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Diabetologie 13. März 2017

Mann, bist du dick

Expertenbericht. Männer ernähren sich ungesünder und sind auch weniger kompetent, was Ernährung angeht. Bestimmte Lebensphasen sind günstig, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Die Ernährung von Männern und Frauen folgt weniger einer biologischen Bestimmung, sie ist vielmehr ein Resultat gesellschaftlicher Geschlechterrollenerwartungen. „Typisch“ weibliche Ernährungsweisen folgen oft einer Attraktivitätsorientierung und gehen mit einem restriktiven Essverhalten einher. Die konstatierte „gesündere“ Ernährung von Frauen geht aber auch einher mit einem höheren Ernährungswissen und ausgeprägteren Ernährungskompetenzen.

Verschiedene Studien und Verzehrserhebungen belegen stets aufs Neue bekannte Unterschiede im Lebensmittelkonsum von Männern und Frauen Anhand der Daten der KiGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) lassen sich bereits für Kinder und Jugendliche geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen: So essen Burschen weniger Obst und Gemüse und mehr tierische Lebensmittel als gleichaltrige Mädchen. Knapp acht Prozent der Mädchen geben an, sich vegetarisch oder fleischlos (ggf. Fisch) zu ernähren, bei den Jungen sind es nur ein bis zwei Prozent. Diese geschlechtsspezifischen Muster setzen sich auch im Erwachsenenalter fort. Zum Beispiel konstatiert der Männergesundheitsberichteinen höheren Fisch-, Fleisch- und Wurstwarenverzehr, einen geringeren Konsum von Obst und eine Vorliebe für „deftige“ Speisen aufseiten der Männer und die Bevorzugung eher „leichter“ Speisen aufseiten der Frauen.

Am häufigsten werden die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Essvorlieben im Hinblick auf den Fleischverzehr aufgeführt. So lässt sich anhand der Daten der Nationalen Verzehrsstudie II feststellen, dass Männer etwa doppelt so viel Fleisch, Wurstwaren und Fleischerzeugnisse (103 g pro Tag) verzehren wie Frauen (53 g pro Tag). Hinzu kommt, dass Männer durchschnittlich 308 g alkoholische Getränke pro Tag zu sich nehmen, Frauen lediglich 81 g pro Tag.

Durch die Hinzunahme der soziodemografischen Kategorie Alter wird unter anderem in der Nationalen Verzehrsstudie II deutlich, dass es keine Ernährungsmuster der Männer und der Frauen gibt und ihre Reduzierung auf zwei Ausprägungen schwerlich haltbar ist. So verzehren Männer mit zunehmendem Alter etwa mehr Obst, Gemüse und essen weniger Fleisch. Ebenso korrelieren Bildung und Einkommen positiv mit den von Männern verzehrten Mengen an Obst und Gemüse. Der Lebensmittelverzehr folgt demnach eher der „Klassengeschlechtshypothese als der Geschlechtsklassenhypothese“. Ernährungswissenschaftliche Erklärungsversuche der Differenzen im Lebensmittelverzehr von Männern und Frauen beziehen sich auf deren unterschiedlichen physiologischen Bedarfe. Offen bleibt hierbei jedoch, warum mit dem höheren Bedarf von Männern spezifische Lebensmittelpräferenzen verbunden sind, etwa wenn der Proteinbedarf maßgeblich durch Fleisch und nicht zum Beispiel durch Hülsenfrüchte gedeckt wird. Auch bleibt der höhere Konsum alkoholischer Getränke von Männern damit ungeklärt. Sozialkonstruktivistische Ansätze der Geschlechterforschung machen hingegen deutlich, dass gerade die unterschiedlichen Präferenzen des Fleisch- und Alkoholkonsums mit spezifischen Geschlechterrollenerwartungen korrespondieren. Insbesondere Fleisch gilt als Symbol von Macht, Kraft und Stärke und ist schon wegen dieser symbolischen Bedeutung ein Differenzmerkmal für eine unterschiedliche gesellschaftliche Stellung von Männern und Frauen. Entsprechend der Geschlechterrollenerwartungen kann nach der westlich geprägten kulinarischen Taxonomie davon ausgegangen werden, dass Obst und Gemüse als schwache Nahrungsmittel gelten und darum dem Weiblichen zur Seite stehen. Spezifische Geschlechterrollenerwartungen finden auch darin ihren Ausdruck, dass das beschriebene Ernährungsverhalten der Frauen im Vergleich zu dem der Männer als „gesünder“ gilt. Mit diesen pauschalen Aussagen bezüglich einer „gesünderen“ Ernährung von Frauen wird gleichzeitig gesagt, dass Männer sich weniger gesund ernähren. Dieser Befund korrespondiert auch mit Selbsteinschätzungen beider Geschlechter. Das Ernährungsverhalten von Frauen weist eine größere Nähe zu den gesellschaftlich propagierten Ernährungsidealen auf. Im Muster moralischer Kommunikation erfährt das männliche Ernährungsverhalten damit eine Abwertung, das weibliche hingegen eine Aufwertung, an dem es sich zu orientieren gilt.

