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Stundenlanges Kratzen bis eine Wunde entsteht.

Ingrid Bäumer, Barbara SchubertIn meiner HautMabuse Verlag 2016,160 S., Softcover 17,50EuroISBN 978-3-86321-327-5

 
Psychiatrie und Psychotherapie 22. November 2016

Menschen, die „Unebenheiten glatt machen“

Skin Picking. Millionen Menschen tun es jeden Tag: sie zupfen und drücken an ihrer eigenen Haut, bis Wunden und Narben entstehen. Sie leiden unter Dermatillomanie, einer kaum bekannten psychischen Störung. Aus Scham kapseln sie sich vom sozialen Leben ab.

Skin Picking betrifft weitaus mehr Menschen als man glaubt. Wer würde sich schon ausmalen, dass es allein im deutschsprachigen Raum nach vorsichtigen Schätzungen mindestens eine Million Betroffene gibt. Das schreiben Ingrid Bäumer, Journalistin und Gründerin der ersten deutschsprachigen Selbsthilfegruppe für Skin Picker und Barbara Schubert, Heilpraktikerin für Psychotherapie und ebenfalls ehemalige Betroffene , in ihrem Erfahrungsbericht „In meiner Haut“.

Ein ehrliches Vorwort: „Jeden Tag tust du es. Wie von alleine wandern deine Finger ins Gesicht, zu deinen Schultern, zu deinen Armen und Beinen. Sie finden eine Unebenheit, beginnen daran zu arbeiten. So lange, bis die Unebenheit glatt gemacht worden ist. Solange, bis du eine Wunde hast.“

Stundenlang grub Bäumer in ihrer Haut nach Pickel und Mitessern, „nach etwas, das ich niedermachen konnte“. Sie tat es allein vor dem Spiegel oder nebenbei vor dem Computer oder dem Fernseher. Sie konnte nicht aufhören, bis sie das Gefühl hatte, den „Auftrag“, die Haut zu glätten, erfüllt zu haben.

Mission accomplished. Doch die Befriedigung währte nur kurz, es folgten unweigerlich Schuldgefühl und Scham. Schon wieder hatte sie ihre Finger nicht unter Kontrolle, schon wieder sah ihre Haut aus als hätten kleinen Bomben Krater in die Haut gerissen. „Und wenn du ganz ehrlich bist, hat es dich auch irgendwie zufrieden gemacht auf eine kranke Art und Weise.“

Schubert verbrachte viel Zeit vor dem Spiegel, denn nach der Selbstverletzung folgte stundenlanges Schminken. Ob man dann überhaupt noch das Haus verließ, war offen. Denn schließlich, so war das Gefühl jedenfalls, konnte doch jeder sehen, was mit ihr los war. Im Sommer trug sie lange Hosen und langärmelige Oberteile, vermied Umkleidekabinen und Sonnenliegen, neue Kontakte werden lediglich übers Internet geknüpft. Wenn die Haut besonders schlimm zugerichtet war, musste sie sich mit „Erkältung“ oder „Magen-Darm“ krankmelden.

Dass eine psychische Störung vorlag, woher hätte sie das wissen sollen. Skin Picking oder Acné excoriée, auch Dermatillomanie genannt, ist keine geläufige Krankheit.

Dieses Selbsthilfebuch richtet sich an Betroffene und ihre Angehörigen. Geschildert wird der tägliche Kampf gegen den Zwang, aber auch die einzigartige Lebensgeschichte jedes Skin Pickers. Die Therapeutin schildert, wie sie anderen hilft. Der Bildteil zeugt von künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Leiden. Fakten und Tipps runden das Informationsangebot ab.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 47/2016

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