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Praxis 5. März 2009

Feng Shui oder bloß „Schön Pfui“?

Modeerscheinung oder globalisierte Innenausstattung?

Hilfreicher Ableger taoistischer Philosophie oder überbewerteter Einrichtungs-Schamanismus? Was ist wirklich dran am Feng Shui? Anhänger schwören auf dessen heilsame Wirkung, sofern die wichtigsten Regeln befolgt werden.

 

Neulich telefonierte ich mit meiner Bekannten Caro. Sie arbeitet nun schon einige Zeit für eine Baufirma im sonnigen Dubai und hatte einen freien Nachmittag, weil auch an den reichen Erdölstaaten die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorübergeht. „Mir soll es recht sein, wenn es hier mal ruhiger zugeht. So kann ich mich endlich der Einrichtung meiner Wohnung widmen, die noch immer aussieht, als ob ich gerade erst eingezogen wäre. Ich habe mir sogar schon ein Feng-Shui-Buch besorgt“, meinte sie fröhlich am Telefon. Dies fand ich spannend – eine Architektin, die Feng Shui in einem arabischen Land verfolgt. Aber wie gut passen fernöstliche Einrichtungsphilosophien eigentlich in den Nahen Osten? Sind dies die Zeichen der Globalisierung oder steht Feng Shui tatsächlich für eine überall gültige Ideologie des Einrichtens und Gestaltens?

Die Alten Chinesen würden behaupten, Caro hätte sich nun vom Yang, das für die physische Welt steht und auch mit der profithungrigen Wirtschaftswelt gleichgesetzt werden könnte, dem Yin zugewandt. Dieses steht für das Stille, eine erhaltende Kraft und das Heim. Laut Feng-Shui- Spezialisten sind heutzutage die meisten Wohn- und Arbeitsräumlichkeiten krankmachende Orte, da hier das Yang Überhand nimmt. Laut Feng Shui, Teil der taoistischen Philosophie, sollte aber stets ein Gleichgewicht zwischen Yin und Yang herrschen.

Auch die Toten mögen es

Ursprünglich hatte Feng Shui einen eher morbiden Zweck. Mit seiner Hilfe wurde der richtige Bauplatz von Grabstätten ermittelt – also nicht unbedingt Orte, die für Behaglichkeit und angenehme Wohnqualität stehen. Erst nach und nach entwickelte sich das Feng Shui über die Gartengestaltung der Kaiser zur Einrichtungsphilosophie des „kleinen Mannes“.

Mittlerweile ist Feng Shui in unseren Breiten längst mit der europäischen Disziplin der Esoterik verschmolzen. Feng Shui kennt man vom plätschernden Zimmerbrunnen im Wartezimmer, bunt gestrichenen Wänden, Delfinstatuen und Kristallen. Aber braucht man all diese Hilfsmittel, um „die Geister der Luft und des Wassers sich geneigt zu machen“, wie die Alten Chinesen Feng Shui definierten?

Alles dreht sich ums „Qi“

Man könnte Feng Shui in der Innenarchitektur als das Pendant zur Akupunktur und ihr manchmal schwieriges Verhältnis zur „Schulmedizin“ betrachten. Von der allgemein gültigen Lehrmeinung oft als Placebo abgetan, scheint es doch außergewöhnlich viele Menschen zu geben, die darauf schwören. In der Akupunktur, wie auch im Feng Shui, spricht man vom „Qi“, einer Lebensenergie, deren Existenz für „knallharte“ Wissenschaftler nicht bewiesen ist. In beiden Fällen soll das „Qi“ geleitet und an wichtige Stellen transportiert werden, wodurch man sich positive Veränderungen in Gesundheit und Harmonie verspricht.

Wäre aber nicht gerade in Kranken- und Heilanstalten ein positiver, die Heilung unterstützender Einfluss der Räumlichkeiten vorteilhaft? Das Bild vom Krankenhaus ist in unseren Köpfen meist negativ besetzt. In Krankenhausarchitekturen nimmt man eine harmonische Raumqualität allerdings nur selten wahr. Dies ist bedauerlich, da dort immer wieder längere Aufenthalte naturgemäß während einer schwierigen Lebensphase vonnöten sind. Auch die dort Arbeitenden können kaum Kraft und Energie aus einer technisierten Arbeitsumgebung schöpfen – und daher kaum positive Energie an die Patienten weitergeben. Einige Versuche, Feng Shui in medizinischen Einrichtungen umzusetzen, brachten jedoch erstaunliche Ergebnisse. Die Patienten begannen sich in den Heilanstalten wohl zu fühlen. Sie hatten dadurch auch mehr Vertrauen in den Erfolg ihrer Behandlung und in das Personal.

Feng-Shui-Regeln ins medizinische Interieur integrieren?

Eine der Grundregeln, auf die man immer wieder stößt, ist: „Räumen Sie auf!“ Unordnung und herumliegendes Gerät verursacht ein Gefühl von Unausgewogenheit. Für medizinische Einrichtungen könnte dies bedeuten, man möge die Medizintechnologie in den Hintergrund verschwinden lassen, uneinsehbare Schränke installieren, in denen medizinisches Werkzeug verwahrt werden kann. Besonders wichtig soll es sein, Fenster, Türen und Durchgänge frei von Hindernissen zu halten, denn das unterstütze den freien Fluss des „Qi“ durch die Räumlichkeiten.

Außerdem muss für Licht gesorgt werden. Dort, wo natürliche Belichtung nicht möglich ist, muss eben ausreichend künstliches Licht installiert werden, das in seiner Lichtfarbe dem Sonnenlicht ähnelt. Kühl gefärbte Leuchtröhren, die an den Charme vom Supermarkt am Eck erinnern, sollten also vermieden werden.

Mit natürlich geschwungenen, abgerundeten Formen liegt man hingegen genau richtig, da dort das Qi langsam entlangfließen kann. Ecken und Kanten stören, vor allem wenn sie auf eine Sitzposition zeigen. So wie der Nutzer der Räumlichkeiten, soll sich auch das „Qi“ an den Kanten nicht den „Kopf anschlagen“.

Glück soll sich widerspiegeln

Auch Spiegel können als Hilfsmittel installiert werden und sollen die Qi-Energie reflektieren, aber nicht an langen Korridoren oder in der Achse eines Durchganges, da sie so die Energien zurückwerfen könnten und dann vor die Tür setzen.

Sitzgruppen, etwa im Warteraum eines Arztes, sollen in geometrischen Gruppen angeordnet werden – das vereinheitlicht den Raum. Achsen, die den Strom zwischen Tür und Fenster unterbrechen, sind allerdings ungünstig, da dort die Energieflüsse besonders stark sind und zu Unruhe führen könnten.

Ob am Schreibtisch oder im Warteraum, im besten Fall sollten Sie freien Blick haben und eine Wand hinter sich, da dies das Sicherheitsgefühl stärkt. Apropos Sicherheit – keine Angst vor Dekorationen. Empfohlen werden immer wieder Einrichtungsgegenstände und Bilder, die das Thema Wasser aufgreifen, da es beruhigt und laut Feng-Shui-Meistern das Vertrauen stärkt.

Gleiches Ziel, unterschiedlicher Ansatz?

Manche dieser Regeln mögen Ihnen bekannt vorkommen. So ermahnte mich als Kind schon meine Mutter, ich solle doch nicht in der Zugluft zwischen Fenster und Tür sitzen und mein Spielzeug aus dem Weg räumen. Andere Feng-Shui-Richtlinien erinnern an anerkannte Regeln der Innenraumgestaltung. Was der Feng-Shui-Ideologe als Qi-Energiefluss versteht, sieht der klassische Innenarchitekt vielleicht als harmonischen Raumfluss. Arbeiten also beide am gleichen Problem, nur mit verschiedenen Wörtern?

Tatsächlich kann nicht geleugnet werden, dass am gestalterischen Aspekt der Heilanstalten gearbeitet werden muss. Manchmal mag es von Vorteil sein, wenn dem Patienten die Macht der modernen Medizin anhand blitzenden Geräts demonstriert wird. Das suggeriert durchaus Kompetenz. Doch manchmal sind es gerade Farben und abwechslungsreiche Formen, die einem schwer leidenden Patienten Hoffnung und Stärke spenden. Ob diese lebensfrohe Ausgewogenheit nun nach dem Yin-Yang-Motiv oder nach anerkannten Regeln des Raumdesigns entsteht, mag dabei belanglos sein. „Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen“, meinte schon Konfuzius.

Von DI. Niel Mazhar, Ärzte Woche

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