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Klimawandel nicht unterschätzen

Expertenbericht. Der Klimawandel hat einen deutlichen Einfluss auf das Mensch-Umwelt-System und wirkt sich auf die physische und psychische Gesundheit aus. So lösen etwa meteorologische Extremereignisse wie Stürme, Hochwasser und Hitze direkte Folgen wie Unfälle aber auch Krankheiten und psychische Belastungen aus. Indirekt kann der Klimawandel über eine veränderte Umwelt gesundheitliche Effekte hervorrufen.

Die Umwelt ist für den Menschen und seine Gesundheit ein entscheidender Faktor, der sich sowohl positiv als auch negativ auswirken kann. Der durch die Klimaerwärmung forcierte Klimawandel hat bereits einen zum Teil erheblichen Einfluss auf das Mensch-Umwelt-System und wirkt sich in direkter und indirekter Form auf die physische und psychische Gesundheit der Bevölkerung aus (siehe Abbildung).

Die Reaktionen des menschlichen Organismus auf physikalische Umweltfaktoren sind abhängig von deren Art und Intensität ebenso wie von den individuellen Bedingungen wie Alter, Geschlecht, Krankheits- bzw. Gesundheitszustand, Anpassungsfähigkeit und -möglichkeit sowie vom Wohnumfeld. Aufgrund einer stetig steigenden Lebenserwartung muss damit gerechnet werden, dass sich die zu erwartenden gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft künftig sehr wahrscheinlich verstärken werden.

Der Klimawandel ist der Grund für zunehmende meteorologische Extremereignisse (insbesondere Stürme, Hochwasser, Überflutungen und Erdrutsche nach Starkniederschlägen sowie Hitzeperioden), die die Ursache für Unfälle mit Verletzungen und im äußersten Fall auch mit Todesfolge sein können. Zudem wirkt der Klimawandel auch auf die Häufigkeit von Erkrankungen, Krankheiten und deren Letalität.

Kardiovaskuläre Erkrankungen

Die durch die Klimaerwärmung zunehmende Hitzebelastung ist von besonderer Bedeutung, da sie den menschlichen Organismus und das Herz-Kreislauf-System belastet und zu koronaren bzw. vaskulären Problemen führt. Bei nicht ausreichendem Schutz kann eine verstärkte Sonnen- und Hitzeexposition zunächst zu Sonnenstich, Hitzeerschöpfung, Hitzeausschlag, Hitzekrämpfen und Hitzekollaps, Hitzschlag sowie zu einer Dekompensation vorbestehender Erkrankungen führen. Flüssigkeits- und Elektrolytverlust durch starkes Schwitzen führen zu Dehydratation, erhöhen die Blutviskosität, steigern das Risiko einer Thrombose und wirken unmittelbar auf Herz und Muskulatur. Es gibt Hinweise darauf, dass Hitze zusätzlich die Blutgerinnungsfähigkeit und entzündliche Prozesse in den Gefäßen beeinflusst, sich die endotheliale Funktion verschlechtert und die Wahrscheinlichkeit für Myokardinfarkte steigt.

Das Hitzeextrem mit stärkstem Gesundheitseffekt war der Sommer 2003. So gehen Jendritzky und Koppe in ihrer Veröffentlichung von 2008 über die Auswirkungen der thermischen Belastung auf die Mortalität davon aus, dass im Sommer 2003 europaweit über 50.000 Menschen an den Folgen der Hitzebelastung starben. Zudem zeigen Studien, dass Hitze in Kombination mit Luftschadstoffen, z. B. bodennahes Ozon und Feinstaub (PM10), das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht und sich zusammen verstärkend auf kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt sowie die dadurch bedingte Sterblichkeit auswirken.

Ein besonderes Gesundheitsrisiko gegenüber Hitze haben Menschen mit chronischen Vorerkrankungen des kardiovaskulären und respiratorischen Systems sowie ältere Menschen (> 75 Jahre) mit Einschränkungen der thermophysiologischen Anpassungskapazität. Sie können die Körperkerntemperatur schwerer konstant halten, haben eine schlechtere Hautdurchblutung und eine reduzierte Schweißdrüsenfunktionalität. Da aufgrund des demografischen Wandels zukünftig der Anteil älterer, prädisponierter Menschen eiter ansteigen wird, werden hitzebedingte Präventions- und Anpassungsmaßnahmen zunehmend bedeutsam.

