zur Navigation zum Inhalt
Foto: Fritz Novopacky/ www.lifeball.org
Der Life Ball ist dazu da, Aufsehen zu erregen. Das tut er mit allen Mitteln – auch auf der architektonischen Ebene.
 
Praxis 4. Dezember 2008

Nichts als Luft im Wiener Rathaus?

Anlässlich des Welt-AIDS-Tages am 1. Dezember berichtet unser Raumdoktor retrospektiv von dem wohl bekanntesten Wohltätigkeitsball der Welt: dem Lifeball im Wiener Rathaus.

Ein guter Journalist muss sich bisweilen auf den Schauplatz des Geschehens begeben, ins Krisengebiet aufbrechen, neue Geschichten aufstöbern und Feldforschung betreiben. Architekten und Inneneinrichter sind diesbezüglich weniger für ihren Mut bekannt als vielmehr dafür, sich über Plänen und Modellen hinter einer Schreibtischlampe zu verschanzen. Um dem Schützengraben der Schreibtischarbeit für eine Weile zu entkommen, machte ich mich im Dienste des Raumdoktors in das Wiener Rathaus auf, um bei den Dekorationsarbeiten für den Life Ball 2008 mitzuhelfen und dabei neue Gestaltungsideen auf den Schlachtfeldern des Designs und der Raumgestaltung aufzuspüren.

 

Als Aufhänger des 16. Life Balls wählten Gery Keszler und Team dieses Jahr „Landing on Planet Life Ball“. Dementsprechend außer- und überirdisch musste auch die Ausstattung ausfallen, um für diesen Aufsehen erregenden Anlass die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Man entschied sich daher für die Errichtung pneumatischer Konstruktionen in den Höfen des Rathauses.

Fliegendes Dach

Nun sagt einem der Verstand, dass „pneuma“, also „Wind“ oder allgemein „Luft“, nicht wirklich das geeignetste Mittel sein kann, um architektonisch sinnvolle Lösungen oder gar ein schützendes Dach über dem Kopf zu errichten. Doch weit gefehlt – ein von pneumocell entwickeltes modulares System aus PVC-Pölstern, das allein durch das Zusammenwirken der äußeren Membran und der darin unter Druck stehenden Luft Stabilität erhält, kann zu komplexen Konstruktionen gefügt werden. Durch die Geometrie der Grundeinheiten, bestehend aus drei-, vier-, fünf- und sechseckigen Pölstern, die an den Kanten mit gleicher Länge durch einfache Reißverschlüsse verknüpft werden, kann nahezu jedes Volumen realisiert werden. In diesem Fall entstanden daraus nicht nur ein Ufo, das über der Hauptbühne am Rathausplatz schwebte, sondern auch eine komplette Überdachung in einem der kleineren Höfe und einzelne futuristisch wirkende Säulen im Arkadenhof, die wie außerirdische Greifarme aus dem Boden wuchsen – der Gestaltungswut waren also keine Grenzen gesetzt.

Der Vorteil einer solchen Konstruktion besteht nicht nur in der Formenvielfalt, die realisiert werden kann, sondern auch darin, dass diese PVC-Module hinterleuchtet und durch Lichtprojektionen spektakuläre Effekte erzielt werden können.

Pneumatische Konstruktionen sind natürlich besonders für Großevents wie dem Life Ball oder auch mobile Veranstaltungs- und Ausstellungspavillons geeignet. Für die Gestaltung einer Arztpraxis etwa mögen pneumatische Konstruktionen in diesem Ausmaß nicht sonderlich zweckmäßig sein. Doch mit den Modeerscheinungen in der Raumgestaltung und Architektur verhält es sich wie mit jenen in der Textilindustrie. Was auf dem Laufsteg (oder dem Life Ball) an Glamourösem getragen wird, darf als phantasievolle Anregung für den Hausgebrauch gewonnen und weiterentwickelt werden. Pneumatische Funktionsweisen kennen Ärzte in völlig anderer Form von Operationstischen und Untersuchungsstühlen, die per Knopfdruck oder Fußschalter bewegt und höhenverstellt werden können. Doch mit ganzheitlich pneumatischen Konstruktionen aus Kunststoff-Folien können auch Leuchten und angenehm federnde Sitzlandschaften hergestellt werden. Ohne weiteres realisierbar sind auch hinterleuchtete Wand- und Deckenverkleidungen und abgehängte Raumteiler, die einen Ort auf extravagante Art und Weise zonieren. Der besondere Vorteil in diesen luftgefüllten Kunststoffpölstern liegt in seiner Leichtigkeit, sowohl optischer als auch materieller Art. Zudem ist diese Konstruktionsweise schwer entflammbar, schnell aufzubauen, wandelbar und flexibel, aus den Einzelteilen sind immer wieder neue Lösungen herstellbar. Einfach neu anordnen und aufblasen – schon entsteht eine völlig neue Struktur.

