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Praxis 28. März 2008

Schmiererei, Kosmetik oder Geniestreich (Raumdoktor 21)

Kunst und Dekor komplettieren die Innenraumgestaltung. Sie sind dabei mehr als nur die oberflächlich korrigierende Kosmetik für unansehnliche Räume. Sie geben dem Design den letzten Schliff, verleihen ihm Charme und Seele. Dabei ist anzumerken, dass natürlich nicht alles, was dekorativ ist, Kunst sein muss. Insgesamt sollte man sich nicht von den strengen und respekteinflößenden Regeln der Kunstkritik einschüchtern lassen. Viel wichtiger ist es, das weite Gebiet der Kunst auf eigene Faust zu erschließen und sich auf eine spannende Entdeckungsreise einzulassen. Was nun folgt, ist ein Plädoyer für die Kunst in der (Arzt-)Praxis.

Um es mit einem Bespiel aus der Welt der bildenden Künste zu sagen: Auf dem Ölbild Hotel Room von Edward Hopper ist eine Frau zu sehen, die scheinbar unangenehm berührt auf einem Bett im Hotel sitzt und ein Buch liest. Ein karger Raum voll typischer Hotelmöbel, triste Wände, leere Schubladen und öde Regale komplettieren die Szenerie. Effizient und seelenlos zugleich!
Sicherlich werden Kunstwerke nicht primär geschaffen, Wohnräume oder Arbeitsstätten zu schmücken und wohnlicher zu gestalten. Dennoch hauchen Kunst- und Dekorationsgegenstände der Raumgestaltung eine kreative Seele ein. An ihnen lässt sich der individuelle Geschmack des Besitzers und Benutzers ablesen. Sie verleihen dem Raum einen einzigartigen Rhythmus und geistigen Inhalt, füllen ihn mit Leben und werten ihn auf. Die Frage, was Kunst denn nun sei, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Vielleicht muss man sich auch erst völlig von den strengen Konventionen des Kunstfeldes befreien, um einen eigenen und unbeschwerten Zugang zur Kunst zu finden. Wichtiger mag sein, was Kunstobjekte uns persönlich bedeuten oder welche Emotionen sie in uns auslösen. Ob wahre Kunst nun das Endprodukt eines kreativen Prozesses ist oder der Entstehungsprozess selbst der eigentliche Kunstakt ist – am Ende stehen immer wir selbst. Als Betrachter, die mit ihren eigenen Interpretationen und Vorstellungen das Kunstprodukt erst vervollständigen.
Man sollte Kunstwerke nicht immer auf ein geistiges Podest stellen. Ganz im Gegenteil, sie gehören benutzt und sollten stärker in unser tägliches Leben integriert werden. In unserem stressgeplagten Alltag laden sie zum Verweilen ein und regen zum Nachdenken an. Gerade im Wartezimmer einer Arztpraxis, in dem die meiste Zeit mit Warten und Betrachten verbracht wird, kann das aufregende Höhepunkte bescheren. Selten genug hat man ausreichend Zeit, um ein Kunstobjekt mit der dafür nötigen Muße zu betrachten. In Farbe, Form oder Symbolik eines Bildes zu versinken, die sich dem Betrachter erst nach längerem Studium erschließen. Das kann für den wartenden Patienten entspannend und anregend zugleich sein.

Kunst zum Anfassen

Freilich erwartet niemand, einen Picasso im Wartezimmer hängen zu sehen. Entdecken Sie das weite Feld der Kunst einfach auf eigene Faust, große Namen sind dabei bedeutungslos! Ob Malerei, Fotografie oder Plastik, nicht nur in großen Galerien kann man fündig werden. Es gibt zahlreiche Versuche, dem Kunsthandel seinen elitären Touch zu nehmen. So sind in den vergangen Jahren sogenannte Kunstsupermärkte entstanden, die auf unkonventionelle Art versuchen, Kunst an die Frau und den Mann zu bringen. Dort werden Originalobjekte junger Talente zu erschwinglichen Preisen angeboten, welche die Lust am Sammeln wecken sollen. Nicht der Preis bestimmt dort die Auswahl, sondern der individuelle Geschmack des Betrachters und Käufers. So einfach wird man heute zum Kunstkritiker!

Die Jungen sind noch hungrig

Winkt das Glück, so kann man auch unverhofft an ein Schnäppchen gelangen, sofern man direkt beim Produzenten einkauft. Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches, und viele Studenten verdienen sich derart während ihrer Ausbildung ihr Brot. In den Arbeiten junger Talente der Kunstuniversitäten lassen sich häufig frische Ideen und frühe Meisterwerke entdecken. Dort entsteht Unkonventionelles auf allerhand ungewöhnlichen Untergründen jenseits von Papier und Leinwand. Vielleicht entdecken gerade Sie so den neuen van Gogh.
Aber auch die Anordnung der Kunstobjekte spielt eine große Rolle. Handelt es sich beispielsweise um einen bloßen Dekorationsgegenstand, etwa um einen großen Spiegel in einem prachtvollen Rahmen, reicht es, diesen scheinbar zwanglos an die Wand zu lehnen. Auf eine zusätzliche Fixierung an der Wand sollte dennoch nicht verzichtet werden. So im Raum angeordnete Spiegel schaffen eine illusorische Erweiterung des Raumes und bewirken eine verspielte Atmosphäre.
Bei der Präsentation der Kunstwerke ist die Frage der Beleuchtung entscheidend. Gerade Plastiken kommunizieren mit dem Raumvolumen und der Architektur, die ja ihrerseits als Raumkunst verstanden werden kann. Der gezielte Lichteinsatz betont die Konturen des Objektes und unterstreicht dessen Wirkung im Raum.

Den Fisch vom Haken nehmen

Auch Bilder müssen nicht immer nur an Wandhaken hängen. Es gibt auch andere Möglichkeiten: Ob lässig an die Wand gelehnt oder scheinbar schwebend an Schnüren und Drähten von der Decke hängend. Vor allem großformatige und auffällige Bilder sollten für sich alleine wirken, weshalb sie auch nicht vor einer zu stürmischen Wandoberfläche untergehen sollten. Handelt es sich bei den Bildern um eher kleinere Grafiken, Zeichnungen oder Drucke, darf man ruhig großzügig kombinieren. Bei verschiedenen Stilen und Ausdrucksformen verhilft eine einheitliche Rahmung der Zusammenstellung zu einer harmonischen Gesamtkomposition.
Wer einmal an einer Wand experimentieren möchte, kann statt einer geometrisch strengen Anordnung der Bilder auch ein zwangloses, scheinbar zufälliges Arrangement versuchen. Besonders Schwarz-weiß-Fotografien kann man durch den Einsatz verschiedenster Rahmen und Passepartouts nach Maß zu neuem Leben verhelfen. Ob schmal, ob breit, aus Holz oder Metall, selbst die Passepartouts können verschiedenfarbig sein und einfache ornamentale Muster aufweisen.
Seien Sie mutig und öffnen Sie sich für neue und unverfälschte Ideen. Lassen Sie sich nicht vom erhobenen Zeigefinger der Kunstkritiker abschrecken, auch wenn Sie kein profundes Wissen über Kunstgeschichte vorweisen können. Denn wie sagte das Wiener Multitalent Johann Nestroy einst so treffend: „Kunst ist, wenn man‘s nicht kann, denn wenn man‘s kann, ist‘s keine Kunst.“

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 13/2008

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