zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 17. April 2008

Blitzblanke Oberflächlichkeit (Raumdoktor 23)

Endlich ist er da! Der Frühling. Vor unseren von Frühjahrsmüdigkeit geplagten Augen wird alles wieder einen Tick bunter, selbst die Menschen etwas freundlicher. Eine der wenigen unangenehmen Begleiterscheinungen junger Sonnentage ist allerdings, dass der vom Grau der Wintertage verschleierte Schmutz an allerhand Oberflächen wieder verstärkt zum Vorschein kommt. An sonnigen Frühlingstagen kann man sich nur bedingt erfreuen, wenn die sonnendurchfluteten Fenster an matt gesprenkelte Windschutzscheiben nach einem Insektenflug erinnern. Dann wird klar, dass mit dem Frühling auch die Zeit für den weniger beliebten Frühjahrsputz gekommen ist. ­Diese Ausgabe des Raumdoktors soll einen kurzen Einblick darüber geben, woran Wissenschaftler in sonnenverdunkelten Labors arbeiten, um uns mit neuesten Erfindungen so manchen Großputz zu ersparen.

Die vormittäglichen Tele-Shopping-Kanäle sind voll von mysteriösen Reinigungsmitteln mit klangvollen Namen, die uns in ein keimfreies Millennium führen wollen. Aber auch uralte Haushaltstipps aus Omas Zeiten füllen bereits Bände und berichten von der aufgeschnittenen Zwiebel, mit der man verschmutzte Glas- und Spiegelflächen wieder sauber bekommt, bis hin zur Cola, die sich anscheinend wunderbar eignet, um Urinstein zu entfernen. Doch wäre es nicht fabelhaft, wenn es Oberflächen gäbe, die ganz von allein eine hygienisch saubere und sogar gesunde Umgebung erhalten können? Und ja, es gibt sie, die intelligenten Oberflächen, die uns die Arbeit wesentlich erleichtern und ersparen können.

Der Lotuseffekt

Eine der bekanntesten Erfolgsgeschichten wurde nach einer exotischen Pflanze benannt. Das als Lotuseffekt bekannt gewordene Geheimrezept verhindert die Verschmutzung einer Oberfläche durch sogenannte Mikrostrukturen. Vereinfacht ausgedrückt, bewirken mikroskopisch kleine Noppen, dass die Schmutzpartikel in die Oberfläche eindringen können. Der Schmutz liegt nur locker auf und kann bereits durch einen schwachen Wasserstrahl entfernt werden. Das Wasser selbst kann nicht eindringen, da die Oberfläche auch wasserabstoßend ist. Flüssigkeiten perlen einfach ab und reißen den angesammelten Schmutz mit sich. Solcherart können besonders schmutzgefährdete Oberflächen verschiedener Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände auf einfache Weise sauber gehalten werden. Es gibt diesen Lotuseffekt beispielsweise als einfach aufzutragende Folien, die Tische und Abstellflächen frei von Schmutz halten können. Doch der Lotuseffekt ist mittlerweile ein alter Hut. Derartig beschaffene Tischdecken habe ich bereits in abgelegenen Dorfwirtshäusern gesehen, an denen der gefürchtete Rotweinfleck nur mehr als lästiges, quecksilberartiges Tröpfchen vom Tisch gefegt wird.
Relativ neu ist der Einsatz von Silber-Ionen in der Haustechnik. Das Schreckensbild des frech grinsenden Kindes, das sich die mit Marmelade bekleckerten Hände in das blütenweiße Hemd schmiert, ist uns aus der Waschmittelwerbung bekannt. Gegen Marmeladenfinger mögen selbst modernste selbstreinigende Technologien machtlos sein, jedoch werden per Hand auch Krankheitserreger verbreitet, gegen die es nun ein Rezept zu geben scheint. So werden besonders verdächtige Kontaktflächen wie etwa Lichtschalter in Krankenhäusern und Arztpraxen bereits mit antibakteriellen Oberflächen auf Basis der Silber-Ionentechnologie ausgestattet. Diese hemmen das Wachstum verschiedenster Krankheitserreger auf ökologisch unbedenkliche Art und Weise und sehen dabei auch noch gut aus.

Flächen mit Wirkung

Antimikrobielle Oberflächen wirken durch den Release- oder den Kontaktmechanismus. Bei Ersterem wirken spezielle Wirkstoffe an der Oberfläche, etwa durch eine aufgebrachte Folie. Der Kontaktmechanismus wiederum wirkt durch den direkten Kontakt der Keime mit bestimmten chemischen Verbindungen der Oberfläche, etwa einem Lack, wodurch die Ansiedelung von Bakterien und Pilzen gehemmt wird.

Aalglatt, aber sauber

Doch auch auf rein konstruktive Merkmale des Mobiliars und der Oberflächen sollte geachtet werden. Möbel, die so wenig Fugen und Spalten wie möglich aufweisen, sind für Spitäler und Arztpraxen besonders geeignet. Dadurch werden keine schwer zugänglichen Bereiche an den Gegenständen geschaffen, in denen Pilze und Bakterien ihre Zuflucht finden. Des Weiteren sollten stark beanspruchte Oberflächen glatt und nicht porös sein.

Erde an unseren Wänden

Auch Mutter Natur selbst liefert uns Werkstoffe, die zwar nicht keimtötend, jedoch gesund sind. Ein Beispiel hierfür ist Lehm. Noch vor einigen Jahrhunderten war Lehm auch in unseren Breitengraden ein beliebter Baustoff. Im Hausbau war er beinahe schon verschwunden, wird aber seit wenigen Jahren wieder entdeckt. Dabei ist er besonders für den Innenausbau ein Baustoff, der wahre Wunder für unser Wohlbefinden bewirkt. Als Innenwandputz vermag er nämlich die Raumluft und -feuchte zu regulieren. Zu trockene Luftfeuchte beeinträchtigt bekanntermaßen unserer Lungen und Schleimhäute. Lehmputze sind nicht nur hautfreundlich und ökologisch unbedenklich, sie können auch Feuchtigkeit aufnehmen, speichern und im Bedarfsfall wieder in den Raum abgeben. Ein weiterer Vorteil ist, dass auf Lehm kaum Schimmelbildung möglich ist. So gesehen ist ein natürlicher Lehmputz nicht nur für die Praxis eines Lungenfacharztes ein effektvoller und gesundheitsfördernder Werbegag. Darüber hinaus ist er auch noch kostengünstig. Damit wäre bewiesen, dass Mutter Natur mit ihren uralten Erfolgsrezepten den modernen Wissenschaftlern in Sachen Gesundheit und Hygiene immer noch die Show stehlen kann.

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 16/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben