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Endokrinologie 9. April 2013

Eine Welt voller endokriner Disruptoren

Zahlreiche chemische Substanzen, die in die Umwelt und den Organismus gelangen, bringen das menschliche Hormonsystem durcheinander, betont die Weltgesundheitsorganisation in einem aktuellen Bericht.

In den vergangenen 20 Jahren haben hormonell wirksame Umweltchemikalien die Aufmerksamkeit von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik auf sich gezogen. Kürzlich haben nun die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Umweltprogramm der UNO, UNEP, einen umfangreichen Bericht zum derzeitigen Stand des Wissens darüber herausgegeben.

Die menschliche Gesundheit ist bekanntlich von einem gut funktionierenden endokrinen System abhängig. Beunruhigenderweise kann die Funktion des Hormonsystems von zahlreichen Haushalts- und Industriechemikalien gestört werden. Substanzen, die das Hormonsystem beeinflussen und die Gesundheit gefährden – auch einige natürliche Verbindungen zählen dazu –, werden als endokrine Disruptoren (EDCs = endocrine disrupting chemicals) bezeichnet.

Derzeit gelten rund 800 Chemikalien als endokrin wirksam (oder stehen unter Verdacht), heißt es in dem rund 285 Seiten umfassenden Bericht von WHO und UNEP zum „State of the science of endocrine disrupting chemicals“ (siehe Linktipps). Zu den endokrinen Disruptoren zählen etwa Pestizide, Flammschutzmittel, Weichmacher und Inhaltsstoffe von Kosmetika.

Auswirkungen auf Organismen speziesunabhängig

„Die Effekte endokriner Disruptoren sind Spezies-unabhängig“, betonen die Autoren. Das Argument von Chemie-Lobbyisten, wonach zwischen Auswirkungen auf die Tierwelt (beispielsweise Verweiblichung von Fischen) und solchen auf den Menschen unterschieden werden müsse, ist daher nicht korrekt.

Wirkweisen

Endokrine Disruptoren entfalten ihre Effekte, indem sie beispielsweise direkt an einen Hormonrezeptor binden und dort eine entsprechende Wirkung verursachen. Andere EDCs wiederum blockieren Rezeptoren und damit die Wirkung von Hormonen. Gestört werden können auch die Synthese von Hormonen, deren Abbau sowie der Transport im Körper. Zu beachten sei auch, so Weltgesundheitsorganisation und das United Nations Environment Programm (UNEP), dass die Dosis-Wirkungs-Kurven von EDCs nicht-linear sind. Zudem kann ein Gemisch von Chemikalien endokrine Wirksamkeit besitzen, obwohl die Konzentrationen der einzelnen Substanzen gering sind und unterhalb der Wirkungsschwelle liegen.

In den menschlichen Körper gelangen EDCs über den Verdauungstrakt, die Haut und die Lunge. Im Vordergrund steht dabei die orale Aufnahme über Lebensmittel und Trinkwasser. Besonders problematisch ist eine Einwirkung während der kindlichen Entwicklung.

Erwiesene Gesundheitsstörungen durch Umweltchemikalien

Auch wenn derzeit noch viele Wissenslücken existieren, so konnten Studien doch Zusammenhänge zwischen diversen Chemikalien und Gesundheitsstörungen aufzeigen. Beispielsweise werden mit Kryptorchismus bestimmte Flammschutzmittel (polybromierte Diphenylether PBDE), Pestizide und die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft in Verbindung gebracht. Gelangen Medikamente (wie Paracetamol, Östrogene oder Psychopharmaka) ins Abwasser (über Ausscheidungen oder bei Verwendung des WC als Mülleimer), können sie Fische schädigen bzw. ihr Verhalten verändern (siehe auch Ärzte Woche 9/2013).

Dioxine und PCBs

Einen negativen Einfluss auf die Samenqualität haben unter anderem Dioxine. Wenn Schwangere Speiseöl verwendeten, das mit polychlorierten Biphenylen (PCBs) kontaminiert war (Yusho-Vergiftungen in Taiwan in den späten 1970er Jahren), wirkte sich dies ebenfalls negativ auf die Samenqualität der Kinder aus.

Dioxine sowie PCBs dürften darüber hinaus das Brustkrebsrisiko erhöhen. „Im Hinblick auf das Prostatakarzinom wurden Zusammenhänge mit Pestiziden, einigen PCBs und Arsen gefunden“, heißt es in der Publikation. Pestizidanwender (und ihre Frauen) hatten auch ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsenkrebs, wie eine in Iowa und North Carolina durchgeführte Studie ergab (Blair et al. 2005).

Weichmacher

Für Weichmacher (Phthalate) existieren Hinweise, dass sie eine frühzeitige Pubertät (bei Mädchen) und Endometriose bewirken können. Bei Seehunden im Baltischen Meer fanden sich früher sehr häufig Uterusmyome. Diese waren mitverantwortlich für die deutliche Verringerung der Population im Vergleich zum 19. Jahrhundert. Die Uterusmyome wurden vor allem auf die Kontamination des Meeres mit Organochlor-Pestiziden und PCBs zurückgeführt. Die Verbesserung der Wasserqualität bewirkte eine Erholung der Population. Störungen des Hormonsystems durch polychlorierte Biphenyle führen weiters zu einer Beeinträchtigung der kindlichen Gehirnentwicklung, wie bereits seit längerer Zeit bekannt ist. Organophosphat-Pestizide wiederum erhöhen das Risiko für eine Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung.

Zusammenhang mit Diabetes

In den vergangenen Jahren wurden endokrine Disruptoren vermehrt mit Typ-2-Diabetes und dem metabolischen Syndrom in Verbindung gebracht. Vor allem zu nennen sind hier POPs (langlebige organische Schadstoffe), Bisphenol-A und Arsen. Hormonell wirksame POPs führen auch zu geringerer Knochendichte und einem erhöhten Risiko für Knochenbrüche.

Geburten von Mädchen in der Überzahl

Endokrine Disruptoren können weiters das Geschlechterverhältnis ändern, das heißt, es werden mehr Mädchen geboren. Diese zeigte sich sowohl nach dem Dioxin-Unfall in Seveso als auch bei Linzer ArbeiterInnen, die in den 1970er Jahren unter dioxinbedingter Chlorakne gelitten hatten. Auch das Pestizid 1,2-Dibrom-3-chlorpropan (DBCP) wirkt sich auf das Geschlechterverhältnis aus.

Erst Spitze des Eisbergs bekannt

„Die bisher bekannten EDCs stellen lediglich die Spitze des Eisbergs dar“, betonen WHO und UNEP. Gefordert werden bessere Testmethoden, um leichter weitere endokrine Disruptoren erkennen zu können. Notwendig sei auch ein genaueres Wissen über die Quellen dieser Substanzen. Von der Industrie gelieferte Informationen seien hier oft mangelhaft. Da Menschen und Tiere in zunehmendem Ausmaß Gemischen an endokrinen Disruptoren ausgesetzt sind, sollte der Schwerpunkt der Wirkungsforschung in diesem Bereich liegen. „Letztlich geht es darum, die Gesundheitsrisiken zu verringern und zukünftige Generationen zu schützen“, so Dr. Maria Neira, WHO-Direktorin für Public Health und Umwelt.

Publikation (in englischer Sprache): State of the science of endocrine disrupting chemicals – 2012. 296 Seiten. ISBN: 9789241505031

Zusammenfassung (38 Seiten): http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/78102/1/WHO_HSE_PHE_IHE_2013.1_eng.pdf

pdf-Download des gesamten Reports: http://www.who.int/ceh/publications/endocrine/en/

P. Wallner, Ärzte Woche 15/2013

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