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Praxis 30. März 2010

Liebe auf den zweiten Blick

Warum Beton eine weitere Chance verdient hat.

Mit Beton verbindet man naturfremde Eintönigkeit, die sich grau in grau präsentiert. Das Material ist zum Sündenbock herzloser Architekturexzesse vergangener Jahrzehnte geworden. Vor allem die Plattenbauten monotoner Großwohnsiedlungen haben das Bild von Beton als seelenlosem Baumaterial geprägt. Schuld war allerdings die Architekturauffassung der damaligen Zeit, nicht der Werkstoff selbst, sodass sich ein zweiter Blick auf das Material mit dem schlechten Ruf lohnt.

 

Um zu verstehen, warum Beton nicht von Grund auf schlecht ist, sollten Sie ihn näher kennen lernen. Denn nur wenn Sie wissen, welches Potenzial jenseits fahler Eintönigkeit in ihm steckt, kann man ihn auch entsprechend originell einsetzen. Was folgt, ist ein Aufruf zur Rehabilitierung des Betons. Geben Sie dem vermeintlich grauen Riesen eine zweite Chance!

Der Beton stellt sich vor

Dass Beton unflexibel und starr sei, hat sich in vielen Köpfen festgesetzt. Zu Unrecht, denn er bietet eine Vielzahl an gestalterischen Möglichkeiten, die meist ungenützt bleiben. Je nach Oberflächenbearbeitung und Zusammensetzung kann Beton ein Aussehen ähnlich dem Naturstein aufweisen und gleichermaßen künstlerisch bearbeitet werden. Mit einem entscheidenden Vorteil. Beton kommt als „flüssiger“ Stein auf die Welt und kann nahezu fugenlos in praktisch jede Form gegossen werden. Beton kann bunt sein, leicht, ultrastark und sogar lichtdurchlässig.

Die einfachen Zutaten für den herkömmlichen Beton sind Zement, Sand, Kies und Wasser. Dabei hat der Zement, bestehend aus Kalkstein und Ton, die Wirkung eines „Leimes“, der den Kies zusammenhält. Allerdings stehen noch viele weitere Zuschlagsstoffe zur Verfügung, um Beton zu veredeln. Statt einfachem Kies kann man auch Stahlgranulat oder edlen Marmor beimischen – mit sehr abwechslungsreichen Resultaten. So wurden Waschtische und Küchenarbeitsplatten entwickelt, die runde Glasperlen aufweisen. Geschliffen und poliert, werden an der geschmeidig glatten Oberfläche die verschieden großen, glasgefüllten Poren sichtbar – eine spektakuläre Kombination aus hartem Beton und schillerndem Glas. Durch die Beimengung von dunklem Basalt wiederum entstehen edel schwarz glänzende Betonböden, die sich nahtlos durch die Räume ziehen.

Bunter Beton

Beton muss nicht immer grau sein. Durch Beimischung von Farbpigmenten kann der Beton vollständig und gleichmäßig durchgefärbt werden. Fast weiß gefärbter Beton wird durch die Beigabe von Titanoxid und Carrara-Sand möglich. Wird der Werkstoff nach dem Aushärten geschliffen und poliert, entsteht eine geschmeidige Oberfläche, die zerbrechlich wie eine Eierschale wirkt. Betonoberflächen können nachträglich farblich gut bearbeitet werden. Lasuren schützen den Beton vor Abnutzung und sind besser geeignet als deckende Anstriche, welche die charakteristisch porige Oberfläche des Materials nur verbergen.

Jahresringe im Beton

Aufgrund des einfachen Grundrezeptes für Beton ist das Material selbst kostengünstig. Teuer kann allerdings die Erstellung extravaganter Formen kommen. Ob Bauteil, Mobiliar oder Kunstgegenstand – zur Fertigung eines Volumens aus Beton benötigt man eine entsprechende Form, in die der Beton gegossen wird. Im Hochbau wird diese Form „Schalung“ genannt, je nach Einzigartigkeit ihres Zuschnitts kann diese teuer kommen. Aus welchem Material die Schalung besteht, ist dabei von großer Bedeutung und an der Oberfläche stets ablesbar. Das typisch rechteckige Raster an Sichtbetonwänden entsteht durch den Abdruck solcher Schalungswände, es kann im Nachhinein, so gewünscht, kaschiert werden. Besteht diese Schalung aus ungehobelten Brettern, sind bei besonders feiner Betonmischung sogar der genaue Abdruck und Details der Holzmaserung im Beton erkennbar. Eine Betonwand kann dann so aussehen, als wäre sie aus versteinerten Holzbrettern zusammengezimmert worden.

Effektvolle dreidimensionale Texturen können mit sogenannten Strukturmatrizen in die Oberfläche eingebracht werden. Logos, Muster und Ornamente bis hin zu einfachen Abbildungen im Beton werden auf diese Weise realisiert. Die Oberfläche kann zusätzlich farbig lasiert werden, was ihr einen besonders kunstvollen Charakter und eine sinnlich plastische Wirkung verleiht.

Auf Entdeckungsreise an der Wand

In bereits bestehenden Bauten, die einst in Betonbauweise ausgeführt wurden, können Putz und Tapete nachträglich entfernt werden, um die abwechslungsreiche Struktur der darunter befindlichen Betonwand wieder freizulegen. Gehen Sie auf Spurensuche an Ihren Wänden! Übliche Innenputze können mit Sandstrahlgeräten entfernt werden, ohne den darunter befindlichen Beton anzugreifen. Die freigelegten Wandflächen können anschließend klar lasiert werden und überraschen mit einer besonders modernen Wirkung.

Die Möglichkeiten, die uns Beton bietet, sind vielfältig und entwickeln sich dennoch stetig weiter. Immer neue, noch leichtere, flexiblere und stabilere Betonmischungen werden realisiert, die auch immer besser im Möbelbau eingesetzt werden. Massive Wände können sogar lichtdurchlässig sein. Hierfür werden lichtleitende Fasern in den Beton eingegossen, wodurch Licht und Schatten durch den Beton hindurch sichtbar werden. Diese Technik steckt noch in den Kinderschuhen, setzt aber in der Innenraumgestaltung in Form von Raumteilern und Mobiliar bereits neue Akzente. Eines Tages werden so vielleicht selbst massivste Betonmauern, die einst für dunkle Architekturjahrzehnte des 20.Jahrhunderts standen, sogar die Aufgabe der Belichtung in Innenräumen übernehmen und das traditionelle Fenster zum Relikt verkommen lassen. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Wie sich heute schon Beton in der Innenraumgestaltung praktisch einsetzen lässt, lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Raumdoktors.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 13 /2010

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