zur Navigation zum Inhalt
© Bertelsmann
Dr. Raphael M. Bonelli
 
Psychiatrie und Psychotherapie 22. November 2016

Psychogramm der Überflieger

Fallbeispiele. Von seiner Grandiosität ist der Narzisst mit Leib und Seele besessen. Sie hat seine Bauchgefühle, seinen Kopf und sein Herz vollständig eingenommen. Autor und Psychiater Raphael Bonelli illustriert den gefesselten Mann anhand von Fallgeschichten.

Der Narzisst ist mit drei Fesseln an sich selbst gebunden: die Selbstidealisierung, die Fremdabwertung und die Selbstimmanenz. Das schreibt der Psychiater und Psychotherapeut Raphael M. Bonelli, der an der Sigmund-Freud-Universität in Wien lehrt. Seine These illustriert Bonelli mit Fallgeschichten.

- Zum Beispiel mit jener von Horst D., einem Klienten, der über seine geheimen Fantasien spricht, die er während seiner Behandlung entdeckt hat. Dass jemand seine Großartigkeit nicht erkennt, ist die Schuld des anderen. Zitat: „Ich sehe mich als den bedeutendsten Menschen auf Erden. Ohne jede Leistung: weil ich ich bin. Das ist objektiv erkennbar, und jeder soll das anerkennen. Die, die mich nicht kennen, haben das Gefühl, dass es den einen besonderen Menschen gibt – aber sie kennen ihn nicht. Die haben keine Ahnung, was ihnen entgeht. Ganz ehrlich? Ich denke mir, dass die Papst-Franziskus-Bilder in der Kirche mit meinen ausgetauscht werden sollen. Dass ich viel interessanter bin. Ich verstehe den Hype um diesen Typen nicht.“

- Aufschlussreiches über seine inneren Fesseln im Allgemeinen und sein Verhältnis zum Spiegel im Speziellen erzählt der 23-jährige Medizinstudent Alfred G. verschämt seinem Therapeuten. Die Aufgabe lautet, tief in sich hineinzublicken und sich damit selbst besser vestehen zu lernen. O-Ton G.: „Der Spiegel und ich? Eine Lovestory! [...] Der Spiegel in meinem Zimmer hat übrigens auch eine erotische Dimension: Da läuft auch mein Liebesleben ab – ich mit mir. Mehr brauchen wir nicht.“

Bonellis Psychogramm des selbstverliebten Mannes ist eine Lektüre für alle, die sich für Narzissmus interessieren und wissen wollen, wie die Befreiung von der Selbstzentriertheit gelingen kann.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 47/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben