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Prim. Prof. Dr. Alexander Gaiger
 
Onkologie 19. Dezember 2016

VIDEO: Krebs – eine Naturkatastrophe wie ein Tsunami

Onkologische Rehabilitation. Die Art, wie wir über Krankheit reden, macht ihre Bewältigung oft noch schwerer. Die Psychoonkologen können durch ihre Ausbildung und Erfahrungen Informationen über eine Krebserkrankung so vermitteln, dass vorherrschende Gefühle der Angst und Unsicherheit eines Krebspatienten vermindert werden. Die Patienten sollen wieder Vertrauen in sich und ihrem Körper bekommen, um ihre eigenen Ressourcen zu mobilisieren.

Der Verdacht auf eine Krebserkrankung ist mit großer Beunruhigung verbunden. Eine Biopsie muss durchgeführt werden, die mit der Angst vor einem positiven Befund einhergeht. Nach dem Diagnosegespräch, das meist als unangenehm und belastend empfunden wird, kommt der Schock der Diagnose selbst. Anstrengende Untersuchungen und Therapien wechseln sich gegenseitig ab, Erschöpfung und Depression sind die Folge.

„Was diese Menschen leisten, ist vergleichbar mit einem Spitzensportler, nur mit dem Unterschied, dass sich ein Krebspatient seine Situation nicht selbst ausgesucht hat", erklärte der Psychoonkologe, Ärztlicher Leiter der Abteilung Onkologische Rehabilitation des Lebens.Med Zentrums Bad Erlach (sowie Klinische Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie, Universitätsklinik für Innere Medizin I, AKH Wien). Dieser „Meisterleistung" des Patienten müsse wieder mehr Raum gegeben werden, indem er etwa zu verstehen lernt, dass seine Erschöpfung in Wahrheit nur eine gesunde Reaktion auf eine vergangene ungesunde Situation ist.

Hoffnung statt Illusion

Hoffnung ist ein Faktor, der auch bei der Krebserkrankung bis zum Schluss Gültigkeit besitzt und sollte nicht mit Illusion verwechselt werden. „Hoffnung ist etwas, wo ich nicht weiß, ob es eintreten wird, aber es kann eintreten. Illusion ist etwas, von dem ich weiß, dass es nicht eintreten kann. Wenn ich das vermenge, kommt „Ent-Täuschung", das heißt ich muss mich von einer Täuschung trennen, und das beeinflusst das Verhältnis zwischen dem Menschen, den wir Patient nennen, und dem anderen, den wir Arzt nennen", so Gaiger. Mit einer klaren Sprache kann der Arzt, Psychoonkologe oder Psychotherapeut dem Patienten helfen, seine Ziele neu zu definieren, und das schwer Begreifbare einer Krebserkrankung begreifbar zu machen. Oft werden in einer bedrohlichen Situation von den Betroffenen nur diffuse Informationen weitergegeben, die von unserem Gehirn nur als noch bedrohlicher interpretiert werden. Darum ist es wichtig, auch die Familie frühzeitig einzubinden, nicht nur den Partner und die Eltern, sondern auch Kinder, um es im ganzen „System" des Patienten begreifbar zu machen, was Krankheit bedeutet.

Reintegration durch Rehabilitation

Durch das Engagement der Pensionsversicherungsanstalt gibt es in Österreich seit einigen Jahren die Möglichkeit, allen Patienten, die ihre primäre Tumortherapie abgeschlossen haben, eine onkologische Rehabilitation anzubieten. In dreiwöchigen, stationären Aufenthalten, die von den Versicherungsträgern bezahlt werden, werden Grundlagen der Ernährungsmedizin, der medizinischen Trainingstherapie (Kraft und Ausdauer) sowie der Sensomotorik angeboten. „Neueste Daten zeigen, dass bei Brust-, Prostata- und Darmkrebs Sport auch einen möglichen Anti-Tumoreffekt hat. Wir wissen, dass Rehabilitationsmaßnahmen zu einer Reduktion der Fatigue, der chronischen Müdigkeit, führt, sowie von Polyneuropathien, von Ängstlichkeit, Depressivität, Distress, und die Lebensqualität verbessern", sagte Gaiger. Damit soll die Reintegration in einen durch die Erfahrung der Erkrankung veränderten Lebensalltag erleichtert werden.

