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Wächserner Dank gläubiger Patienten (Narrenturm 93)

Votivgaben sind meist stilisierte Miniaturnachbildungen von Menschen, menschlichen Organen oder Körperteilen, die in Wallfahrtsorten oder bei den jeweils zuständigen Heiligen als Dank für Errettung von Krankheit oder Bitte um Schutz vor diversen Übeln geopfert wurden und manchmal auch noch werden.

Die Sammlung von Votivgaben im pathologisch-anatomischen Bundesmuseum ist verglichen mit solchen in Wallfahrtsorten wohl recht bescheiden. Dennoch gibt sie einen interessanten Einblick in die medizinische Vorstellungswelt der Opfernden und in die Leiden und Befürchtungen, die Menschen früher so plagten.
Fruchtbarkeit und Fortpflanzung sind in allen Kulturen dieser Welt ein zentrales Thema. Im europäischen Raum wurden Weiblichkeit, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt lange Zeit meist nur symbolhaft und indirekt dargestellt. So finden sich unter den Votivgaben, Talismanen und Amuletten oft Kröten. Sie dienten seit prähistorischen Zeiten als Fruchtbarkeitssymbol.
Der Rumpf der Kröte ähnelt im volksmagischen Denken der Gebärmutter der Frau und der Krötenrücken als Votivgabe ist oft als stilisierte Vulva ausgebildet. Wachskröten dieser Art waren als christliche Votivgaben bei diversen „Kindsnöten“ im Alpenraum weit verbreitet. Bei Unfruchtbarkeit, Erkrankungen der Gebärmutter, Schutz vor Missgeburten und der Bitte um günstigen Verlauf der Schwangerschaft wurden diese Objekte geopfert. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass in der kirchlichen Bauplastik und in der Malerei die Giftkröte als Hexen- und Zaubertier meist als Attribut des Teufels, der Wollust, der Völlerei und der Todsünde gilt. Als uralte christliche Votivgabe scheint aber die im Volksglauben stark magisch besetzte Kröte überraschenderweise von kirchlicher Seite als Symbol für die Gebärmutter sanktioniert zu sein.

Geopfertes Fatschenkind

Zu einem im süddeutschen Raum weit verbreiteten „durch ein Gelübde versprochenen Opfer“ – die wörtliche Bedeutung für Votivgabe – gehört auch das „Fatschenkind“. Ein mit Zierbändern fest eingewickelter kokonartiger an eine Mumie erinnernder Säugling, der ebenfalls bei vergeblichen Kinderwunsch, Unfruchtbarkeit, aber auch gegen alle Geburtsschwierigkeiten an heiligen Stätten dargebracht wurde. Beim damaligen Stand der Geburtshilfe – meist sogar ein völliges Fehlen sachkundiger Hilfe – ist gerade die Opferung solcher Objekte nur zu verständlich. Komplizierte Lageanomalien des Kindes, Wehenschwäche und andere Geburtshindernisse bedeuteten ja nur allzu oft das Todesurteil für Mutter und Kind.
Unterschiedliche „Fraisenkränze“ und „Fraisenketten“ – Halskettchen, die Kindern zum Schutz gegen den bösen Blick, das Verschreien, die Fraisen (verschiedene Krankheiten und Gefahren, besonders krampfhafte Zustände) umgehängt wurden – gehören ebenfalls zur Sammlung im Narrenturm, wie auch anatomisch einfache Nachbildungen diverser Körperteile. Bei Ohren, Händen, Beinen, Augen, Her­zen, Brüsten, Lungen – das „Lungl“, oft stellvertretend für alle inneren Organe – Zungen und wächsernen Torsos gegen Bauchschmerzen verschiedenster Genese ist der höhere Sinn der Opferung auch heute noch leicht verständlich.
Gegen die größte Plage, die „bös vergiffte Sucht“, die Pest, sollte die Darstellung des mit Pfeilen gespickten Hl. Sebastian helfen. Da man die Pest als Zuchtrute Gottes, die der Allmächtige vom Himmel gegen die Sünder herabgeschleudert hatte, sah, war es nur natürlich, sich unter den Schutz eines Heiligen zu stellen, der anscheinend gegen Pfeile immun war, wie der heilige Sebastian. Pfeile konnten den wegen seines christlichen Glaubens etwa 300 n. Chr. zum Tode verurteilten Heiligen jedenfalls nicht töten.

Von Pfeilen durchbohrt

Der Legende nach musste er letztendlich mit Keulen erschlagen werden. Historisch belegt ist die Geschichte zwar nicht, aber das Martyrium des von Pfeilen durchbohrten Sebastian war jedenfalls ein Lieblingsgegenstand der sakralen Kunst. Allerdings war der Pfeil auch schon bei den Griechen und Juden ein Sinnbild für plötzlich auftretende unheimliche Krankheiten. Nachbildungen von „Sebastianspfeilen“ trug man am Rosenkranz oder der Uhrkette als Amulett zum Schutz gegen die Pest und andere ansteckende, geheimnisvolle und unerklärliche Krankheiten.
Wächserne Organe, Figuren als Weihegeschenke an heiligen Stätten und Gelübde an zuständige Heilige sind bei den Leidenden fast völlig aus der Mode gekommen. Heute meinen allerdings manche Patienten, dass bei modernen Göttern ein schlichtes Kuvert als Votivgabe Wunder bewirkt. Einem Gerücht zufolge haben sie manchmal sogar recht.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 14/2007

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