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Praxis 24. April 2008

Spektakel an der Oberfläche (Raumdoktor 24)

In der letzten Ausgabe des Raumdoktors wurde ein kurzer Einblick in die Welt der Oberflächen gegeben. Ettliche können uns durch ihre selbstreinigende Wirkung so manchen Großputz ersparen. Bei der Materialwahl sollten jedoch nicht nur praktische Aspekte und das Funktionsdiktat dominieren. Auch gestalterische Intentionen und der Sinn für Ästhetik dürfen dabei nicht zu kurz kommen. Schließlich haben Oberflächen und Materialwahl bei der Raumwahrnehmung einen wichtigen Stellenwert und lassen uns einen Raum sinnlicher wahrnehmen.

Besonders zur Biedermeierzeit wurde der Oberfläche und dem Schein nach außen eine große Bedeutung zugeschrieben. Die industrielle Revolution machte es möglich, repräsentative Material-Imitate günstig am Fließband herzustellen. Das industriell gefertigte Furnier etwa, das wertvolle Hölzer perfekt nachzuahmen verstand, passte gut ins Konzept und erlebte seinen Aufschwung. Endlich war es dem Bürgertum möglich, ein behagliches Heim zu schaffen, das teuer genug aussah, um mit dem Inventar der Aristokratie konkurrieren zu können. Spektakuläre und kostspielige Oberflächen sollten im trauten Heim von der schwierigen politischen Situation vor der Haustür ablenken. Man träumte vom Reichtum und wiegte sich – trotz staatlicher Kontrolle – in romantisierender Bequemlichkeit.
Die Gestaltung der Oberfläche sollte jedoch nicht nur als Ablenkungsmanöver missbraucht werden. Durch die Wahl des richtigen Materials ist es gar nicht mehr notwendig, irgendetwas vorzutäuschen – im Gegenteil. Die Wissenschaft verhilft scheinbar trägen und traditionellen Materialien zu neuen Identitäten und schafft sogenannte smart materials.

Zauberbeton

Nehmen wir als Beispiel den guten alten Beton. Ein Werkstoff, der sich durch seine Langlebigkeit auszeichnet, durch seine schwere und monotone Masse beeindruckt, gleichzeitig aber auch starr und stur gegenüber Veränderungen ist. Ein Versuch, die Oberfläche des Betons veränderbar zu gestalten, geschieht nun durch den Einsatz von Heizelementen in einer Betonmischung, die bei Temperaturveränderung eine andere Farbe annimmt. Dadurch kann auf Knopfdruck eine dunkelbraune Betonwand binnen weniger Augenblicke blütenweiß werden und sich so scheinbar aufzulösen. Auch andere spektakuläre Effekte werden möglich, etwa durch einzelne unter der Oberfläche angebrachte Heizstäbe, die ähnlich einer digitalen Anzeige angeordnet sind. Durch computergesteuerte wechselnde Temperaturen ist es so wie von Zauberhand möglich, etwa Schriftzüge oder die Uhrzeit an der Wand abzubilden.
Dass moderner Beton seine Trägheit verliert, lässt sich auch an einer anderen Innovation sehen: dem Lichtbeton. Dabei wird der Baustoff mit lichleitendem Gewebe in einem speziellen Verfahren kombiniert und beinahe transparent gemacht. Selbst bei größeren Wanddicken sind Licht, Schatten, Farben und Bilder durch den Beton hindurch zu sehen. So werden leuchtende Trennwände und Verkleidungen möglich, auch Einbaumobiliar kann so zur spektakulären Attraktion werden. Trotz dieser Lichtdurchlässigkeit bleibt die Festigkeit des traditionellen Betons erhalten, denn was nach Glas aussieht, muss keineswegs zerbrechlich sein.
Wer lieber beim traditionellen Glas bleiben möchte, wenn es um lichtdurchlässige Flächen geht, dem stehen auch bei diesem Material neue Technologien zur Verfügung. Ein Beispiel ist das elektrooptische Glas. Dieses ist im Normalzustand matt durchscheinend. Spezielle Flüssigkristallschichten machen in ungeordnetem Zustand ein Durchsehen unmöglich, doch sobald Strom fließt, richten sich die Kristalle aus und die Glaswand wird transparent. Dieses Verfahren wird gerne in Konferenzräumen angewandt, die durch solche Trennwände separiert werden. Aber auch in einer Arztpraxis könnte man so von außen einsehbare Räume per Knopfdruck zu vollständig isolierten Bereichen umfunktionieren.
Mit einem ähnlichen System lassen sich mithilfe durchsichtiger Folien auch interessante Lichtakzente setzen. Diese Kunststofffolien können durch Strom zum Leuchten gebracht werden, wodurch Kanten oder Durchgänge in Räumen in Szene gesetzt werden können. Diese Folien sind millimeterdick und kaum sichtbar, wodurch der Eindruck entsteht, die Wand würde von innen heraus leuchten.

Die Wand mit dem klebrigen Daumen

Es stehen aber auch technologisch weniger aufwendige Maßnahmen zur Gestaltung von Oberflächen zur Verfügung. Eine recht einfache Innovation, die einen spielerischen Umgang mit den Wandflächen erlaubt, ist die sogenannte Magnetfarbe. Dabei handelt es sich um einen einfachen Anstrich, der mit Eisenpartikeln versetzt ist. Damit kann eine ganze Wandfläche in eine Magnettafel verwandelt werden. Mithilfe kleiner Magneten können, wie auf einem schwarzen Brett, direkt an der Wand Informationsmaterial, Bilder oder Fotos angebracht werden. Die Magnetfarbe ist gesundheitlich unbedenklich und hat keinen störenden Einfluss auf elektronisches Gerät.

Neue Drucktechniken

Eine dauerhaftere Methode, Bilder und Symbole an Oberflächen zu zaubern, ist der Einsatz von bedruckten Holz- oder Kunststoffplatten. Durch digitale Drucktechniken lassen sich Oberflächen von Möbeln wie Tischplatten und Schränken, selbst ganze Wandpaneele veredeln. Damit lässt sich beispielsweise das Logo Ihrer Arztpraxis an Wandverkleidungen fixieren, aber auch Muster und fotografische Abbildungen sind möglich, etwa bunte Pillen an den Schränken und Verkaufstresen einer Apotheke.
Ob Sie nun Ihr Portrait in Lichtbeton zaubern oder Liebesbotschaften in farbveränderndem Beton verewigen wollen, was Sie irgendwann genauso bereuen könnten, wie so mancher, der sich den Namen seines Partners auf den Oberarm tätowieren ließ – spielen Sie ein wenig mit den neuen Oberflächen. Die Zukunft wird weitere Materialen mit ungewohnten Eigenschaften hervorbringen, in denen Stahl zu weichem Stoff gewoben und Samt reißfest und belastbar wird. Dadurch werden auch neue Gestaltungsideen geboren, welche die Erwartungen, die wir an so manche Materialen haben, auf den Kopf stellen werden. Freuen Sie sich darauf!

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 17/2008

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