Atemwegserkrankungen und Allergien

Heiße, trockene Luft lässt die Schleimhäute austrocknen, reizt akut die Atemwege und verschlechtert den Gesundheitszustand von Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen. Zusätzlich treten im Sommer häufig erhöhte Ozonkonzentrationen in Bodennähe auf, die beeinträchtigend auf die Atemwege wirken und Schleimhautreizungen, Husten, Atembeschwerden sowie Einschränkungen der Lungenfunktion auslösen können. Hohe Lufttemperatur begünstigt bei schlechter Luftqualität (u. a. Ozon) eine stärkere Schadstoffwirkung auf Erkrankungen der Atemwege wie beispielsweise chronisch-obstruktive Erkrankungen (COPD) und Lungenentzündungen.

Der Anstieg der mittleren Lufttemperatur wird auch als möglicher Kofaktor für die Entstehung vor allem von pollenassoziierten, allergischen Atemwegserkrankungen diskutiert, da er die Pollensaison der Pflanzen zeitiger im Frühjahr beginnen und auch länger andauern lässt. Für die pollenassoziierten Allergien, Heuschnupfen und Asthma, liegt die Prävalenz in Deutschland im Kindesalter laut Schlaud et al. (2007) bei 11 bzw. 5 % und bei Erwachsenen laut Langen et al. (2013) bei 15 bzw. 9 %. Ferner wird diskutiert, ob die klimawandelbedingte Zunahme der CO2-Konzentration in der Luft auch zu einer gesteigerten Pollenproduktion führen kann.

Allergische Asthmasymptome können durch Pollen in Kombination mit Luftschadstoffen hervorgerufen werden. Darüber hinaus werden Asthmaattacken während oder kurz nach Gewittern ausgelöst. Erklärt wird dieser Effekt damit, dass eine erhöhte Anzahl Partikel und Pollen in die Atmosphäre freigesetzt und verwirbelt werden. Mit in der Zukunft zunehmenden Hitzeperioden steigt auch die Wahrscheinlichkeit für häufigere Hitzegewitter und damit auch die Bedeutung dieses Wirkmechanismus.

Der Klimawandel verändert außerdem die Ökologie und begünstigt beispielsweise die Zuwanderung, Aus- und Verbreitung von allergieauslösenden Neophyten, d. h. neu eingewanderter Pflanzen wie beispielsweise die aus Nordamerika eingeschleppte Beifuß-Ambrosie (Traubenkraut, „Ragweed“). Durch die Berührung der Pflanze kann bei sensibilisierten Personen eine Kontaktallergie ausgelöst werden. Darüber hinaus können ihre Pollen eine allergische Reaktion mit Reizung der Augen- und Nasenschleimhäute („Rhinokonjunktivitis“) und Asthma hervorrufen.

Die Ambrosia blüht im Spätsommer und verlängert damit die Beschwerdezeit für Personen mit Heuschnupfen und Asthma. Wenn weitere wärmeliebende Pflanzen mit hohem Allergiepotenzial in neue Gebiete vorstoßen, wird auch das Allergierisiko weiter zunehmen.

Vektorübertragene Infektionskrankheiten

Das Auftreten vieler Infektionserkrankungen ist u. a. auch von klimatischen Bedingungen abhängig, da Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse die Vermehrung und Verbreitung von Krankheitserregern und deren tierischen Überträgern (Vektoren) beeinflussen.

Durch den Klimawandel verbessern sich für einige Überträgersysteme die Ausbreitungs- und Übertragungsbedingungen, sodass die Wahrscheinlichkeit für eine Übertragung auf den Menschen erhöht werden kann. Die Lyme-Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis sind für Deutschland die bedeutendsten vektorübertragenen Infektionskrankheiten, die durch heimische Zeckenarten übertragen werden.

Es gibt Hinweise darauf, dass Infektionen, die durch Hantaviren ausgelöst werden, zunehmend relevant werden. Hantaviren werden vor allem von Rötelmäusen übertragen. Eine Infektion des Menschen kann durch direkten Kontakt oder durch Inhalation der Ausscheidungen von Rötelmäusen erfolgen.

Unabhängig vom Klimawandel tragen internationale Warentransporte, Tourismus und Migration dazu bei, dass Krankheitserreger und Vektoren weltweit und innerhalb kurzer Zeit leicht über Kontinente hinweg verschleppt werden können. Finden sie vor Ort geeignete (klimatische) Bedingungen vor, können sie sich hier ausbreiten.

Tropische Infektionskrankheiten werden überwiegend von bereits infizierten, aus dem Ausland einreisenden Personen nach Deutschland eingeschleppt. Darüber hinaus können sich auch Vektoren in Deutschland ansiedeln und ausbreiten, die bisher nicht heimisch waren. So wurde kürzlich die Überwinterung der Asiatischen Tigermücke in Teilen Süddeutschlands nachgewiesen, eine Stechmückenart, die bereits in anderen europäischen Ländern nachgewiesener Vektor des Dengue- oder Chikungunyavirus ist. So traten entsprechende Krankheitsfälle etwa in Italien oder Frankreich auf.

Wasserqualität und Lebensmittelsicherheit

Der Klimawandel ist auch Ursache für häufigere Extremniederschläge mit Überschwemmungen. Überflutungen von Kläranlagen und Trinkwasserbrunnen können zur Verunreinigung der Trinkwasserressourcen mit Krankheitserregern aus Ausscheidungen führen. Das Hochwasser selbst kann bereits verstärkt mit Krankheitserregern belastet sein, wodurch ebenfalls das Risiko für Infektionserkrankungen ansteigt. Durch Wasser übertragene Krankheitserreger sind sowohl für Trinkwasser als auch für Badewasser relevant.

Für die Trinkwassergewinnung aus Oberflächengewässern sind mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen durch verstärkte Blaualgenbildung (Cyanobakterien) in Folge eines überhöhten Nährstoffangebots in Kombination mit der Erwärmung der Gewässer von Bedeutung. Auch das Schwimmen und Baden in warmen, durch die Blaualgenblüte belasteten Binnen- und Küstengewässern kann die Gesundheit gefährden, da Cyanobakterien gesundheitsschädliche Toxine freisetzen, die akute Hautreizungen auslösen können. Erwärmt sich die Temperatur von Gewässern im Sommer über 20 ° C, so können sich Vibrionenbakterien vermehren, die zum Teil schwere Magen-DarmInfektionen und Wundinfektionen auslösen können, wie Krankheitsfälle an Nord- und Ostsee gezeigt haben.

Der Klimawandel wirkt sich darüber hinaus auf die Lebensmittelsicherheit aus. Hohe Lufttemperatur im Frühjahr und Sommer begünstigt das Wachstum von Bakterien in Nahrungsmitteln und damit die Zunahme nahrungsmittelbedingter Infektionen wie Magen-Darm-Infektionen, ausgelöst z. B. durch Campylobacter und Salmonella typhi. Sommerliche Hitze, unterbrochene Kühlketten, unsachgemäße Nahrungsmittelverarbeitung sowie ungeeignete Aufbewahrung von Speisen können zu einer Zunahme nahrungsmittelbedingter Infektionen führen.

Psychische Folgen des Klimawandels

Das Thema Klimawandel ist zunehmend präsent und aus den Medien kaum mehr wegzudenken. Bereits die andauernde Konfrontation mit dem Thema Klimawandel und seinen negativen Folgen kann Besorgnis, Ängste, Disstress und depressive Symptome hervorrufen. Über die thematische Auseinandersetzung mit dem Klimawandel hinaus können besonders die direkten und indirekten Folgen des Klimawandels negative Konsequenzen für die psychische Gesundheit haben.

Die National Wildlife Federation (NWF) warnte 2011 davor, dass das US-amerikanische Gesundheitssystem nicht ausreichend auf die psychischen Folgen des Klimawandels vorbereitet sei. Schätzungen der NWF zufolge sollen künftig bis zu 200 Millionen Amerikaner von emotionalem Disstress aufgrund des Klimawandels betroffen sein. Da auch hierzulande die psychischen Folgen des Klimawandels bisher wenig Beachtung fanden, sollte dies ebenso als wichtiger Hinweis für unser hiesiges Gesundheitssystem gelten.

Posttraumatische Belastungsstörung

Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann als Reaktion auf traumatische Erlebnisse auftreten. Gekennzeichnet ist die PTBS durch wiederkehrende, sich aufdrängende Erinnerungen an das Geschehene und das erneute gedankliche Durchleben des traumatischen Ereignisses, emotionale Stumpfheit, vegetative Übererregtheit mit Schreckhaftigkeit sowie Vermeidung von Situationen, die an das Erlebte erinnern. Extremwetterereignisse, die die Integrität des Menschen verletzen und eine existenzielle Bedrohung für die Person oder ihr nahestehende Personen darstellen, können eine solche PTBS bedingen.

In New Orleans litten laut Galea et al. (2007) im Nachgang des Hurrikans Katrina 2005 etwa 30 % aller Befragten an einer PTBS. Insbesondere Frauen, Unverheiratete, Menschen mit geringem Bildungsniveau und solche mit niedrigem sozioökonomischen Status hatten ein erhöhtes Risiko. Auch europäische Studien fanden nach Extremwetterereignissen wie Überschwemmungen vermehrt Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung bei den Betroffenen, und auch hier waren Frauen und Menschen mit niedrigem Einkommen oder Personen ohne Job häufiger betroffen.

Naturkatastrophen und Feuer verursachen derzeit etwa 5 % der Traumatisierungen. Auch die Traumaanamnese bei traumatisierten Kindern an einer deutschen Universitätsklinik ergab, dass in 5-6 % der Fälle eine Katastrophe, zu der z. B. Hochwasser oder Wirbelstürme zählen, die Ursache der Traumatisierung war. Mit zunehmenden Extremwetterereignissen steigt demnach auch die Gefahr für die Ausprägung einer PTBS bei den Betroffenen. Oft bestehen die Symptome auch Monate und Jahre nach der Katastrophe fort. Das Auftreten einer PTBS stellt zudem einen Risikofaktor für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen wie Angststörungen, affektive Störungen, Missbrauch von psychotropen Substanzen sowie gesteigerter Aggression dar.

Hilflosigkeit, Angst und Depression

Gegenüber den gravierenden Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, fühlen sich viele Menschen machtlos und unfähig an der Gesamtsituation etwas zu ändern. Hilflosigkeit kann die Anpassungsfähigkeit des Individuums vermindern sowie zum Leugnen der Klimawandelvorgänge führen. Ebenso kann ein dauerhaftes Gefühl der Unkontrollierbarkeit und Hilflosigkeit in eine Depression münden.

Die Depression oder depressive Episode gehört zu den affektiven psychischen Störungen. Symptomatisch sind eine gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit und Müdigkeit sowie ein vermindertes Selbstwertgefühl. Schlafstörungen, Appetit- und Libidoverlust können auftreten. In schweren Fällen kann es zu Suizidgedanken und -versuchen kommen. Auch wenn nur einige depressive Symptome auftreten, kann dies die Lebensqualität immens mindern sowie Beeinträchtigungen in sozialen Interaktionen, dem Alltags-und Arbeitsleben mit sich bringen.

Das Erleben eines Extremwetterereignisses wie z. B. einer Überschwemmung sowie die gesundheitlichen und finanziellen Folgen können bei vielen Betroffenen nicht nur eine PTBS, sondern auch depressive Symptome und Angst hervorrufen. Zudem kann der Verlust von nahestehenden Personen durch eine Naturkatastrophe prädiktiv für eine Depression sein.

Auch eine Umsiedlung und die Veränderung der sozialen Umgebung können zu depressiven Symptomen führen. Weiterhin ist die fortschreitende Ausbreitung von Vektoren von Bedeutung für die mentale Gesundheit: Studien weisen darauf hin, dass das Risiko für Depression und kognitive Dysfunktionen bei Menschen mit West-Nil-Virus und der Lyme-Borreliose erhöht ist.

Depressive Episoden treten häufig gemeinsam mit Angststörungen auf und führen insbesondere in dieser Kombination zu einem deutlich erhöhten Risiko für Substanzmissbrauch von Betroffenen. Der Angstmechanismus ist überlebenswichtig, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen und um gefährliche Situation zu vermeiden oder sich auf eine Auseinandersetzung mit der Bedrohung einstellen zu können. Wenn Angst diese Funktion jedoch nicht erfüllt, sondern ohne objektivierbare Bedrohung auftritt, das tägliche Leben erschwert und den Menschen belastet, wird sie pathologisch.

Im englischsprachigen Raum beschreibt der Begriff „eco-anxiety“ die Angst aufgrund von drohenden Veränderungen der Umwelt, wozu auch der Klimawandel gehört. Für diese spezifische, auf den befürchteten künftigen Zustand der Umwelt bezogene Angst suchen Betroffene oft therapeutische Hilfe. Ein globaler Temperaturanstieg kann zudem durch die Erwärmung der Luft einen Einfluss auf die Psyche nehmen, so fanden beispielsweise Bulbena et al. (2005) heraus, dass heißer Wind mit einem vermehrten Auftreten von Panikattacken assoziiert ist.

Suizid

Allein im Jahr 2012 beendeten Schätzungen zufolge weltweit mehr als 800.000 Menschen vorsätzlich ihr Leben, wobei in Europa Männer viermal häufiger Suizid begingen als Frauen. Inwiefern der Klimawandel künftig das Suizidrisiko beeinflussen wird, ist derzeit schwer vorhersagbar. Die Ursachen suizidalen Verhaltens sind komplex und ein Einfluss des Klimawandels auf vielen Ebenen denkbar.

In Ländern mit hohem Einkommen, zu denen auch Deutschland zählt, leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation bis zu 90 % jener, die Suizid begehen, im Vorfeld an einer psychischen Störung. So könnte ein potenzieller Anstieg psychischer Störungen in Folge des Klimawandels auch zu einer Zunahme suizidaler Handlungen führen.

Andererseits könnte auch der Temperaturanstieg eine Rolle spielen. Studien zum saisonalen Einfluss der Temperatur weisen auf einen Anstieg an Suiziden in den wärmeren Jahreszeiten Frühling und Sommer hin. Nicht alle Untersuchungen finden jedoch einen positiven Zusammenhang zwischen Temperatur und Suizidrate. Ergebnisse aus Studien, die geografische Temperaturunterschiede betrachten, deuten darauf hin, dass es in wärmeren Regionen seltener zu Suiziden kommt als in kälteren Regionen. Der Einfluss der Temperatur auf das Suizidverhalten ist somit nicht eindeutig geklärt.

Aggression

Extreme Hitze belastet den menschlichen Organismus und wird daher als unangenehm empfunden. Das allgemeine Aggressionsmodell beschreibt, dass aversive Stimuli wie extreme Hitze dazu führen, dass der Mensch einem anderen Individuum eher Schaden zufügt und liefert damit eine Erklärung dafür, dass der Klimawandel mit höheren Temperaturen und häufigeren Hitzeperioden auch zu einem Anstieg von zwischenmenschlicher Aggression führen kann. Allein für die USA rechnet der US-amerikanische Wissenschaftler Matthew Ranson bis Ende des Jahrhunderts aufgrund des prognostizierten Temperaturanstiegs mit zusätzlich 22.000 Morden, 180.000 Vergewaltigungen und mehreren Millionen Fällen von Körperverletzung.

Auch Extremwetterereignisse wie Starkniederschläge können eine Aggressionssteigerung bei den Betroffenen begünstigen. Kinder sind hierbei besonders zu beachten: Verhaltensprobleme und Aggression in Folge von Naturkatastrophen treten bei ihnen mit höherer Wahrscheinlichkeit als bei Erwachsenen auf. Durkin et al. berichteten von einer deutlichen Zunahme antisozialen und aggressiven Verhaltens bei Kindern in Folge einer Überschwemmung. Überdies können auch die veränderten Lebensumstände interpersonelle- und Intergruppenkonflikte verstärken. Stetig knapper werdende Ressourcen wie Trinkwasser und Nahrung bergen Konfliktpotenzial. Unterernährung durch Nahrungsmangel kann bei Kindern wie Erwachsenen zu antisozialem, aggressivem Verhalten führen. Um den unwirtlichen und existenzbedrohenden Bedingungen des Heimatortes zu entfliehen, sehen sich viele Menschen in Folge von Dürre, Überschwemmung oder steigenden Temperaturen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die klimawandelbedingte Migration bedeutet zusätzlichen Disstress, kann zu verstärkter Slumbildung in urbanen Gegenden führen und neue Konflikte verursachen. Vermehrte Gewalt und verstärkte Aggression können ihrerseits wiederum zu einem häufigeren Auftreten von PTBS führen.

Solastalgie

Eine psychische Belastung muss sich nicht zwangsläufig in einer diagnostizierbaren psychischen Störung manifestieren. Die vertraute Umgebung vermittelt dem Menschen Beständigkeit und Sicherheit. Wenn diese Umgebung gefährdet ist oder sich stark verändert und man dieser Veränderung gegenüber machtlos ist, führt dies wiederum zu Disstress für den Menschen und zu einer Art von Heimweh, obwohl derjenige noch an Ort und Stelle lebt. Dieses schmerzliche Verlustgefühl wurde von Albrecht 2005 als „Solastalgie“ bezeichnet, die dann auftritt, wenn eine profunde Umweltveränderung den Ort, zu dem eine Bindung besteht, und das eigene Identitäts-, Kontroll- und Zugehörigkeitsgefühl bedroht.

