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Praxis 21. Februar 2008

Ein Tisch im Machtrausch (Folge 17)

Das Arzt-Patienten-Verhältnis verläuft nicht immer so harmonisch, wie sich beide Seiten das wünschen, vor allem die Kommunikation wird bisweilen von Missverständnissen geprägt. Diese Folge des Raumdoktors soll zeigen, wie mit einfachen Mitteln dieses heikle Thema entschärft werden kann. Denn eine sensible Innengestaltung im Behandlungsraum vermag ein Umfeld zu schaffen, das eine entspannte Beziehung begünstigt. Der Patient fühlt sich nicht als bedeutungsloser Bittsteller, wodurch der Arzt sein Vertrauen leichter gewinnt.

Die Inszenierung der Macht durch Architektur und Innenraumdesign folgt bestimmten Grundmustern. Absolute Symmetrie, monumentale, zumeist klobige Formen und schwere Materialien können ein gutes Instrumentarium sein, wenn es darum geht, einen Untergebenen einzuschüchtern. Der französische Architekt Claude-Nicolas Ledoux schuf zur Zeit des Absolutismus unter Louis XVI etliche Beispiele einer solchen Baukunst. In Arc-et-Senans plante er eine Anlage zur Salzgewinnung, mit der es ihm gelang, Macht auf spektakuläre Art und Weise in Szene zu setzen. Im Zentrum dieser halbkreisförmigen Fabrikanlage befand sich das Haus des Direktors, das in gerader Linie vom monumentalen Eingangsportal aus zu erreichen war. Ein rundes Fenster im oberen Bereich des Hauses symbolisierte weithin sichtbar das überwachende Auge des Direktors und zeigte den Standort seines Büros an. Das Emporsteigen der Treppen mit ehrfürchtigem Blick nach oben und die strengen Achsen verstärkten das Gefühl, man würde einen Altar erklettern, in dessen Mittelpunkt der Direktor hinter seinem schweren Schreibtisch bereits auf den bangen Besucher wartete.
Solche Beispiele einer Raumgestaltung, die es vermag, die Machtposition der Person im Chefsessel hinter dem Schreibtisch durch einfache Mittel zu unterstreichen, gibt es genug. In modernen Zeiten sollte der Ansatz jedoch ein ganz anderer sein. Besonders in Behandlungszimmern moderner Arztpraxen gilt es, dem Patienten ein angenehmes Ambiente zu bieten, um dadurch eine kommunikationsfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Dies betrifft nicht nur den Arbeitsplatz des Arztes, sondern auch das Empfangspult der Sprechstundenhilfe, das freundlich und nicht ehrfurchtsgebietend auffallen sollte.
Es gilt zudem, den meist begrenzten Raum optimal und intelligent zu nutzen und auf platzraubende Tische zur Machtdemonstration zu verzichten. Der funktionale Aspekt sollte gegenüber der Selbstdarbietung Vorrang haben. Es ist an der Zeit, eine neue Arztidentität auszuformulieren, die im Dienste eines Miteinanders am Behandlungstisch steht und den Patienten vermittelt, dass es hier vor allem um sie geht.

