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Foto: Bundesmobilienverwaltung / Fritz Simak
In der Zwischenkriegszeit wurde die Formensprache immer schlichter, und man legte mehr Wert auf die Verarbeitung der Oberflächen.
 
Raumdoktor 20. Oktober 2009

Die „andere“ Moderne

Lassen Sie sich von alten Meistern im Wiener Hofmobiliendepot inspirieren!

Letzte Woche besuchte ich die neu eröffnete Ausstellung des Hofmobiliendepots in der Andreasgasse zum Thema „Wohnen zwischen den Kriegen. Wiener Möbel 1914-1941“. Zu sehen sind dort exemplarische Beispiele bürgerlicher Wohnungseinrichtungen aus Wien, aber auch soziale Aspekte des Wohnens im „Roten Wien“.

 

Die Zwischenkriegszeit ist geprägt von Avantgardisten und Modernisten. Stahl kam in ganz Europa in Mode, Möbel hatten billig in der Produktion, effizient und nach der damaligen Vorstellung „gesund“ zu sein. Produktionstechniken aus der Industrie wurden für den Möbelbau adaptiert, und dies zeigte sich auch in der Formgebung. Aber Wien ist bekanntlich anders. Hier frug man sich, ob Stahlrohrmöbel wirklich mit dem Gedanken der „Wiener Gemütlichkeit“ vereinbar waren, also ging man parallel zur internationalen Entwicklung eigenständige Wege.

Die Namen großer Architekten wie Josef Frank, Walter Loos, Oskar Strnad oder Margarete Schütte-Lihotzki sind in den Ausstellungsräumen zu finden. Wie die Designer mit den individuellen Wünschen ihrer Kunden umgingen, wird auf der Möbelschau genauso thematisiert wie auch die Konflikte, die dabei entstanden. Hier finden sich daher die Biografien der Architekten genauso wie jene der Bauherren.

Das Architekturbüro POLAR hat die Ausstellung gestaltet, die kompletten oder nur teilweise erhaltenen Wohnungseinrichtungen stehen auf Podesten, welche die verwendeten Farbschemen der damaligen Zeit andeuten. Der Besucher wird aufgefordert, neben den Ausstellungsstücken auf Besuchersofas Platz zu nehmen – um so in entsprechender Höhe den Möbeln besser begegnen zu können. Man fühlt sich als willkommener Gast mitten im Geschehen einer verschwundenen Epoche.

Doch viele Möbel der Zwischenkriegszeit sind nicht gänzlich verschwunden. 70.000 Haushalte waren es, die während der NS-Zeit enteignet wurden. Viele Möbelstücke gelangten so wieder in Umlauf, und noch heute finden sich in vielen Wiener Wohnungen arisierte Stücke, ohne dass dies den neuen Eigentümern bewusst ist. Möbel erzählen die Geschichten ihrer Nutzer, und manchmal können diese auch tragisch sein.

Jeder sein eigener „Decorateur“

„Ist doch so ein Zimmer wie eine Violine. Die kann man einspielen, jenes einwohnen.“ Dieses Zitat von Adolf Loos ziert einen der Ausstellungsräume und zeigt, wie wichtig es ist, den eigenen vier Wänden eine persönliche und individuelle Note zu verleihen.

Loos war einer der Vordenker des „Neuen Wiener Wohnens“. Er sprach den Menschen Mut zu, die Initiative in ihren Räumen zu ergreifen. Er sprach sich gegen die Bevormundung der historistischen Architektur aus und sprach von der Tyrannei „stilvoller Zimmer“, die, im Rokoko oder Barock eingerichtet, keine eigenständigen Veränderungen und Adaptierungen mehr zuließen, sich nicht weiterentwickeln und niemals „persönlich“ werden konnten.

Seine Ansichten und streitlustigen Aufsätze haben bis heute kaum an Aktualität verloren. Ähnlich verhält es sich mit dem ausgestellten Mobiliar. An ihm fällt sofort die hochwertige Verarbeitung der Materialien auf. Wurde die Formensprache jetzt immer schlichter, so legte man nun mehr Wert auf die ausgezeichnete Verarbeitung der Oberflächen. Diese waren vor allem aus Holz und damit das passende Material, um die Idee der „Wiener Gemütlichkeit“ materialisiert zu sehen. Denn Holz kann, allen Vorurteilen zum Trotz, in schlichter Form zeitlos modern wirken. Oft kommt es dabei in erster Linie auf die Wahl der passenden Holzart und seine Oberflächenverarbeitung an. Die Vertreter der Moderne hatten dies erkannt – und auch, dass es im Vergleich zu Stahl und Glas eine sympathisch warme Komponente einbringt.

Ein anderer spannender Ansatz kann der Einrichtung von Lucie Rie, entworfen von Ernst Plischke, entnommen werden. Diese besticht durch raffinierte Einbauschränke. Schon vor ihm war es wieder einmal Adolf Loos, der forderte, dass sperrige Möbel wie Kleider- und Küchenkästen in der Wand zu verschwinden hätten. Entweder die Möbel waren flexibel und mobil, oder sie müssten Teil der Architektur werden. So sollte das Zimmer mehr als eine leere Hülle sein, die mit klobigen Kästen gefüllt werden musste. Das Mobiliar als fester Bestandteil des Raumes. Zweckmäßige Ein- und Ausbauten wurden zu Armen und Beinen der Wände. Loos eröffnete den Räumen eine neue Perspektive, gab ihnen eine zusätzliche Dimension. Dieses Konzept kann auch heute noch als Lösungsansatz in der Raumgestaltung glänzen. Diese und viele andere Designideen kann man in den Räumen des Hofmobiliendepots entdecken. Lassen Sie sich von den Meistern der Wiener Moderne verführen!

 

 Internettipp: www.hofmobiliendepot.at

Von DI. Niel Mazhar, Ärzte Woche 43 /2009

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