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Foto: Debi Treloar
 
Praxis 26. Mai 2009

Alt ist nie out!

Wenn Möbel und Interieur von längst vergangenen Tagen erzählen.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich Ihnen an dieser Stelle ans Herz gelegt, sich von überflüssigem Ballast zu trennen und mit minimalistischem Interieur für eine klare Linie in Ihren Räumlichkeiten zu sorgen. Ihre Zimmer zu befreien und zu leeren, damit der Raum wieder in den Vordergrund treten und atmen kann. Heute rate ich Ihnen: Werfen Sie besser nichts weg! Lassen Sie sich nicht verwirren – was nach einem offensichtlichen Widerspruch klingt, muss in Wahrheit keiner sein. Schenken Sie mir ein paar Minuten Ihrer Zeit und ich werde Sie davon zu überzeugen, dass in dieser Gegensätzlichkeit der Schlüssel zu einem raffinierten Raumambiente liegt.

 

Apropos Zeit – damit beginnt der Schlamassel ja eigentlich. Fast in jeder Wohnung ist es zu finden, das „gute, alte Stück“ aus Omas Tagen. Ein Kasten kann dies sein, ein Schreibtisch oder ein Polstersessel, den man geerbt oder vor vielen Jahren vom Flohmarkt nach Hause geschleppt hat. Ganz einfach ein Möbelstück, von dem man sich trotz den daran erkennbaren Zeichen der Zeit nicht trennen möchte. Meist liegt es jedoch gerade an diesem Zauber des Alten, der unverwechselbaren Patina eines in die Jahre gekommenen Einrichtungsgegenstandes, das es so unverwechselbar schön und einzigartig macht.

Gerade wenn man sich nun für Minimalismus im Interieur und gegen überfüllte Räume entscheidet, sollte das wenige, das übrig bleibt, etwas Besonderes und Originelles sein. Und was ist schöner als ein altes Möbelstück, das von alten Tagen zu erzählen vermag! Mobiliar, das einmal nicht aus der Lagerhalle schwedischer Möbelproduzenten stammt. Ein Stück Geschichte, mit genau soviel Flecken wie Persönlichkeit, schlicht und einfach: ein Unikat!

Besonders schön wirkt Altes im Kontrast zu klaren Linien eines schlichten Raumes und seiner puren Leichtigkeit. Ein alter Holzkasten, dessen in die Jahre gekommene Oberfläche über einen besonderen Charme und Charakter verfügt, kommt vor einer makellos weißen Wand hervorragend zur Geltung. Wenn sie richtig in Szene gesetzt werden und für sich alleine stehen und strahlen können, werden die Musterstücke aus vergangenen Tagen zum Höhepunkt der Raumausstattung, ob zuhause oder in einer Arztpraxis.

Wenn der Ohrensessel etwas zu erzählen hat

Warum wirkt Mobiliar mit gebrauchter, erodierter Oberfläche und aufgeplatztem Lack so anziehend? Es scheint, als hätten solche Objekte etwas zu erzählen. Übereinander liegende Schichten verschiedener Anstriche, aufgemalte Ornamente – wie eine Geheimschrift lassen sich die Spuren der ehemaligen Besitzer und die Geschichte eines Mobiliars von seiner Außenschicht ablesen.

Gebrauchte Möbel zeugen von Geschmack und Herkunft seiner einstigen Eigentümer, ihrem alten Standort. Sie wirken originell und authentisch. Als hätte das Interieur durch sein Alter und die Spuren der Zeit eine eigene lebendige Persönlichkeit entwickelt. Und wer liebt sie nicht, die alten Geschichten.

Erinnerungen neu überziehen

Heben Sie auf, was ungewöhnlich ist, interessante Strukturen hat und Anlass gibt, sich darin zu verlieren. Wühlen Sie sich wieder einmal durch Keller und Dachboden, vielleicht finden Sie dort ein längst vergessenes Stück, das sich wieder zu neuem Leben erwecken lässt. Dies können alte Stühle sein, die im Warteraum einer Arztpraxis schön zur Geltung kommen können. Ein bunter Mix verschiedenster Stile und Jahrzehnte. Sollte der eine oder andere Stuhl reparaturbedürftig sein – seien Sie erfindungsreich! Die brasilianischen Stardesigner, die Campana Brüder, haben einen Stuhl erfunden, dessen Sitzfläche aus geflochtenen Wasserschläuchen besteht. Experimentieren auch Sie mit extravaganten Materialien! Tauschen Sie alte Sitzbeläge aus! Wenn ein schöner antiker Tisch nur mehr drei Beine hat, schrauben Sie einfach einen neuen dran, auch wenn dieser nicht zu den anderen passt. Das ist schräg – aber auch wirkungsvoll.

Die Lust am Unvollkommenen

Solche und ähnliche Tipps und Tricks finden Sie in dem Buch Trendiges Wohnen zwischen Vintage Style und Shabby Chic von Mark und Sally Bailey. Die Autoren beschreiben in ihrem Werk den Spaß am Aufheben, Reparieren, Wiederverwenden und Zeckentfremden alter Möbelstücke und Gegenstände. Die Lust am Unvollkommenen, das vom Regiment der Perfektion befreien soll. Bewahren Sie altes Interieur auf und suchen Sie nach einem neuen Verwendungszweck. Das Buch rät zum „Ent-dekorieren“. Darunter verstehen die Macher den Versuch, der wahren Identität alter Interieurs auf die Schliche zu kommen. Unter so mancher Tapete eines Hauses kann man eine Vielzahl älterer Texturen und Schichten von Farbe entdecken, die von der Geschichte eines Objektes erzählen. Hören (und vor allem sehen) Sie einfach zu und zwingen Sie Ihrem Mobiliar nicht gleich mit einer zusätzlichen Schicht Farbe Ihren Willen auf. Sie sollten Ihre Räumlichkeiten natürlich nicht mit altem Ramsch überfüllen, doch das eine oder andere Stück mit Patina und Charakter kann einer ansonsten schlichten Räumlichkeit mit Leichtigkeit eine sympathische und warme Note verleihen.

Lassen Sie altem Interieur seine Würde und profitieren Sie von der ehrlichen Ästhetik vergangener Zeiten. Lassen Sie das gute alte Stück nicht im Altersheim für Möbel, dem feuchten Keller, verrotten. Schaffen Sie großzügig Platz dafür und schwelgen Sie ein wenig in der Nostalgie verblichener Farben und der Schönheit der Patina der Zeit!

 

Lesen Sie in der nächsten Folge des Raumdoktors weitere praktische Tipps zum „Gestalten mit dem Alten“.

Von DI. Niel Mazhar, Ärzte Woche 20 /2009

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