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Foto: VBK, 2009
Der Sessel „Cité“ wurde anlässlich eines Wettbewerbes für die Möblierung eines Studentenheimes 1931/32 entworfen.
 
Praxis 23. Juni 2009

Möbel wie Maschinen

Lernen von einem großen Designer des 20. Jahrhunderts: Jean Prouvé.

Das Hofmobiliendepot präsentiert in Kooperation mit dem Vitra Design Museum die viel beachtete Architektur- und Möbelausstellung rund um Jean Prouvé, die nur noch bis 21. Juni zu sehen ist. Unter dem Titel „Die Poetik des technischen Objekts“ zeigt das Depot in der Wiener Andreasgasse Originalmöbel, Architekturelemente und Originalzeichnungen des französischen Designers, die heute wie damals zeitlos elegantes Design verkörpern. Mobiliar, das gleichzeitig technisch durchdacht, künstlerisch wertvoll und sozial ist. Eine gute Möglichkeit, um von einem der besten Konstrukteure der Moderne zu lernen.

 

Große Künstler, ob Maler, Bildhauer, Architekten oder Designer, haben oft eines gemeinsam: Erst viele Jahre nach den mühseligen Jahren des Schaffens wird ihnen die Aufmerksamkeit zuteil, die sie verdienen. Doch diese Künstler zeichnen sich oft noch durch ein anderes Merkmal aus. Ihr künstlerisches Schaffen ist meist von einer zeitlosen Ästhetik, die zukunftsträchtige Ideen und visionäre Designs miteinander verbindet.

Das trifft auch auf Jean Prouvé (1901–1984) zu. Noch nie war der französische Designer so berühmt und beachtet wie heute. Er gehörte zu den Vertretern der Moderne, die mit ihren Entwürfen auf das damals erwachte Bedürfnis nach „Licht, Luft und Hygiene“ in den alternden Städten Europas reagierten. Architektur und Design waren Mittel zur „Erziehung der Körper“. Das sprach naturgemäß auch Ärzte und Wissenschaftler an, weswegen er Möbel für Sanatorien und Krankenhäuser entwarf.

Was denkt das Material?

Prouvés Möbelentwürfe entspringen einer Ästhetik, die von der Technologie inspiriert ist. An Ideen für dynamische Formen, dem Automobil- und Flugzeugbau entlehnt, mangelte es nicht. Für ihn unterschied sich die Konzeption eines Hauses nur unwesentlich von der eines Möbels – oder einer Maschine. Abhängig vom Material und seinen Eigenschaften, wurden die physischen Kräfte, denen das Möbelstück ausgesetzt war, analysiert, und sie bestimmten in erster Linie die Form. Ob das nun ein Dach oder ein Tisch war, aus allen seinen Designs sprach Prouvés Verständnis für Material und Präzision.

Prouvé hat demnach Möbel wie Maschinen gebaut, die aber so elegant und geschmeidig wirken wie lebendige Körper. Das Mobiliar zeugt folgerichtig von einer eleganten Dynamik; als wären Armlehnen, Verstrebungen, Stützen und Beine frei beweglich. Es scheint, als könnte sich das Mobiliar jeden Moment aufrichten und durch das Hofmobiliendepot davongaloppieren, vorbei an kaiserlich-königlichen Ausstattungen von Sisi und Franz Joseph.

Direktheit und logische Einfachheit

Seine Architektur und Designs sind oft sanft geschwungen und elegant, wirken manchmal auch roh und archaisch, in jedem Fall aber authentisch und entwaffnend ehrlich, niemals plump. Prouvé konzentrierte sich immer auf das Wesentliche. Als Material wählte er Bleche aus Nickel oder Chrom, die seine Entwürfe besonders leicht wirken ließen. Scheu vor Möbeln aus Stahlblech und Metall ist also damals wie heute nicht angebracht. Dieses Mobiliar kommt so ganz ohne Schnörkel manchen zu kühl und steril vor. Jedoch ist hier die klare, durchdachte Linie der Schnörkel! Und genau das ist es, was seine Entwürfe so zeitlos macht, weswegen er auch heute noch Vorbild für bekannte Designer und Architekten ist.

In seinen Designs versucht Prouvé gar nicht erst Gelenke, Schrauben und Bolzen zu kaschieren, die Konstruktion zu verstecken. Man erkennt darin sein systematisches Entwurfsdenken. Möbel, die wissenschaftlich-technisches Kalkül ausstrahlen – modern und schlicht. Weil es schön ist, zu sehen, zu fühlen und auf einfache Weise zu begreifen, wie ein Möbelstück funktioniert. Prouvés Möbel sind in der Regel modifizierbar, sie lassen sich anpassen und verstellen. Auch das soll auf den ersten Blick sichtbar sein.

Der Designer mit dem Gefühl für das Gesunde

Einige Möbelstücke kann man klappen, kippen, stapeln, wie es das Herz begehrt. Auch das kann man als Inspiration für heutige Zeiten mitnehmen und als Aufruf für flexibles Mobiliar verstehen. Auch wir sind nicht genormt und unbeweglich, warum sollten unsere Möbel so sein?

Es entstanden auch Sessel, die gesundes Sitzen ermöglichen sollten. Er entwarf den archaisch wirkenden Hörsaalstuhl Bergère, der ein Hin- und Herschaukeln ermöglicht und über einen Schlitz in der Rückenlehne verfügt. Dieser soll vermeiden, dass die Wirbelsäule gegen das Stahlblech der starren Lehne drückt. Auch damit lehrt uns Prouvé, dass beim Sitzmobiliar stets auf gesunde Sitzqualität geachtet werden sollte. Wäre es nicht gerade im Wartezimmer eines Orthopäden mehr als peinlich, wenn der Patient in einem Sitzapparat Platz nehmen müsste, der sich negativ auf den menschlichen Stützapparat auswirkt?

Einzigartige Meisterstücke für serielle Produktionen

Wichtig war Prouvé stets die günstige und serielle Fertigung seiner Möbel und Designs. Seine Entwürfe lehren uns, sparsam mit dem Material umzugehen. Zu meinen Lieblingsobjekten gehören seine Entwürfe für Schreibpulte mit integrierten Sitzen. Für einen Tisch und zwei Sessel würde man normalerweise zwölf Beine benötigen. Prouvé kommt mit vier aus. Stühle und Tisch stützen einander ab, das Ganze sieht dynamisch und modern aus.

Solche Ansätze, intelligentes und sparsames Design, machen Prouvés Design einzigartig. Diese Grundideen können aber auch heutzutage umgesetzt werden. Beginnen Sie etwa mit dem Wartezimmer Ihrer Arztpraxis. Statt soundsoviele Sessel mit soundsovielen Beinchen aufzustellen, die dann, nebeneinander aufgereiht, an einen Tausendfüßler erinnern, setzen Sie auf elegantes und schlichtes Design! Eine elegante Sitzbank tut es auch, spart Platz, Material und bringt die Leute einander näher. Ähnlich wie Prouvé es mit seinen Schulbänken tat, lassen sich dann auch kleine Ablagen und Körbe an den Armlehnen integrieren, die Lesestoff für den wartenden Patienten bereithalten.

„Integrieren“ und „kombinieren“ – auf diesen Schlagwörtern basieren einige der Entwürfe Prouvés, und sie zeigen seine analytische Denkweise. Ein weiteres, praktisches Beispiel dafür ist ein Bibliothekstisch, den er für die „Maison de l‘étudiant en médicine“ entwarf. In den Tisch ist ein vertikaler Rahmen integriert, der eine doppelseitige Beleuchtung ermöglicht. Dieser beleuchtet nach unten die Tischoberfläche und nach oben hin die Decke und bewerkstelligt so ein angenehmes indirektes Lichtambiente im Raum.

Diese Beispiele zeigen, wie schön Lösungen sind, die mehrfachen Zwecken dienen und multifunktional sind. Unser Mobiliar sollte Arbeitsabläufe erleichtern und praktisch sein. Bereits ein Regal und einfache Ablagen können so konzipiert sein, dass sie Zeit ersparen. So entwarf Prouvé ein Regal, das ohne Rückenwand auskommt und so unnötige Wege vermeidet.

Das Prinzip ist einfach und erlaubt immer neue Kombinationen. In dem Entwurf werden Bücherborde aus Holz von kleinen U-förmigen Stützen gehalten. So kommt das Bücherregal ganz ohne Rückenwand aus und ist daher von beiden Seiten aus einfach bedienbar und auch als Raumteiler einsetzbar. Die U-förmigen Stützen wiederum bilden kleine Kammern, die als Spezialfächer genutzt werden können. Ein Traum für den passionierten Ordnungsfanatiker!

Alte Klassiker ganz neu

Wer sich nicht nur damit zufrieden geben will, Theoretisches von einem großen Meister der Moderne zu lernen, kann die Meisterstücke von damals auch in einer Neuauflage erstehen. Da die Originale als Sammlerstücke Rekordpreise auf Auktionen erzielen und man selbst für schönes Design nicht sein letztes Hemd opfern sollte, produziert die Firma Vitra einige Klassiker in originalgetreuer Form. Etwa den Sessel „Cité“, dessen Silhouette so sanft wirkt, als wäre sie mit einem einzigen zügigen Strich entworfen worden. Dieser und andere Designerstücke sind als Re-Editionen in Österreich erhältlich und zeigen, dass Prouvés Design bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.

Die Ausstellung anlässlich des 25. Todestages von Jean Prouvé ist nur noch bis 21. Juni zu sehen. Aus diesem Anlass gibt es noch drei Sonderführungen am 21. Juni durch die Ausstellung.

Einen Besuch der Ausstellung rund um Jean Prouvé kann wärmstens empfohlen werden. Auch sonst bietet das Hofmobiliendepot etwa 163.000 Objekte auf 6.000 Quadratmetern, die zu neuen Ideen in der Raumgestaltung inspirieren, Tendenz steigend. Denn (Möbel-)Geschichte wird laufend geschrieben. Übrigens war auch Prouvé kein ausgebildeter Architekt und Designer, sondern ausgebildeter Kunstschmied und Autodidakt.

Kasten:
Die letzte Gelegenheit für Prouvé
Am 21. Juni endet die viel beachtete und erfolgreiche Ausstellung zu Jean Prouvé im Hofmobiliendepot • Möbel Museum Wien.
Aus diesem Anlass gibt es am Sonntag, dem 21. Juni, noch drei Sonderführungen (um 11.00 Uhr, 14.00 Uhr und 16.30 Uhr) durch die Ausstellung.
Anmeldung erbeten: Tel.: +43-1-524 33 57, Mail:
Eintrittspreise: http://www.hofmobiliendepot.at/besucherinfo/preise.html

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 25 /2009

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