Aufteilung nach Funktionen

Die Regel für Arbeitsflächen und Schreibtische: Sie sollten für allerlei Arbeiten kompatibel und kompakt sein, eine Einhaltung der Ordnung an der Oberfläche erleichtern und daher ausreichend Möglichkeiten zum Verstauen bereithalten, damit sich keine Papierstapel am Schreibtisch anhäufen. Hierfür empfiehlt sich, statt eines einfachen rechteckigen Bürotisches mit Schubladen, eine mehrteilige Arbeitsstation in L- oder U-Form, deren Teile jeweils unterschiedlichen Nutzungen dienen können. So kann der Arbeitsplatz immer neu definiert werden, und jeder Arbeitssituation steht in dieser Station ein eigener funktionaler Platz zur Verfügung. Beispielsweise kann ein mobiler Computertisch zum Schreibtisch addiert werden, der auf kompakte Weise Platz für Bildschirm, Tastatur, Drucker und Rechner schafft. Des Weiteren kann platzsparend technisches Gerät inklusive Verkabelung verstaut und versteckt werden.
Die anderen Arbeitsoberflächen bleiben dadurch frei und sauber – etwa ein dem Patienten zugewandter Tisch, der hauptsächlich als Verbindungsplattform zwischen Arzt und Patient dient. Durch die Wahl des Materials und der Oberfläche können auch grundverschiedene Aussagen über Nutzung und Funktion getroffen werden. So könnte dieser Tisch in warmen, freundlichen Tönen, etwa Holz, gehalten werden, während Flächen, die der Verwaltung oder technischen Arbeiten dienen, aus kühleren Materialien wie Glas, Kunststoff oder Aluminium bestehen können.
Auch die Wahl der Tischform und -größe vermag zu suggerieren, dass ein Patient hier willkommen ist. Dabei ist eine Balance zwischen funktionaler Form und freiem, ungezwungenem Design zu halten. Statt eines strengen, voluminösen Schreibtisches kann eine leichte, geschwungene Tischplatte, die Einbuchtungen an der Patientenseite aufweist, eine lockere Atmosphäre erzeugen. Dies trägt dazu bei, dass das Arzt-Patienten-Gespräch als freundliches Miteinander empfunden wird, anstatt einer Belehrung „von oben herab“.
Bei der Positionierung des Schreibtisches ist auch darauf zu achten, dass das Licht von der Seite der Hand kommt, mit der nicht geschrieben wird, damit kein störender Schatten entsteht. Das heißt, bei einem Rechtshänder sollte das Fenster zur Linken in einem Winkel von 90 Grad zu finden sein. Diese Platzierung in den Raum hinein fördert auch die Verständigung mit dem Patienten, da ein hinter dem Arzt befindliches Fenster den Patienten blenden könnte und die Kommunikation daher als unangenehm empfunden würde.
Ist eine natürliche Belichtung nicht möglich, müssen zusätzliche Lichtquellen installiert werden. Auch diese sollten von der der Schreibhand entgegengesetzten Seite kommen. Eine einzige Lichtquelle am Arbeitstisch ist nicht empfehlenswert, da durch den starken Kontrast zwischen hell erleuchtetem Arbeitsplatz und dunklem Umraum das Auge schneller ermüdet. Daher sollte das Licht ein wenig im Raum verteilt und nicht alle Lichtinseln direkt um den Schreibtisch platziert werden.

Richtiges Sitzen

Zu beachten bei der Auswahl des Tisches ist freilich auch die Höhe und ob komfortables und stressfreies Sitzen daran möglich ist. Die optimale Tischhöhe beträgt etwa 70 bis 75 Zentimeter. Tische und Sessel sollten eine Körperhaltung erlauben, bei der die Haltung von Armen und Beinen einen Winkel von 90 Grad erzeugt. Ausreichende Beinfreiheit sollte gegeben sein. Der Papierkorb muss also nicht direkt unter dem Tisch und vor den Beinen platziert werden, genauso wenig wie anderes Staumobiliar. Je nach Bildschirmgröße sollte der Computermonitor in einem Abstand von 50 bis 80 Zentimeter vor dem Auge positioniert sein. Auf dem Schirm sollte man gerade oder leicht nach unten schauen können, daher darf ein Computertisch nicht zu schmal geraten. Beim Sitzen ist zu beachten, dass der Winkel zwischen Sitzfläche und Rückenlehne geöffnet ist, also zwischen 90 und 135 Grad liegt. Dadurch wird auf die Wirbelsäule weniger Druck ausgeübt. „Gesundes Lümmeln“ am Arbeitstisch ist also erlaubt, vor allem wenn längere Zeit am Tisch gearbeitet werden muss.
Jeder Mensch schafft sich eine eigene Ordnungsstruktur an seinem Schreibtisch. Ein ubiquitär gültiges Konzept, wie man eine gelungene Organisation an seinem Arbeitsplatz herstellt, gibt es wahrscheinlich nicht. Das Arbeitsmobiliar muss aber in der Lage sein, all diese Varianten individueller Ordnungs- und Arbeitssysteme, die zwischen Chaos und Pedanterie angesiedelt sind, zu erlauben. Wichtig ist, dass eine zwanglose Atmosphäre suggeriert wird, die es Arzt und Patienten erlaubt, sich einfach wohl zu fühlen.

DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 8/2008

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