Die Lancet-Kommission für Gesundheit und Klimawandel benennt die Solastalgie in ihrer Veröffentlichung 2015 als potenziell negativen Effekt des Klimawandels auf die Psyche. Die klimawandelbegründeten Ursachen für Solastalgie können zum einen die direkte Beschädigung der Heimat und die erzwungene Umsiedlung nach Naturkatastrophen sein, zum anderen auch eine langsamere oder chronische Veränderung, die etwa die landwirtschaftliche Nutzung und die Lebensqualität vor Ort negativ beeinflussen.

In Gegenden, in denen die Folgen des Klimawandels bereits stärker spürbar sind, etwa in armen Regionen Afrikas, den Torres-StraitInseln vor Australien sowie bei den Inuit in Kanada, zeichnet sich die Solastalgie mit einhergehenden Verlustgefühlen, Disstress, Traurigkeit, Gefühlen der Machtlosigkeit und beeinträchtigten Gefühlen der Ortszugehörigkeit als häufige Reaktion ab. In Deutschland sind ähnliche Reaktionen auf eine veränderte Heimatlandschaft, z. B. aus Kohleabbauregionen, bekannt. Insbesondere Menschen in ländlichen Gebieten, deren Lebensgrundlage oft mit dem Land um sie herum verbunden ist, können durch die Veränderung ihrer Umgebung stark belastet werden. Individuen und Gemeinschaften, denen es gelingt, sich an den Klimawandel anzupassen, wird es leichter fallen, ihren Identitäts-und Zugehörigkeitssinn zu bewahren. Zahlreiche internationale Studien belegen den Zusammenhang zwischen der atmosphärischen Umgebung des Menschen und den gesundheitlichen Wirkungen auf die Psyche und die Physis. Der Klimawandel gilt als größte globale Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. Unser heutiges Wissen über den Klimawandel sowie die wissenschaftlichen Prognosen über das Ausmaß der Veränderungen, mit denen wir künftig rechnen und umgehen müssen, bieten die Chance, sich frühzeitig auf die medizinischen Herausforderungen vorzubereiten.

Tunlichst nicht unterschätzen

Anhand von Beispielen aus Ländern, bei denen die Folgen des Klimawandels aktuell bereits stärker zu spüren sind, lässt sich erkennen, dass die gesundheitliche Bedeutung des Klimawandels, physisch wie psychisch, nicht zu unterschätzen ist.

Klima- und Gesundheitspolitik können sich gegenseitig positiv beeinflussen. Deswegen sollten aus Präventionssicht auch Klimaschutzmaßnahmen, wie die Reduzierung von Treibhausgasemissionen und Anpassungen in der Stadt- und Regionalplanung, unbedingt unterstützt und gefördert werden, da sie den Gesundheitsschutz stärken und für den Menschen einen positiven gesundheitlichen Nebeneffekt auslösen.

In welchem Maß sich der Klimawandel letztlich auf die menschliche Gesundheit auswirkt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Hierzu zählen die individuelle (Prä-)Disposition und Resilienz, das Verhalten des Einzelnen sowie die individuellen und gemeinschaftliche Anpassungsleistungen. Weitere Faktoren sind der Wohnort, das soziale Netzwerk sowie die Anpassungsfähigkeit des Gesundheitssystems. Daraus ergibt sich eine individuelle, medizinische und gesamtgesellschaftliche Herausforderung, um den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels bestmöglich vorbereitet zu begegnen.

Dr. Maxie Bunz und Dr. Hans-Guido Mücke sind Mitarbeiter der Abteilung Umwelthygiene, Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung, am Umweltbundesamt in Berlin.

Der Originalbeitrag „Klimawandel – physische und psychische Folgen“ mit sämtlichen Literaturhinweisen ist im „Bundesgesundheitsblatt“, DOI 10.1007/s00103-017-2548-3, © 2017 Springer Medizin, erschienen.

 

 

Von Maxie Bunz und Hans-Guido Mücke

, Ärzte Woche 24/2017

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