Gesunde Ernährung ist weiblich, ungesunde Ernährung ist männlich

Dabei darf mit Setzwein 2004 ( http://bit.ly/2n6fD99 ) jedoch nicht verkannt werden, dass die viel zitierte „Gesundheitsorientierung“ von Frauen im Zusammenhang mit einer weiblichen Attraktivitätsorientierung steht. Nicht selten verkehre sich dabei die als gesundheitsbewusst (miss)interpretierte restriktive Ernährungsweise in ihr Gegenteil, in Essstörungen, die als pathologische Phänomene gelten. Weiblicher Verzicht und männliche Lust korrespondieren auch mit Geschlechterattributen männlicher Fähigkeit und weiblicher Anstrengung. So ist der Verzicht beim Essen ein typisch weiblicher Aspekt, auf den junge Mädchen schon früh im Sozialisationsprozess konditioniert werden. Diese geschlechtsspezifischen Muster korrespondieren auch mit Befunden des Eurobarometers zum Schwerpunkt „Gesundheit und Ernährung“, wonach Frauen (44 %) deutlich häufiger als Männer (32 %) ihr Gewicht als zu hoch einschätzen und sie (26 %) deshalb eher als Männer (15 %) eine Diät praktizieren.

Die konstatierte „gesündere“ Ernährung der Frauen findet auch ihren Ausdruck in einer geringeren Prävalenz von Adipositas und Übergewicht. Der Anteil übergewichtiger Männer in Deutschland – das heißt mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 und höher – ist mit rund 67 Prozent deutlich höher als der von Frauen mit 53 Prozent.

Mehr als die Hälfte der männlichen Bevölkerung in Österreich ist als übergewichtig (43 %) oder adipös (12 %) einzustufen. Bei den Frauen sind weniger übergewichtig (29 %). Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2010.

Es lassen sich ebenfalls sozioökonomische Unterschiede bei der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas zeigen: Ein höheres Bildungsniveau, ein höherer sozialer Status und ein höheres Pro-Kopf-Einkommen korrelieren positiv mit einem geringeren BMI. Auch die ethnische Herkunft steht im Zusammenhang mit einer entsprechenden Prävalenz, denn Migranten haben ein etwas höheres Risiko übergewichtig oder adipös zu sein als Jungen und Männer ohne Migrationshintergrund.

