zur Navigation zum Inhalt
Illustration: DI Niel Mazhar
Raumteiler mit Garderobe, Eingangsportal, Sitzgelegenheiten und ein geschliffener Boden mit Leitsystem – alles aus Beton!
 
Praxis 7. April 2010

Oase in der Wüste

Beton: Vom Sündenbock zum Highlight in der Innenraumgestaltung.

In der letzten Ausgabe des Raumdoktors rief ich dazu auf, dem Beton eine zweite Chance zu geben. Denn im Namen des Betons wurden nicht nur graue Stadtwüsten, sondern auch einige der größten Architekturwunder der Menschheit errichtet. All das liegt in der Hand des Gestalters, also auch in Ihrer.

Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert ließ Kaiser Hadrian in Rom einen Tempel errichten, der allen Göttern gewidmet sein sollte: das Pantheon. Es ist eines der am besten erhaltenen Baudenkmäler der Antike und seine formvollendete Kuppel schrieb Architekturgeschichte – über 1700 Jahre blieb sie die größte der Welt. Gebaut wurde sie aus Opus Caementicum, einer antiken Version des Betons.

Das Pantheon in Rom ist nur eines von vielen Beispielen großer Architektur. Ohnehin ist der Beton aus der Bauindustrie nicht mehr wegzudenken. Allerdings wird er nun auch wieder verstärkt in der Innenraumgestaltung als rohes, ausdrucksvolles Material entdeckt.

Den Beton nicht unter den Teppich kehren

Beton kann mit versiegelter Oberfläche im Innenbereich durchaus alltagstauglich sein. Für Arbeitsplatten in der Küche wie auch Waschtische, Sitzbänke und als Bodenbelag. Früher bekam man den Beton nur in feuchten Kellern zu Gesicht. Er war dazu verdammt, als Betonestrich den „Bodensatz“ und damit Untergrund für Parkett, Fliesen und Teppichbeläge zu bilden. Das hat sich geändert. Wer Wert auf hochqualitative und edle Böden legt, versteckt den Beton nicht mehr unter anderen Materialien. Wird die spezielle Betonoberfläche geschliffen und poliert, entstehen matt bis farbig brillant glänzende Böden aus einem Guss!

Eine spezielle Variante des Betonbodens ist der Terrazzoboden, der bereits in der Antike bekannt war. Bei dieser kunstvollen Version werden meist farbige Gesteinskörnungen mit dem Zement vermischt. Durch das Schleifen der Oberfläche werden diese wieder sichtbar gemacht und entfalten eine lebendige Wirkung. Oft wurden Terrazzoböden auch mit Messing- oder Kunststoffschienen in verschieden farbige Felder unterteilt. Das ermöglicht die Einarbeitung von Intarsien und Mustern bis hin zu komplexen Ornamenten. Selbst ein einfaches farbiges Leitsystem mit Richtungspfeilen und Beschriftung könnte so in den Betonboden eingearbeitet werden.

Diese Form der Betonböden sollte Medizinern übrigens nicht unbekannt sein. In Operationssälen werden diesen zusätzlich Metallspäne beigemischt, um den Untergrund leitend zu machen. Durch ein unter dem Boden befindliches Metallgitter wird elektrostatische Aufladung dadurch abgeleitet.

Kunstobjekte aus flüssigem Stein

Aber auch Kreative haben die Möglichkeiten eines Werkstoffes erkannt, der eingefärbt und steinmetzartig bearbeitet, dank neuer Mischungen und Verfahren auch in filigrane Formen gegossen werden kann. Aus Beton entstehen Bauteile ebenso wie Gebrauchsgegenstände, Skulpturen und Mobiliar. Dabei entstehen Betonkreationen in eigentümlichen Materialkombinationen und Formen, etwa Obstschalen, die an der Innenseite versiegelt und vergoldet werden. Die Kombination von Betonbänken für den Innenbereich, die an der Sitzfläche mit dunklem Leder überzogen werden, wirkt ebenso edel wie Betonregalelemente, die an der Innenseite mit Holz verkleidet werden. Besonders beliebt sind extravagante Heizkörper aus Beton, die nach dem Prinzip eines Kachelofens die Luft erwärmen.

Da sich viele Kunden vom hohen Gewicht des Betons abschrecken lassen, sind Möbeldesigner dazu übergegangen, besonders leichte und hochfeste Betonmischungen zu verwenden. Diese ermöglichen besonders dünne Formteile. Zusätzlich werden in das Mobiliar sogenannte Leichtbaukerne eingearbeitet, damit dieser Nachteil nicht mehr ins Gewicht fallen kann.

Schummeln erlaubt!

Wem die Herstellung echter Betonoberflächen im Innenraum zu aufwendig ist, aber dennoch nicht auf diese Art der Ästhetik verzichten möchte, darf auch mal schummeln. Optik-Beton sieht aus wie echter und fühlt sich genauso an, ist aber nicht so schwer. Denn dieser neuartige Werkstoff wird auf dünne Platten aufgetragen und ermöglicht so auch großflächig den Einsatz der charakteristischen Oberflächenstruktur. Damit können einzelne Wandpartien ebenso verkleidet werden wie gemauerte Sitzbänke, Regale, Kästen oder auch ein Raumteiler. Das Betonimitat entfaltet dort die typische massive und eindrucksvolle Ästhetik von echtem Beton. (siehe Bild)

Dadurch lassen sich im Innenraum imposante Betonoasen realisieren, die mit den Betonwüsten der Vergangenheit nur eines gemeinsam haben – ein wandelbares Material.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 14 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben