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Medizin übersieht häufig Alkoholkrankheit

Sozialpsychiatrie. 24 Prozent der Männer und jede zehnte Frau über 15 konsumieren täglich Alkohol über Gefährdungsgrenze.

Sie landen nach Unfällen im Unfallkrankenhaus oder auf unfallchirurgischen Abteilungen. Internistische Erkrankungen, die mit ihrem Grundleiden in Verbindung stehen, führen nicht immer zu einem Verdacht: Alkoholabhängige. „Ein Viertel der Alkoholkranken wird (von der Medizin, Anm.) übersehen“, erklärte der Wiener Psychiater Prof. Dr. Johannes Wancata von der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH. An sich sollte das Gesundheitswesen in Österreich ausgesprochen sensibilisiert sein, wenn es um mögliche Alkoholprobleme von Menschen geht: Im Laufe des Lebens werden zehn Prozent der Österreicher alkoholkrank. Fünf Prozent der Menschen ab dem 16. Lebensjahr sind als alkoholkrank zu klassifizieren. Das sind 350.000 Menschen. 24 Prozent der Männer und jede zehnte Frau über 15 konsumieren täglich Alkohol über der Gefährdungsgrenze.

„Alkoholabhängigkeit bzw. Missbrauch sind auch bei Patienten in Allgemeinkrankenhäusern häufig“, sagte Wancata. „Doch sie werden immer wieder nicht erkannt. Dabei verlängert Alkohol die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus. Und häufig sind Beratungsdienste (Beiziehung eines Experten auf nicht-psychiatrischen Abteilungen, Anm.) in der Form von Psychiatern nicht ausreichend verfügbar.“ Der anhaltende Trend zur Verkürzung der Dauer von Spitalsaufenthalten führe ebenfalls dazu, dass nicht immer genug Aufmerksamkeit für weitere und nicht unbedingt ganz im Vordergrund stehende Gesundheitsprobleme bei den Patienten bestehe.

Komorbiditäten

Österreich würde in dieser Hinsicht eher das Gegenteil benötigen: Sieben Prozent der Verletzten im Straßenverkehr sind auf Alkohol zurückzuführen, ebenso rund zehn Prozent der Verkehrstoten. Der Psychiater: „Die Hälfte bis zwei Drittel der alkoholkranken Personen weisen Komorbiditäten auf, sie leiden auch noch an anderen psychischen Störungen.“ Substanz- bzw. Alkoholmissbrauch oder Abhängigkeit sind zum Beispiel mit je rund 13 Prozent auch mit Demenz oder Depressionen verbunden. Erst wenn Alkohol- und/oder andere substanzabhängige Probleme erkannt wurden, kann Hilfe angeboten werden. Hier setzt sich immer mehr ein Weg durch, der davon ausgeht, dass jeder Betroffene nach seinen Ressourcen betreut werden sollte. Der Drogenspezialist Shird Schindler vom Otto-Wagner-Spital hat nach tausenden Gesprächen mit Patienten eine neue Typologie der Suchtkranken entwickelt.

Demnach gibt es eine Gruppe von Abhängigen, die sehr belastet durch ihre Erkrankung ist und eine zweite Gruppe, die gar nicht belastet ist und auch entsprechende Möglichkeiten zum Ausgleich der Defizite besitzt. Eine dritte Gruppe ist nur wenig belastet und eine vierte Gruppe ist zwar hoch belastet, hat aber auch viele kompensatorische Möglichkeiten. Bei Bestätigung und Ausbau des Systems könnten daraus individuellere Therapiekonzepte als die vorhandenen entstehen.

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