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© Christoph Schmidt/dpa
Bis dato stehen mehr als 350 verschiedene neue psychoaktive Substanzen und deren Derivate unter Beobachtung in der EU.
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Namen wie legal highs, research chemicals, party pills, herbal highs, designer drugs oder Badesalze dienen der Bagatellisierung.

 
Neurologie 26. Mai 2015

Ein Spiel mit dem Feuer

Die Beliebtheit der neuen psychoaktiven Substanzen wächst europaweit.

Der Konsum von NPS in Österreich ist überschaubar. Wegen seiner mitunter tödlichen Folgen setzt sich nun das European Monitoring Center of Drugs and Drug Addiction ernsthaft mit den scheinbar so harmlosen „party pills“ auseinander.

Wie bitte? Man muss den Artikel zweimal lesen, um zu glauben was da steht. Die New York Times berichtet über eine Initiative aus Norwegen, die sich um die Legalisierung von LSD bemüht, zur Stabilisierung von traumatisierten oder schizoiden Personen. Laut Suchtmittelexperten ist der Einsatz von LSD ein „Spiel mit dem Feuer, eine ganz heikle Geschichte“. Handelt es sich doch um einen Eingriff in die zentralnervöse Steuerung des Menschen. Einerseits.

Andererseits greifen laut einer Studie der Wiener Psychiaterin Gabriele Fischer und ihrem Team 0,9 Prozent der Studenten in Wien und Innsbruck zu LSD. Ecstasy (1,2 %) und Kokain (1,8 %) spielen im Vergleich zu Nikotin (38 %) ebenfalls eine untergeordnete Rolle. Es ist daher verständlich, wenn Fischer den NYT-Artikel ( http://nyti.ms/1IL9fLv ) als „nicht wesentlich“ erachtet. Auch neue psychoaktive Substanzen (NPS) spielen keine große Rolle, zumindest in Österreich.

Bei den NPS handelt es sich meist um in der Entwicklung gescheiterte oder zurückgezogene, Medikamente bzw. solche im Prüfverfahren, aber auch pharmakologische Proben und neuartige Substanzen.

Bezeichnungen wie „legal highs, research chemicals, party pills, herbal highs, designer drugs oder Badesalze“ suggerieren eine vermeintliche Legalität oder auch eine pflanzliche Herkunft und dienen somit der Bagatellisierung dieser Stoffe. Ihre Überwachung stellt durch die häufig wechselnden pharmakologischen Profile eine besondere Herausforderung dar. So stehen diese weder unter Kontrolle der Single Convention on Narcotic Drugs (1961), noch der Single Convention on Psychotropic Substances (1971). Hinsichtlich ihrer klinischen Wirkung und pharmakologischer Wirkungsprofile erfolgt die Klassifikation von NPS über folgende Substanzkategorien: Sedativa (synthetische Cannabinoide, Opioide), Stimulanzien (synthetische Cathinone, Piperazine), und Halluzinogene (Ketamine & phencyclidinähnliche Substanzen, Tryptamine, Phenetylamine).

Die Literatur beruft sich durch die spärliche Datenlage, konkret: Mangel an wissenschaftlich-epidemiologischen oder klinischen Studien, auf vorliegende Polizeibeschlagnahmungen und pharmakokinetische Daten, klinische Wirkprofile meist basierend auf Informationen von Online-Foren sowie Prävalenzen im Hinblick auf Mortalität und Intoxikationen. Seit 2005 (nach EU-Ratsbeschluss 2005/387/JHA) ist die EMCDDA (European Monitoring Center of Drugs and Drug Addiction) verantwortliche Organisation für die Einschätzung von NPS innerhalb der EU. Ihre Aufgaben umfassen den Austausch mit anderen Mitgliedsstaaten, Risikoeinschätzung sowie Kontrolle neuer synthetischer Substanzen mittels eines „three step approach“–Modells.

• Ein Frühwarnsystem (EWS) um neue Substanzen möglichst rasch nach ihrem Auftauchen am europäischen Markt zu identifizieren (nationale focal points)

• Die Erstellung eines Risikoprofils der Substanz

• Vorbereitungen für den Entscheidungsprozess über die rechtliche Regulierung (Europarat)

Cathinonzählt strukturtechnisch zu den Amphetaminen (Alkaloid, aus dem Strauchgewächs Catha edulis welches hauptsächlich in Kenia, Äthiopien sowie die arabische Halbinsel angebaut wird). Bei einer vorzugsweisen oralen Konsumation sind innerhalb von 20 Minuten erste Anzeichen der stimulierenden, analgetischen sowie anorektischen Wirkung spürbar, die bis zu vier Stunden anhalten kann. Im Falle einer Überdosierung ist die Gefahr einer Hyperthermie, Hypertonie und Hyperaktivität, sowie im äußersten Fall das Auftreten von Krämpfen, gegeben. MVDP (3,4-Methylendioxypyrovaleron) ist beispielsweise ein Cathinonderivat (Ketoamphetaminen). Das in Österreich am bekanntesten, ist das ihm strukturähnliche Mephedron (4-Methylmethcathinon). Die stimulierende Wirkung entfaltet sich nach oraler oder nasaler Konsumation innerhalb der ersten fünf Stunden. Ähnlich wie bei MDMA oder GHB kommt es nach Mephedron-Einnahme zur Intensivierung emotionaler Zustandsbilder.

Methoxetamin ist ein Arylcyclohexylamin und ein Derivat des Ketamins. Diskutiert wird eine Wirkung als NMDA-Rezeptorantagonist und Dopamin-Wiederaufnahmehemmer, wobei nur erstere in Studien belegt werden konnte. Die analgetische Wirkung ist höher als jene von Ketamin, im Gesamten gleichen sie sich jedoch, und bewirken eine gesteigerte Euphorie, Halluzinationen, aber auch dissoziatives Erleben, Tachykardie und Hypertonie. Methoxetamin erfreut sich als „legale“ Ketaminalternative seit September 2010 zunehmender Beliebtheit und bis dato konnten mehrere Kilogramm dieser Substanz innerhalb der europäischen Union sichergestellt werden.

AH 7921, ein synthetisches Opioidderivat, entfaltet seine Wirkung durch einen selektiven Agonismus am µ-Opioidrezeptor. Bei oraler Applikation zeigt es eine 80-prozentige Potenz jener des Morphins. Durch die opioidähnliche Wirkung und der damit verbundenen Gefahr einer Atemdepression muss diese Substanzgruppe als besonders risikobehaftet eingestuft werden. Seit 2012 am Drogenmarkt vertreten, erfolgte die Sicherstellung der Substanz meist in pulverisierter Form. Innerhalb Europas konnten sechs nicht tödliche Intoxikationen sowie fünfzehn Todesfälle (in Schweden, Norwegen, England) mit dem Konsum in Verbindung gebracht werden.

25I-NBOME, ein substituiertes Phenethylamin mit einem agonistischen Effekt am Serotonin-Rezeptor 5-HT2A und der damit verbundenen halluzinogenen Wirkung, stellt die „legale“ Alternative zu Lysergsäurediethylamid (LSD) dar. Die mit der Substanzeinnahme verbundenen verhaltensspezifischen und psychologischen Folgen können durch vom Konsumenten durchgeführte Internetberichte abgeschätzt werden. So wurde die bewusstseinserweiternde Wirkung auf optischer als auch auditiver Ebene, sowie eine mentale als auch psychische Stimulation, von Konsumenten für positiv befunden. Dysästhesien sowie vegetative Veränderungen, als auch leichte Einbußen der Merkfähigkeit, werden als neutral eingestuft. Panikattacken, generalisierte Angstzustände, sowie sich immer wieder aufdrängende ungewollte Gedanken, stellen die negativen Folgen dar.

Fazit der Forscher

NPS erfreuen sich bei Jugendlichen wachsender Beliebtheit, wobei die Häufigkeitsverteilung innerhalb der EU stark variiert; so haben laut einer Umfrage rund 8 Prozent der Gruppe von 15- bis 24-Jährigen mindestens einmal im Laufe ihres Lebens NPS konsumiert (Eurobarometer 2014). Bis dato stehen mehr als 350 verschiedene Substanzen und deren Derivate unter Beobachtung, wobei bislang seit 2005 nur 8 Substanzen in der EU reguliert wurden. Des Weiteren sind NPS meist nicht als Einzelsubstanz im Umlauf, sondern als Komposita; GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure – auch als Ko-Tropfen bekannt) ist die erste Substanz, welche auch international unter Strafe gestellt wurde, wobei sich hier die Gesetzgebung nicht gegen den Konsumenten sondern die Händler und Produzenten richtet. In Österreich spielen NPS eine untergeordnete Rolle. Im Falle einer Intoxikation ist es wichtig, Patientenproben unmittelbar einem toxikologischen Screening zu unterziehen, um die verantwortlichen Substanzen schnellstmöglich identifizieren zu können. Die Behandlung erfolgt meist klinisch symptomatisch.

Dr. Christopher Milacek und Dr. Laura Moser sind an der Medizinischen Universität Wien, Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie tätig.

Prof. Dr. Gabriele Fischer arbeitet am Zentrum für Public Health & Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien im AKH.

Die gesammelten Literaturhinweise zu diesem Artikel finden Sie auf www.springermedizin.a t

Christopher Milacek, Laura Moser und Gabriele Fischer., Ärzte Woche 22/2015

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