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Ein Teufelskreis aus Fressen und Brechen und wie man ihn durchbricht

Eselsohr

Lara Brockhages Fall: Als 18-Jährige leidet sie unter Essstörungen. Von ihren leiblichen Eltern hat sie keine Hilfe zu erwarten, doch es gibt einen Menschen, der sie nicht aufgibt und ihr letztlich den Weg zurück ins Leben zeigt.

Eine 21-jährige Ex-Bulimie-Kranke drückt auf „senden“. Sie hat die letzte Manuskriptseite weggeschickt. Jede einzelne war wie ein Triumph des Lebens über den schleichenden Niedergang. Sie hat wesentlich mehr erlebt als viele ihres Jahrgangs mit denen sie maturiert hat. „Es sind zehn Jahre harte Arbeit bis zu diesen Worten gewesen, wenn nicht sogar mehr. All meine kleinen Geheimnisse, die keine mehr sind. Denn heute bin ich stolz auf mich und breche mein Schweigen. Das Leben ist das, was ich daraus mache. Das ist jetzt mein Erfolgsrezept.“ Laras Geschichte im Schnelldurchlauf: Lara ist 18 Jahre alt als sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auszieht und ihre kleine Schwester bei der Mutter zurücklässt, die immer nur meckert. Trotzdem gelingt es ihr kaum, den eigenen Ansprüchen zu genügen – das setzt sie immer mehr unter Druck. Wenn sie doch zumindest dünn sein könnte! Doch selbst das Hungern „schafft“ sie nicht. Langsam gerät sie in einen Teufelskreis aus Fressen und Brechen.

Der Wendepunkt in ihrem Leben ist ein fünfwöchiger Aufenthalt in der Carolabad-Klinik in Chemnitz, zu dem sie ihr Vertrauenslehrer, Her Fenel, überredet hatte. Guter Mann. Denn dieser Aufenthalt war für Lara „eine Eintrittskarte in ein neues Leben“. Dabei beginnt auch dieser Lebensabschnitt wenig verheißungsvoll. Sie ist die einzige Patientin unter 20. „Na, das kann ja was werden.“

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, bietet dieser Erfahrungsbericht einen persönlichen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt, die düsteren Stunden und Therapieerfolge eines essgestörten Teenagers. Das Buch wendet sich gleichermaßen an Betroffene und Außenstehende und zeigt, wie bedeutsam die Unterstützung durch einen Lehrer bei dieser Erkrankung sein kann.

Heute ist Lara so weit, dass sie Sätze wie diesen sagen kann: „Ich muss ehrlich sagen, dass ich dankbar bin, so tief gefallen zu sein. Ich bin dankbar für diese Depression. Denn nur durch sie durfte ich erfahren, wer ich wirklich bin und was wirklich wichtig ist im Leben. Wäre es mir nicht so schlecht gegangen, hätte ich mir wahrscheinlich auch nie die Mühe gemacht, mich so sehr mit mir und meiner Geschichte auseinanderzusetzen.“

Laras Geschichte kann man auch mit Zahlen erzählen: 65 und 50 zum Beispiel. Die erste war ihr Normal-Gewicht als Teenager, die zweite war ihr Traumgewicht. Da wollte sie hin. Dann würde sie endlich gut aussehen. „50 und alles ist perfekt.“ Der Weg führt über Verzicht: „Den ersten Tag nichts essen geht eigentlich, wenn man die nötige Disziplin hat. Am zweiten Tag finde ich das alles doch etwas problematisch. Mein Magen krampft sich bei jedem Geruch zusammen und es schmerzt fürchterlich. [...] Aber nach dem dritten Tag bin ich endlich frei. Frei von allem. Es ist zwar flau, aber es gibt keinen Hunger mehr, er ist einfach verschwunden.“ Das hält sie nicht durch, denn natürlich hat sich der Hunger nicht in Luft aufgelöst. „Ich bin enttäuscht von mir, dass ich das alles schon wieder für ein Stück Brot mit Tomate und Mozzarella aufgegeben habe. Jetzt muss ich von vorn anfangen.“

Eine Pflanze muss man hegen und pflegen, damit sie wächst

Und schließlich kann man Laras Fall nicht verstehen, ohne den familiären Hintergrund zu kennen: Lara war kein Wunschkind. Der leibliche Vater stammt aus der ehemaligen DDR und ging wieder zurück, als Laras Mutter schwanger wurde. „Fakt ist nur, dass er bis heute sagt, dass ich damals von seiner Seite aus ein Fehler gewesen sei.“ Das ist hart. Auch wenn der neue Lebensgefährte der Mutter die Papa-Rolle übernimmt. 2002 – Lara ist neun – versucht sich ihre Mutter zu suizidieren. Die Eltern trennen sich, Lara und ihre Schwester werden der Mutter zugesprochen. Sie hat Angst vor ihrer Mutter, die ihr damit droht, dass sie ihren Papa nicht mehr sehen darf. Und je schlechter es ihr geht, desto weniger isst sie.

Ihr echtes Zuhause ist nun die Schule und an die Stelle ihrer leiblichen Eltern wird ein Lehrer die zentrale Bezugsperson in ihrem Leben. Lara schreibt: „Und wenn man eine Pflanze hegt und pflegt, wird sie irgendwann wachsen.“ Auch in den Ferien denkt sie nur an die Schule und die Erinnerung an Herrn Fenels letzte Worte hält sie ironischerweise aufrecht. Er würde ihr ja gern schöne Ferien wünschen, aber da er es ja besser wisse, wünsche er ihr lieber, dass sie die Ferien gut überstehe.

Laras Fazit: Jeder, der glaubt, dass es bei Essstörungen nur ums Essen geht, liegt falsch. „Es geht um Persönlichkeit, Selbstbewusstsein, Liebe, Intelligenz und Ehrlichkeit und noch vieles mehr.“

Ein Buch, das mehr Einblicke gewährt als mancher Expertenbericht.

Lara Brockhage

Alles wird gut mit 50 Kilogramm

Mabuse Verlag 2017 200 Seiten, Softcover 17,50 Euro ISBN 978-3-86321-316-9

Es sind zehn Jahre harte Arbeit bis zu diesen Worten gewesen.

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