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Praxis 19. März 2008

Der (f)liegende Teppich (Raumdoktor 20)

Das Bild von Aladin auf dem fliegenden Teppich ist uns allen bekannt. Kaum jemand weiß jedoch, dass dieses Bild erst viel später von zahlreichen Adaptionen wie dem Disney-Zeichentrickfilm geprägt wurde – in der ursprünglichen Fassung entführt Aladin seine Prinzessin nämlich auf einem Bett aus ihrem Palast. Um einer Raumgestaltung wohnlichen Charme zu verleihen, kann die „Auslegeware“, wie der Teppich einst genannt wurde, auch jenseits der Märchenwelt wahre Wunder bewirken.

 Teppich

Foto: wikipedia

Das deutsche Wort „Teppich“ kommt ursprünglich aus dem Altgriechischen und bedeutet soviel wie „Behang“ oder „Belag“. Der älteste noch beinahe vollständig erhaltene Teppich stammt aus dem fünften Jahrhundert vor Christi Geburt und wurde in Sibirien entdeckt. Der sogenannte Pazyryk-Teppich wurde in der Grabkammer eines skythischen Prinzen gefunden und wies bereits alle Merkmale des klassischen Orientteppichs auf. Ob aus Wolle, Baumwolle oder Seide – grundsätzlich ist zwischen einem einfachen Webteppich, Kelim genannt, und dem Knüpfteppich zu unterscheiden. Bei Letzterem wird dem Teppich noch eine dritte Dimension hinzugefügt: In das zweidimensionale Grundgewebe werden zusätzlich Fäden eingehängt, die das Gewebe dichter und weicher erscheinen lassen und eine Vielzahl an Mustern ermöglichen.
Für eine vielbesuchte Arztpraxis sind wertvolle Knüpfteppiche aufgrund der Verschleißgefahr eher ungeeignet und finden daher meist im Privatbereich Verwendung. Will man dennoch nicht auf einen Orientteppich verzichten, empfiehlt es sich, diesen an weniger benutzten Plätzen auszulegen oder als Schmuckteppich an der Wand anzubringen.
Aufgrund der Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen sind Teppiche aus synthetischen Fasern eine gute Alternative zum traditionellen Knüpfteppich und gut geeignet für stark frequentierte Bereiche. Sie sind weniger anfällig für durch Möbel verursachte Druckstellen und Abnutzungen, pflegeleicht und von langer Lebensdauer. Diese textilen Bodenbeläge werden meist mittels „Tufting“ hergestellt, ein Herstellungsprinzip ähnlich der Funktion einer Nähmaschine. Dabei wird das Garn durch Nadeln in ein Grundmaterial eingewoben.
Diese Teppiche eignen sich besonders als Läufer und „Schmutzschleusen“ nahe dem Eingangsbereich. Sie fangen den Straßenschmutz auf, dämpfen den Trittschall der ankommenden Patienten bereits beim Betreten der Ordination und erzeugen so von Anfang an ein behagliches Gefühl.

Gesund und robust

Ein Trend zu ökologisch unbedenklichen Naturmaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen ist auch in der Teppichproduktion zu beobachten. Teppiche aus Sisal, Kokos oder Hanf erfreuen sich besonders großer Beliebtheit und die Nachfrage wächst stetig. Eine Agavenart aus dem mexikanischen Hochland liefert dabei die robuste Faser für den Sisalteppich. Aus diesem Rohstoff lassen sich sehr widerstandsfähige Teppiche anfertigen, die schalldämmend und antistatisch wirken. Zudem schaffen sie ein gesundes Raumklima, indem sie die Luftfeuchtigkeit regulieren.
Hanf wiederum ist ein außergewöhnlich starker und reißfester Rohstoff, der sich durch seine Langlebigkeit auszeichnet. Die Wurzeln der vielseitigen Pflanze dringen tief in das Erdreich ein, so dass Hanfpflanzen selbst auf ausgelaugten und trockenen Böden gedeihen. Die Widerstandsfähigkeit der Pflanze macht selbst den Einsatz von Pestiziden überflüssig. Bevor der Hanf durch synthetische Produkte verdrängt wurde, wurde er für hochfeste Seile in der Schifffahrt und im Hausbau als Dämmstoff verwendet.
In der modernen Teppichproduktion werden diese Naturrohstoffe zu gewebten Matten verarbeitet und mit Bordüren an den Kanten versehen. Gerade schlichte Bodenbeläge mit eingefassten Rändern können einen Raum mit ungewöhnlichen Proportionen und schrägen Winkeln optisch korrigieren und eleganter erscheinen lassen. Möchte man bei großen Räumlichkeiten auf das Einziehen von Trennwänden oder den Einsatz von Raumteilern verzichten, kann ein gezielt eingesetzter Teppich Abhilfe schaffen. Räume werden so auf besonders subtile Weise zoniert und in Bereiche gegliedert.

Sanfte Bodenbilder

Besonders helle, schlicht gehaltene Räume können durch einen Teppich mit anregendem Design und effektvollen Konturen aufgewertet und durch die weichen Texturen geerdet werden. Ob rund, rechteckig oder quadratisch – durch den effektvollen Kontrast zwischen den verschiedenen Oberflächen kann das Raumerlebnis durch die Kombination von interessantem visuellem Reiz und spannender haptischer Wahrnehmung gesteigert werden.
Teppiche müssen keineswegs nur streng rechtwinkelig sein – es gibt Designs in vielen unterschiedlichen Formen, Farben und Oberflächen, die einen spielerischen Umgang mit den Konturen des Raumes erlauben. So lässt sich der freie Raum zu unseren Füßen mit farbenfrohem Leben und intensiven taktilen Empfindungen ausfüllen. Man kann Teppiche getrost als eine Art Kunstwerk, als „Bodenbild“ verstehen, das dynamische Akzente setzt.
Mobiliar, Bodenaufbau und Teppich sollten einander harmonisch ergänzen oder effektvoll kontrastieren und eine weiche Sanftheit in den Raum bringen. Die Auswahl des richtigen Teppichs unterliegt letztendlich aber meist dem Diktat des Bauchgefühls. Ob flauschig, bunt oder schlicht und elegant – auf jeden Fall sollten Sie bedenken: Ein Teppich muss nicht unbedingt fliegen lernen, um einer Raumgestaltung zu ungeahnten Höhen zu verhelfen.

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 12/2008

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