Zentraler Bestandteil ist die psychoonkologische Betreuung, um auch das Wissen über die Krebserkrankung und -entstehung weiterzugeben. „Da viele Patienten Schuldgefühle haben, ist es wichtig zu sagen, dass man nicht Krebs hat, weil man etwas falsch gemacht hat. Krebs ist keine Krankheit der Seele, und es gibt auch keine Krebspersönlichkeit", so der Psychoonkologe. Vielmehr sind es psychosoziale Faktoren und der Lebensstil, die einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben, vor allem der Mangel an Bildung und an finanziellen Mitteln. Manche Menschen bringen Missbrauchs- und Gewalterfahrungen mit, hatten Entzugserlebnisse schon als Kind oder sogar im Mutterleib. Solcherart vortraumatisierte Menschen sind beim Auftreten von Schicksalsschlägen anfälliger und verwundbarer. Onkologische Rehabilitationsmaßnahmen können hier gezielt ansetzen und unterstützen.

Gesprächsführung kann man lernen

Kommunikationskompetenz im Medizinstudium zu vermitteln war meist nur beschränkt möglich, denn viele Herausforderungen ergeben sich erst durch die alltägliche Praxis. Hat man die ersten schlechten Befunde übermittelt, sind die ersten Patienten verstorben oder hat man angesichts des Leids von Patienten Erfahrungen der Hilflosigkeit gemacht, prägt und verändert das auch den Arzt. Eine adäquate Gesprächsführung ist jedoch ein vermittelbares Wissen, das idealerweise mit erfahrenen Medizinern und ohne Fingerzeig gelehrt wird.

Der Umgang mit Patienten kann in Form von Rollenspielen, in denen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt werden, geübt werden. Indem der Arzt etwa die Patientenrolle einnimmt, erfährt er unmittelbar, was die jeweilige Gesprächsführung mit einem Patienten macht. Mit Rollenspielen und kurzen Flash-Techniken können neue, veränderte Möglichkeiten ausprobiert werden. Die ärztliche, psychoonkologische bzw. psychotherapeutische Tätigkeit setzt jedoch ein grundlegendes Wissen über Tumorerkrankungen, ihre Behandlungsmöglichkeiten und Verlaufsformen sowie über psychotherapeutische Fertigkeiten – idealerweise eine Psychotherapieausbildung – voraus.

Leben ist Begegnung

Der Satz des österreichisch-israelischen jüdischen Religionsphilosophs Martin Buber (1878–1965) „Alles Leben ist Begegnung" trifft auch auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient zu. Diese Beziehung, die laut Paul Watzlawick, ein österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe und Philosoph (1921–2007), die „Metaebene der Kommunikation" bildet, zu ermöglichen und aufrechtzuerhalten, und die Belastungen, die sich daraus ergeben, zu ertragen, das ist eine zentrale Aufgabe von ärztlicher Tätigkeit und nicht der Rückzug hinter „standard operating procedures".

Eine „chronic cancer care", also der Umgang mit der chronischen Krebserkrankung und ihren Herausforderungen, muss auch die neurobiologischen Grundlagen unseres Denkapparates und die neuesten Erkenntnisse der onkologischen Forschung berücksichtigen, um die Krankheit für den Patienten begreifbar zu machen. „Krebs ist keine Folge eines Lebensstils, sondern eine Naturkatastrophe, sie sind nicht Schuld an ihrer Tumorerkrankung, sondern es ist eine Katastrophe wie ein Erdbeben, wie ein Tsunami, wie ein Unfall", so Gaiger.

Quelle: Lunchsymposium: Die chronische Krebserkrankung – Herausforderungen an das ärztliche Gespräch in der Uro-Onkologie, Fortbildungstagung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, 4. bis 5. November 2016 in Linz

Von Reinhard Hofer, Ärzte Woche 50/52/2016

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