Wichtig ist dabei, eine solch auffällige Gestaltungsidee in eine neutrale Umgebung zu setzen, wo sie für sich selbst wirken kann und nicht mit anderem Inventar konkurrieren muss.

Viel Trubel um heiße Luft

Diese extravagante, futuristisch anmutende Rauminstallation sorgte für das nötige Aufsehen und den Aha-Effekt an dem auch sonst nicht an Furore armen Life Ball. Diese Konstruktion, deren luftgefüllter Grundbaustein der Zelle und damit dem Grundbaustein des Lebens nachempfunden ist, passte perfekt ins Veranstaltungskonzept der Life Ball Macher, die mit dem Motto „love is infinite, life is universal“ das Leben zelebrieren wollten.

Doch trotz all dem Glamour, Glitzer und der Prominenz darf nicht vergessen werden, dass sich auch der Life Ball selbst in ideologischer Hinsicht keineswegs im luftleeren Raum bewegt. Wer kritisiert, dass es am Life Ball nur mehr um Tanz und Oberflächlichkeit geht, übersieht dabei leicht, dass das Großereignis genau von diesen Kontrasten lebt. Dabei geht es nicht darum, bloße Luftschlösser zu bauen – durch das „Tanzen für das Leben“ soll Geld aufgebracht werden, das das Leiden und Sterben vieler verhindern soll. Trotz Aufklärung und moderner Gesellschaft hat eine HIV-Infektion in vielen Fällen immer noch gesellschaftliche Isolation und sozialen Absturz zur Folge. Besonders erschreckend sind Zahlen, die belegen, dass mehr als 90 Prozent der HIV-positiven Menschen in Österreich unter der Armutsgrenze leben. Ein Großereignis wie der Life Ball hilft, dies zu thematisieren.

„Kicking Aids out“

Dass der spielerische Umgang durch Freude und Spaß am Leben als Trägermedium im Kampf gegen die lebensbedrohende Krankheit funktioniert, ohne die Thematik dabei zu verharmlosen, zeigen zahlreiche Projekte, die vom Verein Aids Life unterstützt werden. Eines davon, das Projekt MYSA in Kenia, will etwa durch Fußball weitere Neuinfektionen verhindern. „Kicking Aids out!“ heißt das Motto dieser Initiative, die Jugendliche auf den Fußballplatz lockt und dort nur scheinbar nebenbei wertvolle Präventions- und Aufklärungsarbeit leistet. Mit den Mitteln des Vereins werden so zahlreiche Kampagnen im Kampf gegen AIDS und HIV im In- und Ausland unterstützt, um da einzuspringen, wo Not herrscht, ohne Staat und Gesundheitssystem aus ihrer Verpflichtung entbinden zu wollen.

Wer hinsieht, versteht auch

Die Architektur leistet dabei nur einen kleinen Beitrag, um dieses Event ein wenig eindrucksvoller zu machen. Ein ernstes Thema wie dieses verdient es aber, gute Werbung und ein Aufsehen erregendes Ambiente verpasst zu bekommen, um so eine hohe Signalwirkung zu erzielen. Denn nur wo man unbedingt hinsehen muss, versteht man vielleicht auch, worum es eigentlich geht.

Foto: Fritz Novopacky/ www.lifeball.org

Der Life Ball ist dazu da, Aufsehen zu erregen. Das tut er mit allen Mitteln – auch auf der architektonischen Ebene.

Foto: Thomas Herzig/ pneumocell

Besucher des Wiener Life Ball unter dem schützenden und illuminierten Dach von mit Luft gefüllten PVC-Pölstern.

Von DI. Niel Mazhar, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben