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© AP Photo / picture alliance
Emma Watson als Belle and Dan Stevens als Biest im aktuellen Disney-Streifen „Beauty and the Beast“. Wahre Schönheit kommt von innen, und so zieht Belle das warmherzige Monster dem narzistisschen Jäger Gaston vor.
 

Die Moral von der Geschichte

Buchtipp

Märchenstunde. In populären Märchen steckt mehr als das Ohr hört und das mit 3-D-Brille ausgestattete Auge sieht. Grausamkeit, aber auch viel Lehrreiches für das eigene Leben.

Die süßen unschuldigen Prinzessinnen, ob sie nun Aschenputtel – im italienischen Original von Giambattista Basile bricht sie ihrer Stiefmutter das Genick – oder Belle heißen, stammen ursprünglich weder aus der Feder von Walt Disney noch der Gebrüder Grimm, sondern wurden schon viel früher an Lagerfeuern erzählt. Sie waren ursprünglich auch nicht für Kinderohren gedacht. Oder wussten Sie, dass Peter Pans verlorene Kinderschar in Nimmerland nur deshalb nicht erwachsen wird, weil er sie ermordet? Oder dass sich Dornröschens „Retter“ in der Urversion aus dem Jahr 1634 an der schlafenden Prinzessin vergeht?

Doch egal ob nun Fersen blutig abgehackt oder Füßchen in Glasschüchen gezwängt werden, Märchen faszinieren. Sie sprechen alle denkbaren Emotionen an: Liebe, Hass, Wut, Enttäuschung oder Freude. Die Komödien und Tragödien des Lebens kommen vor: Pech und Glück, Feigheit und Mut, Gut und Böse.

Der Sozialpsychologe Dieter Frey deutet Märchen psychologisch. Am Märchen Aschenputtel interessiert ihn das Mobbing-Phänomen. Die Stiefmutter als Täterin sowie der Vater als passiver Mittäter deklarieren das Mädchen zum Opfer. Aschenputtels Coping-Strategie: Sie flüchtet in ihre Gedankenwelt, zu ihren Tierfreunden und zur verstorbenen Mutter und schafft es hierdurch, die Mobbingattacken zu überstehen. Schließlich befreit der Prinz sie von ihrem Leid. Mobbingopfer heutzutage können nicht auf solch heldenhafte Rettung hoffen. Was sich aus dem Märchen ableiten lässt, ist die Bedeutsamkeit sozialer Ressourcen.

Im Märchen „Frau Holle“ finden sich einige psychologische Phänomene wieder, u. a. das Stockholm-Syndrom. Gegen jeden gesunden Menschenverstand äußert die gehorsame Goldmarie den Wunsch, auf die Erde zurückkehren zu dürfen, und sie gesteht sogar einen Funken Heimweh nach ihrer Familie. Man sollte dabei aber nicht außer acht lassen, dass jeder Mensch eine Heimat braucht und dass es der goldenen Jungfrau bei Frau Holle zwar an nichts mangelt, sie aber isoliert lebte.

Dieter Frey

Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir aus ihnen lernen können.

286 S., Softcover 30, 83 Euro, Springer Verlag 2017, ISBN 978-3-662-53667-4

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 13/2017

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