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Psychiatrie und Psychotherapie 28. November 2007

Krank gedacht

Wenn der Patient ein spezifisches negatives Ereignis erwartet, tritt dieses auch ein – das ist die Theorie hinter dem Nocebo-Effekt. Besonders häufig wird dieses Phänomen bei Arzneimitteln nach dem Lesen des Beipackzettels beobachtet.

1948 publizierte der Psychiater Erich Menninger von Lerchenthal folgende Geschichte: Studenten der Medizin in Wien drohten einem verhassten Assistenten, ihn zu köpfen. Sie fesselten ihn, verbanden ihm die Augen, platzierten seinen Kopf auf einem Hackklotz (…) Dann simulierten sie die Exekution, indem sie ihm ein kaltes, nasses Tuch in den Nacken warfen. Der Mann starb auf der Stelle!
Die Kraft der Einbildung hatte in Kombination mit einem schwachen Herzen wohl zum Ende dieses bedauernswerten Menschen geführt1. Den Begriff „Nocebo-Effekt“ kannte man damals noch nicht, er wurde erstmals 1961 vom amerikanischen Arzt Dr. Walter Kennedy publiziert. Im engeren Sinne spricht man vom Nocebo-Effekt (lat. nocere: schaden), wenn einem Patienten ein wirkstoffloses Präparat verabreicht wird, und dieser dennoch negative, krankmachende Wirkungen aus dieser Einnahme verspürt – also quasi das Gegenteil des (positiven) Placebo-Effekts. Nicht tödlich, aber belastend kann das bei Patienten sein, die Medikamente schlucken müssen. Manchmal reicht ein Blick auf den Beipackzettel, um Nebenwirkungen auszulösen. „Das Durchlesen des Beipacktextes kann durchaus eine negative Wirkung haben“, hält der Pharmakologe Prof. Dr. Martin Hohenegger vom Institut für Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien im Telefongespräch mit der Ärzte Woche fest: „In einem solchen Beipackzettel steht ja auch jede beobachtete Nebenwirkung, die in den Zulassungsstudien jemals am Patienten aufgetreten ist.“ Dies ist auch notwendig, schon aus haftungsrechtlichen Gründen.
Wie häufig treten Nebenwirkungen von Medikamenten tatsächlich auf? Hohenegger: „Eine Nebenwirkung tritt ‚häufig‘ auf, wenn drei von 100 Patienten in Zulassungsstudien diese Nebenwirkung gezeigt haben, bei drei von 1.000 Patienten ist es eine ‚seltene‘, bei drei von einer Million eine ‚sehr seltene‘ Nebenwirkung.“
Der Nocebo-Effekt ist aber natürlich nicht nur vom Lesen des Beipackzettels abhängig. Vielmehr spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle: „Eine negative Erwartungshaltung des Patienten, eine vorangegangene Konditionierung – etwa durch starke Nebenwirkungen anderer Medikamente in der Vergangenheit oder auch ein gestörtes Arzt-Patienten-Verhältnis – können einen Nocebo-Effekt auslösen“, sagte der Chemiker Dr. Walter Gessner vom Pharmaunternehmen Bayer anlässlich eines Pressefrühstücks zum Thema vergangene Woche in Wien.
„Ärztinnen und Ärzte können aber viel tun, um den Nocebo-Effekt abzufangen“, erläutert Hohenegger: Schon bei der Verordnung des Medikaments soll der Arzt auf die häufigsten Nebenwirkungen hinweisen. „Wenn der Arzt dem Patienten sagt, er werde möglicherweise in den ersten Wochen der Einnahme seines Medikaments Husten und einen trockenen Mund haben, diese Nebenwirkungen werden allerdings nach spätestens 14 Tagen nachlassen, wird der Patient, sollte es tatsächlich zu diesen Nebenwirkungen kommen, nicht verunsichert sein.“ Aufklärung heißt also das Zauberwort und der Hinweis darauf, was „sehr häufig“, „häufig“, „selten“ und „sehr selten“ im Zusammenhang mit Nebenwirkungsbeschreibungen im Beipackzettel bedeutet.

 Fakten

1 Benson H: The Nocebo Effect: History and Physiology. Preventive Medicine 26, 612-615 (1997)

Sabine Fisch, Ärzte Woche 48/2007

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