Aus geschlechtersoziologischer Perspektive lässt sich die unterschiedliche Orientierung an Vorstellungen einer „gesunden“ Ernährung von Frauen und Männern mit differenten Körperselbstkonzepten begründen. Der weibliche Körper ist einem Bestreben nach ästhetischer Perfektionierung unterworfen, „das ihn zu einem defizitären Körper werden lässt“. Damit verbunden ist die weibliche Sorge um und eine verstärkte Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper, die auch ihren Ausdruck in einem differenzierten Wissen darüber und einem entsprechenden Vokabular finden. So nutzen Frauen auch häufiger als Männer Möglichkeiten der Körpermanipulation und -korrektur – angefangen von Kosmetikprodukten, über Diäten bis hin zu kosmetischer Chirurgie

Vor dem Hintergrund der bisherigen Befunde verwundert es nicht, wenn Frauen ein höheres Ernährungswissen und ausgeprägte Ernährungskompetenzen im Unterschied zu Männern attestiert werden. Die bei der Nationalen Verzehrsstudie II abgefragten Produkte kannten Männer seltener als Frauen: probiotischer Joghurt (51,8 % versus 64 %) und ACE-Getränke (64,2 % versus 69,1 %).

Erklärungen für die geschlechtsspezifischen Unterschiede liefern in diesem Zusammenhang vor allem familiensoziologische und haushaltsökonomische Studien, die zeigen, dass der weibliche Zeitaufwand für häusliche Arbeit wie der Ernährung und der Beteiligungsgrad ungleich höher als der männliche ist. Die Studien machen auch deutlich, dass die Muster der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Familienhaushalt sozialisiert werden. So werden Burschen im Vergleich zu Mädchen im geringeren zeitlichen Umfang an Aufgaben der Ernährung beteiligt. Es beteiligen sich 38 Prozent der Mädchen und 26 Prozent der Jungen zwischen zwölf und 15 Jahren täglich mindestens ein- oder mehrmals an Verpflegungsarbeiten. Gleichwohl kann festgestellt werden, dass sich die jeweiligen Anteile beider Geschlechter im Zeitraum von zehn Jahren (zwischen 1991 und 2001) deutlich verringert haben. Laut den aktuellen Zeitbudgetdaten 2012/13 wenden Männer für die Zubereitung von Mahlzeiten und Hausarbeiten in der Küche täglich im Durchschnitt 46 min auf, Frauen hingegen 72 min. Der männliche Beteiligungsgrad an diesen Tätigkeiten in der Küche liegt jedoch lediglich bei 52 Prozent, der weibliche bei knapp 77 Prozent.

Diese Befunde geben deutliche Hinweise auf die überwiegend weibliche Verantwortung nicht nur für Fragen der Ernährung, sondern ebenso für Aufgaben der Erziehung jüngerer Familien- und Haushaltsmitglieder und der Pflege älterer. Kenntnisse über Lebensmittel sind damit genuiner Bestandteil dieser im Rahmen von Geschlechterrollen zugewiesenen Verantwortlichkeit. Was sich in höherer Lebensmittelkompetenz und einem Wissen um gesunde Ernährung spiegelt, ist nicht die weibliche Affinität Lebensmitteln gegenüber, sondern eben ein Aspekt der Geschlechterrollenerwartung. Das betonen die männlich konnotierten Haushaltstätigkeiten vor allem beim Kochen noch zusätzlich, da sich männliches Kochen eher auf öffentliche und besondere Situationen, wie Grillen, exotische und außeralltägliche Küche bezieht, bei der unter anderem männliche Kennerschaft zelebriert wird.

Geschlechterstereotypen überwinden!

Auf eine geschlechterspezifische Kommunikation und Beratung sollte dann verzichtet werden, wenn mittels der Geschlechterkategorie keine maßgeblichen Unterschiede im Verhalten feststellbar sind oder es an begründeten Annahmen für die Differenz fehlt. Sonst werden Differenzen in die Welt gebracht, wo es gar keine Differenzen gibt. Die geschlechterkollektive Darstellung der Ernährungsmuster von den Männern und den Frauen bestätigt dann vielmehr die erwarteten Geschlechterrollenstereotypen und verstellt unter Umständen den Blick für andere, wirkmächtigere soziale Ungleichheitsmerkmale. Für die Kommunikation und Beratung werden deshalb geschlechteruntypische Darstellungen empfohlen. So könnten zum Beispiel in der Bildsprache Männer allein oder in der Gruppe mit Einkaufstaschen und Kinderwagen auf einem Wochenmarkt dargestellt werden oder Männer und Frauen in partnerschaftlichen, gleichberechtigten Kochsituationen zu Hause mit oder ohne Kinder.

