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Psychiatrie und Psychotherapie 22. November 2016

Der Online-Effekt

Suizid. Im Internet gibt es zahlreiche Angebote für suizidgefährdete Menschen, die in größter Not Rat suchen. Dabei sind von Krisenzentren professionell geführte Angebote von solchen zu unterscheiden, die Laien betreiben. Auch Letztere können zur Verbesserung der subjektiven Situation beitragen.

Die Wirkung medialer Berichterstattung auf suizidgefährdete Menschen wurde mehrfach untersucht. Man kennt etwa den „Werther-Effekt“, also das Nachahmungsverhalten aufgrund einer medial vermittelten Vorbildwirkung von sensationsträchtig berichteten Suizidfällen. Auch das Gegenteil ist bekannt: der „Papageno-Effekt“. Hier haben Berichte über einen konstruktiven Umgang mit Suizidalität eine präventive Wirkung auf potenzielle Suizidgefährdete. All dies wurde für den Bereich der klassischen Print- und AV-Medien erhoben. Zum ersten Mal hat sich nun ein Team von Wissenschaftlern vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien mit der Frage auseinandergesetzt, wie das Kommunikationsverhalten im Internet aussieht.

Studienautor Dr. Thomas Niederkrotenthaler: „Das Online-Angebot ist grundsätzlich niederschwellig. Es gibt zwei große Gruppen – die professionellen Foren, und die nichtprofessionellen, von Laien betriebenen“. Studiengegenstand waren letztere Gruppe, wobei es auch hier zwei große Unterscheidungsparameter gibt: Die „Antisuizidforen“ haben eine klare Positionierung zur Verhütung des Suizides, und ermöglichen einen konstruktiven Austausch über Krisensituationen. Die „Prosuizidforen“ sind eher geschlossen ausgerichtet, und es kommt hier relativ oft zu einem oberflächlichen Austausch über Suizidalität, der vulnerablen Personen schaden kann.

Dass man in professionellen Foren nachhaltige Hilfe finden kann, ist nicht überraschend. Die Ausgangsfrage der Studie war nun, ob sich auch in den nicht-professionellen Foren ein positiver Effekt gegen eine Selbsttötungsabsicht ablesen lasse. Dazu untersuchte das Team um Niederkrotenthaler sieben deutschsprachige Foren und analysierte 1.200 Threads mit rund 25.000 Postings. Das heißt, es wurde immer ein Kommunikationsverlauf eines Erst-Posters zu seinem Anliegen untersucht. Das Ergebnis der Studie ist, dass sich gerade in Anti-Suizid-Foren durchaus positive Effekte gezeigt haben, die vermuten lassen, dass der Poster sich über die Zeit der Postingaktivität psychologisch verbessert. Niederkrotenthaler dazu: „Wichtig ist bei den erfolgreichen Beispielen zu betonen, dass die psychologische Verbesserung einhergeht mit einem Gesprächssetting, in dem jeder Poster intim über seine eigenen Erfahrungen erzählt und ihm aktiv zugehört wird. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, sich bei Bedarf auch professionelle Hilfe zu suchen. Für professionelle Helfende andererseits macht es Sinn, mit PatientInnen und KlientInnen auch über das Posten in nichtprofessionellen Foren zu sprechen. So lassen sich potenziell negative Effekte verhindern und auch ein besserer Einblick in die Situation der Betroffenen erhalten.“

Niederkrotenthaler rät, die nichtprofessionellen Foren nicht zu dämonisieren, da hier eine Zielgruppe für Präventionsarbeit existiere. Wichtig sei, dass diese Angebote eine Zusatzhilfe für Betroffene haben, und dass die Erfahrungen in professionellen Settings auch besprochen werden können.

Referenz

T. Niederkrotenthaler, M. Gould, G. Sonneck, S. Stack and B. Till. Predictors of psychological improvement on non-professional suicide message boards: content analysis. Psychological Medicine (in press). DOI:10.1017/S003329171600221X

MedUni Wien, Ärzte Woche 47/2016

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