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Was wird aus den Wunschkindern?

Expertenbericht: Einflüsse der Reproduktion auf die Persönlichkeits- und Beziehungsentwicklung.

In den westlichen Industrieländern nehmen immer mehr Paare mit unerfülltem Kinderwunsch reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch. Diese fokussiert auf somatische Abläufe und sieht psychologisch-psychotherapeutische Beratung und Begleitung nicht ausreichend standardmäßig vor. Durch das weitgehende Aussparen der psychischen Dimension stellt die medizinisch assistierte Reproduktion per se eine Risikokonstellation für die emotionale Entwicklung eines Kindes dar.

Als ich im Frühjahr 1993 zum ersten Mal mit einem knapp 3-jährigen Mädchen nach IVF befasst war, stand Louise Joy Brown, das erste sogenannte „Retortenbaby“ der Welt, vor ihrem 15. Geburtstag und Zlatan Jovanovic, das erste Retortenbaby Österreichs, war 10 ½ Jahre alt. Das Mädchen wurde von seinen Eltern wegen Trotzreaktionen im Rahmen der Eltern-Kleinkind-Ambulanz des Instituts für Erziehungshilfe Wien vorgestellt. Das für die Mutter unerträgliche oppositionelle Verhalten im dritten Lebensjahr wurde durch die Geburt eines Geschwisters verstärkt. Die beschriebenen altersgemäßen Autonomiekonflikte und die Geschwisterrivalität entsprachen nicht den mütterlichen Vorstellungen einer artigen Tochter. Einige Familiensitzungen und Elterngespräche führten zur Entwicklung eines Verständnisses und zur raschen Entspannung der familiären Situation.

Seit damals beschäftigt mich dieser spannende, vielschichtige Themenbereich, insbesondere die durch Fachliteratur und eigene klinische Erfahrung gestützte Tatsache, dass die innig ersehnten Wunschkinder einem höheren emotionalen und oftmals auch physiologischen Risikopotential ausgesetzt sind, als die auf natürlichem Weg entstandenen. Diese führt bei ca. ¼ der Kinder zu Auffälligkeiten. Es ist mir seit Jahren ein Anliegen, für die der Behandlungstechnik immanenten Besonderheiten zu sensibilisieren, damit den Kindern und ihren Eltern größtmögliche Unterstützung zuteil werden kann. Durch das Bewusstmachen präventiver Möglichkeiten möchte ich dazu beizutragen, dass sie nach anfänglicher Verunsicherung und Aufregung sowie enormem psychischen und ökonomischen Aufwand einen gesunden Entwicklungsverlauf nehmen können.

Von der Sensation zur Routine

Die Geburt von Louise Brown im englischen Oldham bei Manchester führte am 25. Juli 1978 zu weltweiten Schlagzeilen. Erstmals gelang es Medizinern nicht nur extrakorporal eine Eizelle mit einer Samenzelle zu befruchten, sondern auch eine erfolgreiche Schwangerschaft herbeizuführen. Auch in Österreich, dem 6. Land der Welt, in dem eine IVF gelang, war die Geburt von Zlatan Jovanovic am 5. August 1982 im AKH Wien eine Sensation. Mittlerweile sind verschiedene Methoden der medizinisch assistierten Reproduktion zur Routine geworden, zu einem boomenden Geschäft und zu Stoff für immer unglaublichere Sensationsmeldungen in den Medien. Im Februar und im April 2015 schaffte es etwa Annegret Raunigk, 65-jährige Mutter von 13 Kindern mit 5 verschiedenen Vätern, mit frühgeborenen Vierlingen aus Ei- und Samenspenden auf die Titelseiten.

Die Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes führte 2014 zu differenzierterer medialer Berichterstattung über Inhalte und Kontroversen. In den meisten Debatten aber bleiben die Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und die Eltern-Kind-Beziehungen ausgespart, werden bestenfalls am Rande thematisiert. Wenn wir heute über Reproduktionsmedizin in ihrer Bedeutung für betroffene Familien und über das Störungspotential für den Entwicklungsverlauf der technisch erzeugten Kindern nachdenken, deren Anteil ca. 2  Prozent aller Geburten beträgt, ist dieser Spezialbereich nicht nur im Mainstream angekommen, sondern drängt immer öfter in unsere klinische Arbeit.

Ich beziehe mich auf den psychologisch-psychotherapeutischen Bereich, in der Neuropädiatrie sind die oftmals gravierenden körperlichen Auswirkungen der Reproduktionsmedizin schon lange ein Thema.

Der ungekürzte Originalartikel „Wunschkinder – Fördernde und hemmende Einflüsse medizinisch assistierter Reproduktion auf die Persönlichkeits- und Beziehungsentwicklung“ ist erschienen in „neuropsychiatrie“ 30/2016, DOI 10.1007/s40211-016-0171-4, © Springer Verlag

Karin J. Lebersorger, Ärzte Woche 15/2016

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