Mit diesen Vorschlägen ist auch ein Appell an Frauen verbunden, die Verantwortung für das Essen und Kochen im häuslichen Alltag abzugeben. Auch in den Medien sollten die Themen Ernährung und Gesundheit, insbesondere wenn damit eine eher gesundheitsförderliche Ernährungsweise von Männern unterstützt werden soll, deutlich vielfältiger aufgegriffen werden, ohne die überkommenen Gender-Stereotypen zu bemühen. Vielmehr geht es darum, eine breitere Palette von „Männlichkeiten“ darzustellen.

Männer können für Fragen der Ernährung und Gesundheit vor allem dann angesprochen und erreicht werden, wenn sie sich in biografischen Übergangsphasen befinden, wie des Auszugs aus dem Elternhaus, der Gründung eines gemeinsamen Haushalts mit der Partnerin/dem Partner oder der Geburt eines Kindes. Diese Übergangsphasen bieten Gelegenheitsfenster für Verhaltensänderungen, da routinierte Alltagspraktiken in neuen Kontexten überdacht und gegebenenfalls auch verändert werden. Unterstützende Angebote bestehen weniger in einer „rationalen Aufklärung“, sondern vielmehr darin, bereits etablierte Strukturen für eine Kompetenzförderung zu nutzen, beispielsweise Treffpunkte für Väter in Elternzeit, Vater-Kind-Kochkurse oder ein Haushalts-Crashkurs für Singles.

Um die Ungleichheiten im Ernährungs- und Gesundheitsverhalten anzugehen, bedarf es einer stärkeren Mitsprache und Partizipation von Männern bei der Verpflegungs- und Versorgungsarbeit im privaten Haushalt. Hierbei sind die Rolle und der Einfluss der Partnerinnen kritisch zu hinterfragen. Vielleicht hindern Frauen durch ihren Wissens- und Kompetenzvorsprung in Fragen der Ernährung und der Lebensmittelzubereitung Männer auch daran, sich in Sachen Ernährung mehr zu engagieren und einzubringen.

Vegane Ernährung und Paläo-Diät kurz erklärt

Vegane Ernährung verzichtet auf alle tierischen Produkte inklusive Milch und Milchgetränken sowie auf Eier. Die Ernährungs-Zusammensetzung ist verhältnismäßig einseitig und erfordert gute Kenntnisse und Disziplin, um den Nährstoffbedarf des Menschen zu sichern. Kritisch ist die Versorgung mit Vitamin B12 und Jod zu sehen. Lediglich wenige kleine Studien mit veganer Ernährung zeigen günstige Effekte auf das Körpergewicht.

Die Paläo-Diät. Für Patienten mit dem metabolischen Syndrom, bei denen der Kohlenhydrat-Stoffwechsel gestört ist und die zugleich adipös sind, ist eine Paläo-Diät durchaus denkbar. Das an „steinzeitlicher Ernährung“ orientierte Konzept beinhaltet eine proteinreiche Kost, die auf Getreide- und Milchprodukte sowie moderne, verarbeitete Lebensmittel weitgehend verzichtet. Die Wirksamkeit dieser Nährstoff-Zusammensetzung und der Energiegehalt sind günstig und zumindest durch kleinere Studien nachgewiesen.

Dr. Margareta Büning-Fesel ist geschäftsführender Vorstand des aid Infodienst, Bonn.

Der Originalbericht „Warum essen Männer wie sie essen?“ ist erschinenen in Bundesgesundheitsblatt 59/2016, DOI 10.1007/s00103-016-2379-7, © Springer Verlag 

Von Margareta Büning-Fesel und Jana Rückert-John

, Ärzte Woche 11/2017

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