sie altes Inventar recyceln. Mit frischen Ideen lässt sich so manches Relikt zu neuem Leben erwecken.

 

Modernes Mobiliar aus Aluminium, Glas, superleichtem Kunststoff oder makellosem Leder kann verführerisch sein, schön und elegant obendrein. Doch modern eingerichteten Räumen scheint häufig die Seele zu fehlen. Das eine oder andere Exemplar vom Dachboden, Flohmarkt oder Antiquitätenhändler kann einem Raum eine behagliche Stimmung verleihen. Doch wie überall gilt: auf die Dosis kommt es an. Das Neue wirkt nur in Kombination mit dem Alten wirklich modern, elegant und neutral, ohne Langweile zu erzeugen. Ebenso wirkt das Alte nur dann behaglich und nicht bloß altmodisch, wenn man es in Kontrast zu moderner Ausstattung setzt.

Das Schöne am Alten entdecken – diese Idee an sich ist alles andere als neu. Im 19. Jahrhundert begegneten sich zwei Strömungen in der Denkmalpflege. Die eine, unter dem Franzosen Eugène Viollet-le-Duc, vertrat die Ansicht, man müsse alte Monumente nicht nur wieder restaurieren, sondern sie in einen Idealzustand versetzen, der niemals wirklich existiert hatte. Das Altehrwürdige war nicht ehrwürdig genug und dabei schoss man nicht selten über das Ziel hinaus. Mancher mittelalterlicher Burg und Kirche wurden ein paar historisierende Extras verpasst, was der Gruppierung um Viollet-le-Duc den Beinamen „die Restaurierungs-Vandalen“ einbrachte. Die Gegenströmung unter John Ruskin forderte allein die notwendige Konservierung alter Bausubstanz, ohne sie zu verfälschen oder idealisierende Bauteile hinzuzufügen. Die Patina des Alten und Verfallenen musste akzeptiert werden, Neues sollte nur im gerade aktuellen Stil und damit zeitgemäß addiert werden.

Ein zeitloser Klassiker ist die Kombination von Alt und Neu

Was unwiederbringlich verloren ist, sollte man nicht zwanghaft wieder heraufbeschwören und übereifrig rekonstruieren, sondern etwas ganz Neues daraus schaffen. Wenn Dir das Leben nur saure Zitronen schenkt, dann mach Limonade daraus – sagt ein englisches Sprichwort. Arbeiten Sie mit dem, was Ihnen zur Verfügung steht. Scheuen Sie dabei auch keinen Stilbruch und keine starken Kontraste. Neulich entdeckten gute Bekannte von mir einen alten Damensekretär in ihrem Keller. Dem sichtlich mitgenommenen Stück fehlte der gesamte Aufbau, in dem sich einst die Schubladen befanden (was den Tisch eigentlich erst zum Sekretär macht). Doch Tischplatte und Beine waren aus kräftigem, dunklem Holz gefertigt, die trotz manchem Kratzer die Schönheit des Altehrwürdigen ausstrahlten. Dem Sekretär wurde daraufhin ein moderner Aufsatz aus gelbem Lack verpasst. Die Kombination von alter Substanz und Form mit neuen modernen Oberflächen schafft etwas ganz Neues, eine Eigenkreation, die eine Brücke zwischen gestern und heute schlägt. Altem Interieur wird so eine neue Seele und ein neuer Verwendungszweck geschenkt. Denn nur was ständig benützt wird, überlebt.

Auch aus Materialresten und gebrauchten Werkstoffen lassen sich geschmackvolle Effekte mit der Patina des Vergangenen erzielen. Wenn eine Lampe zu Bruch geht, werfen Sie sie nicht gleich weg. Verwenden Sie, was übrig geblieben ist – alte Baumaterialien zu recyceln ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll und schafft eine einzigartige Atmosphäre. Basteln Sie einen neuen Lampenschirm aus alten Textilresten, das kann auch der Rest eines alten Tischtuches aus feiner Spitze sein. Eine einfache Glühbirne ohne Lampenschirm kann von der Decke in ein buntes Gefäß auf dem Tisch herabhängen und so eine interessante Lichtstimmung erzeugen.

Vor allem altes Holz eignet sich für die Wiederverwendung in neuen Räumen. Es entwickelt mit der Zeit einen besonders eigentümlichen und unverwechselbaren Charme und eine warme sympathische Note. Schonend gepflegt wird es immer reizvoller, statt an Schönheit zu verlieren – ähnlich einem Jahrhunderte alten Olivenbaum, der mit voranschreitendem Alter immer erhabener wirkt.

Bretter, die einst um die Welt gingen, haben das gewisse Flair

Holz, das von Schiffsplanken stammt, entwickelt im Laufe der Zeit eine schöne Struktur mit atemberaubender Patina. Es wird gerne zum Bau moderner Möbel verwendet, findet aber auch Einsatz als Holzboden oder Wandverkleidung. Es wirkt exquisit, antik, edel und sollte gerade wegen seines hohen Alters nicht unter einem Teppich begraben werden.

Aber auch Reste eines alten, verzierten Lattenzaunes vom Bauernhof können in neuen Möbeln zum Einsatz kommen. Aus diesen schönen Brettern lässt sich etwa eine Garderobe im Empfang einer Arztpraxis zimmern oder Regale im Wartezimmer. Eine alte, aufwendig geschnitzte Flügeltür kann mit vier Beinen und einer Glasplatte darüber versehen zu einem Arbeitstisch umgeformt werden. Genauso kann ein kleines Stück einer alten, bunt bemalten Täfelung zum Beistelltisch für den wartenden Patienten umfunktioniert werden.

Ausgediente Briefkästen ...

Wenn Sie dann noch Stauraum für Zeitungen und Magazine brauchen – warum nicht alte Strohkörbe und Kisten in verschiedenen Größen, Formen und Farben mit der Unterseite an die Wand schrauben und so zum Regal umfunktionieren. Möglich wären auch alte Briefkästen, die als eigentümlicher Aufbewahrungsort für Zeitschriften und Infomaterial in einer Arztpraxis dienen können.

... in der richtigen Dosis

Wichtig ist dabei die ausgewogene Kombination von Alt und Neu. Zu viel vom „alten Ramsch“ sollten Sie vermeiden, schließlich soll das Ganze originell und nicht bloß heruntergekommen wirken. Unsere Welt wird immer stärker entmythologisiert. Schnell wechselnde Moden und kurzlebiges Stilbewusstsein verhindern, dass sich eine emotionale Bindung zum Mobiliar entwickeln kann. Und das langweilt und ermüdet auf Dauer. Wir brauchen wieder Geschichten, Kuriositäten und Vergangenheiten, nicht nur glänzenden Stahl und poliertes Glas. Mobiliar, das über einen warmen Charakter und Anmut verfügt! Der richtig dosierte Einsatz antiken Mobiliars wirkt immer zeitlos, denn im Gegensatz zum Neuen hat es einen entscheidenden Vorteil: Das Alte wird nie alt, es wird nur alt das Neue.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 22 /2009

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