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Praxis 16. März 2010

Im Angesicht der Medusa

Weil kein Stein dem anderen gleicht, ermöglicht er viele bauliche Facetten.

Diese Woche geht es im Raumdoktor um ein Material, aus dem die großartigsten Bauwerke und Kunstgegenstände der Geschichte entstanden sind. Dennoch wirkt es auch heute keineswegs verstaubt oder veraltet, weil es wie kein anderes Baumaterial den Zeichen der Zeit trotzt und einen Hauch von Ewigkeit erahnen lässt: der Stein.

 

Stein ist durch das Zusammenwirken enormer Kräfte und Urgewalten entstanden. Genau diese Stärke, Robustheit und Stabilität ist an diesem Material über Jahrhunderte hinweg zu spüren. Doch aus Stein wurde nicht nur Geschichte gemacht und erbaut, Stein ist selbst Geschichte.

Stein ist … steinalt!

Korrekterweise als „Gestein“ bezeichnet, ist es ein vielfältiger Mix aus Schichten und Sedimentablagerungen, Mineralien, Glas und sterblichen, versteinerten Überresten von Organismen verschiedenster Zeitalter. Die Ehrfurcht, die uns ein Zyklopenmauerwerk oder die Pyramiden Ägyptens und Mittelamerikas einflößen, sind zu einem großen Teil dem Material selbst zu verdanken. Steine in natürlicher Formation gaben als Höhlen den ersten Menschen ein Zuhause, aus ihnen wurden Werkzeuge hergestellt ebenso wie Tempel und Kathedralen erbaut.

Die ältesten datierten Steine sind über vier Milliarden Jahre alt und somit sind sie das älteste Baumaterial der Menschheit. Stein bezaubert durch seine natürlich entstandene Zeichnung, Textur und Vielfalt.

Stein ist vielseitig

Im Innenraum kann Stein unzählige Formen annehmen und ist ideal für viele Einsatzbereiche. Als Intarsieneinlage an Möbeln, in Nassräumen, an Decken und Wänden findet Naturstein genauso Anwendung wie an Treppenanlagen, Bartresen und Tischplatten. Er wird vor allem als Bodenbelag geschätzt, wo seine Vorteile am besten zur Geltung kommen. Naturstein ist abriebfest und säurebeständig, trotzt so Beschädigungen, ist pflegeleicht und daher für eine Arztpraxis besonders zweckmäßig. Hinzu kommt, dass Stein ein guter Wärmespeicher ist und in Verbindung mit einer Bodenheizung daher energiesparend und – trotz vieler Vorurteile – dann alles andere als kühl und unbehaglich wirkt.

Zu den beliebtesten Steinen zählen Granit, Kalkstein, Marmor, Schiefer oder künstlich hergestellte Sorten wie Quarzstein – eine Mischung aus Farbpigmenten, Quarzgranulat und Harz, die unter hohem Druck entsteht. Sogar Halbedelsteine wie Alabaster und Onyx werden in der Innenraumgestaltung eingesetzt. Diese werden dann wie ein Furnier an besonders exquisitem Mobiliar verbaut, etwa an einer Theke, als Wandverkleidung oder Tischplatte. In dünne Platten geschnitten, ist Alabaster durchscheinend und kann effektvoll hinterleuchtet werden, sodass seine Struktur eine gediegene Atmosphäre schafft.

Wer glaubt, dass Stein stets eine rustikale Wirkung besitzt, irrt. Ob Naturstein eine eher archaische Note oder einen modernen Eindruck vermittelt, hängt von vielen Faktoren ab. Besonders großen Einfluss auf die Wirkung hat die Wahl der Steinsorte. Granit kann je nach Farbigkeit und Musterung eine recht altehrwürdige Wirkung entfalten, ebenso wie roher, kaum bearbeiteter Kalkstein. Die gleichmäßige gräuliche Struktur der meisten Schiefersorten und schwarzer Marmor eignen sich besonders gut für ein modernes Ambiente.

Auch die Anordnung ist wichtig

Vor allem jedoch kommt es auf Format, Anordnung und Oberflächenbehandlung des Steins an. Rohe und kaum bearbeitete Steine finden ebenso Anwendung wie geschliffenes und poliertes Material und schaffen dabei sehr unterschiedliche Ergebnisse. Die Steine eines Mauerwerks oder einer Wandverblendung können aus unregelmäßigen Bruchsteinen ebenso bestehen wie aus Quadersteinen des immer gleichen Formats, wodurch sie zeitloser wirken. Besonders beliebt sind derzeit Wandverkleidungen im „Riemchenmuster“: Der Naturstein wird in schmale, dünne Streifen geschnitten und quer verlegt, wodurch der Raum horizontal gestreckt wird. An der Außenseite können diese Streifen dann „spaltrau“ und damit wie frisch aus dem Steinbruch oder gleichmäßig geschliffen und poliert sein, was eine homogenere Wirkung erzielt.

Besonders attraktiv kann auch die Kombination von Riemchen beider Oberflächenbehandlungen wirken. Das verleiht einer Wandpartie Rhythmus und sie wird dadurch zum haptischen Erlebnis.

Stein ist immer wieder anders

Ein weiterer Vorteil von Steinbelägen an Wand und Boden zu der klassischen Fliese ist seine Einzigartigkeit und Individualität: Keine Steinfliese gleicht der anderen. Sie sind ein Naturprodukt, das sich durch seine abwechslungsreiche, beinahe grafisch wirkende Textur und Farbe auszeichnet. Ein Ornament, das Mutter Erde selbst entworfen hat. Gerade deswegen wird es gerne in der modernen Architektur zur Auflockerung streng wirkender Bauwerke angewandt, in der das Ornament seit der Moderne nach wie vor oft geschmäht wird. Stein bringt dort durch seine ungekünstelte Lebendigkeit den Bezug zur Natur ein.

Stein ist einfach, direkt und schön, wie es übrigens auch die Gorgonin Medusa einst gewesen sein soll, bevor sie von Pallas Athene in ein Ungeheuer verwandelt wurde. Durch diese Metamorphose erstarrte jeder, der ihr ins Angesicht blickte, zu Stein. Was für ihre Umgebung unangenehm gewesen sein mag, könnte manchmal auch ein Vorteil sein. Versuchen auch Sie Ihre Innenräume einmal durch die Augen der Medusa zu sehen. Vielleicht entdecken Sie, dass ein wenig mehr Stein in Ihren Räumlichkeiten Sie dem Olymp der Innenraumgestaltung ein wenig näher bringen könnte.

 

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Raumdoktors mehr zur Anwendung des Materials, das die Geschichte der Erde in sich trägt.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 11 /2010

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