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Massenmörder auf Drogen: Adolf Hitler war wohl Crystal Meth-abhängig.
 

Ein Tyrann auf Crystal Meth

Drogensucht. Adolf Hitler war wohl Methamphetamin-süchtig. Seine Soldaten nahmen ebenfalls „Hitler-Speed“, um aufgeputscht in die Schlacht zu ziehen – darunter auch ein späterer Nobelpreisträger.

Als der Diktator am frühen Vormittag aufwachte, saß sein Leibarzt schon bei ihm am Bett. „Doktorchen, ich freue mich ja so, wenn Sie morgens kommen“, seufzte der Despot und rollte den Ärmel seines Schlafanzugs hoch. Wie üblich hatte er die ganze Nacht wach gelegen und war mit Hilfe von Barbituraten erst frühmorgens in einen betäubungsähnlichen Schlaf geglitten. Der Arzt injizierte dem Patienten seinen täglichen „Vitamin“-Cocktail. Dessen belebende Wirkung setzte unmittelbar ein. Der Diktator schätzte das. Schließlich galt es wichtige Entscheidungen zu treffen, draußen tobte der Krieg.

Seinem Leibarzt, dem Berliner Urologen Dr. Theodor Morell, dichtete der „Führer“ wahre Wunderkräfte an. Mehrfach habe ihm Morell das Leben gerettet, behauptete Adolf Hitler, dessen Sekretärin Traudl Junge nach dem Krieg erzählte, dass ihr Chef „regelrecht morellsüchtig“ gewesen sei. So süchtig wie ein Fixer, der den täglichen Besuch seines Dealers herbeisehnt.

Vermeintlicher Vitamin-Cocktail

Jedenfalls gibt es berechtigte Zweifel an Morells Beteuerung, dass sich in den „Vitamultin A“-Ampullen, die er Hitler morgens verabreichte, lediglich Vitamine befunden hätten. Glaubhafter ist, dass der vermeintliche Vitamin-Cocktail mit einer ordentlichen Dosis Pervitin angereichert wurde, einem Methamphetamin, heute bekannt als Crystal Meth.

Vitamine allein, so befanden der US-Psychiater Prof. Dr. Leonhard Heston von der University of Minnesota und seine Frau Renate Heston, eine Krankenschwester, schon 1979 in ihrer Studie „Medical Casebook of Adolf Hitler“, taugten nicht als Muntermacher. Das einzige zu Hitlers Lebzeiten in Deutschland verfügbare Aufputschmittel sei Pervitin gewesen. Gespräche mit Zeitzeugen, die Lektüre sämtlicher Studien zu Hitlers Krankheiten sowie das Studium der Hinterlassenschaft Morells brachten die Hestons zu dem Schluss, dass der Diktator von seinem Leibarzt höchstwahrscheinlich einen Cocktail aus Vitaminen, Pervitin und Koffein erhielt, Letzteres, um die Wirkung von Methamphetamin noch zu verstärken.

Für Hitlers Vertrauten Generalbauinspekteur Albert Speer eine plausible Theorie – der 1981 verstorbene Speer nannte die Studie der Hestons „die erste wissenschaftlich-medizinische Untersuchung der Krankengeschichte Hitlers“.

Schokolade für die Hausfrau

Methamphetamin wurde erstmals 1893 von dem japanischen Chemiker Nagayoshi Nagi in flüssiger Form synthetisiert. In Deutschland forschte man seit 1934 an einem eigenen Verfahren zur Herstellung der psychotropen Substanz, das sich die Temmler-Werke 1937 patentieren ließen.

Ein Jahr später brachte man das Präparat unter dem Markennamen Pervitin auf den Markt, wo es zunächst in jeder Apotheke frei erhältlich war. Auch mit Pervitin versetzte Pralinen, so genannte „Hausfrauenschokolade“, fanden reißenden Absatz (Werbespruch: „Pervitin macht die Hausfrau fröhlich“). Schon bald interessierte sich auch die Wehrmacht für das Aufputschmittel, das euphorisierte und enthemmte, die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit steigerte sowie Schmerz, Angst, Hunger und Durst herabsetzte.

„Panzerschokolade“ putschte Soldaten auf

Vor allem während der „Blitzkriege“ gegen Polen und Frankreich 1939 und 1940 wurde Pervitin millionenfach eingesetzt. Die Soldaten nannten die Droge „Panzerschokolade“, „Stuka-Tabletten“, „Flieger-Marzipan“ oder „Hermann-Göring-Pillen“.

Allein in den drei Monaten von April bis Juni 1940 bezog die Wehrmacht nachweislich 35 Millionen Tabletten Methamphetamin, nicht allein von den Temmler-Werken, die die Markenrechte für Pervitin noch bis 2015 hielten, sondern auch von der Ingelheimer Knoll AG, die mit Isophan ein eigenes Präparat auf den Markt gebracht hatte.

Nahezu jeder Soldat, egal ob Infanterist oder Kampfflieger, hatte zu dieser Zeit sein „Wachhaltemittel“ (so die Firmenbezeichnung) im Gepäck. Viele von ihnen wurden regelrecht süchtig nach dieser Droge.

Späterer Literaturnobelpreisträger bittet um Pervitin

„Der Dienst ist stramm, und Ihr müsst verstehen, wenn ich späterhin Euch nur alle zwei bis vier Tage schreibe“, notiert ein junger Gefreiter am 9. November 1939 in seiner Feldpost an die „lieben Eltern und Geschwister“. „Heute schreibe ich hauptsächlich um Pervitin.“

Am 20. Mai 1940 bittet der damals 22-jährige Soldat aus dem besetzten Polen: „Vielleicht könntet Ihr mir noch etwas Pervitin für meinen Vorrat besorgen.“ Am 19. Juli 1940 verlangt er erneut um Nachschub: „Schickt mir nach Möglichkeit bald noch etwas Pervitin.“ Der junge Gefreite wurde später Schriftsteller und erhielt 1972 den Literaturnobelpreis. Sein Name: Heinrich Böll.

Der massenhafte Medikamentenabusus an der Front blieb Ärzten nicht verborgen. „Wer Ermüdung mit Pervitin beseitigen will, der kann sicher sein, dass der Zusammenbruch seiner Leistungsfähigkeit eines Tages kommen muss“, warnte Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti am 19. März 1940 in seiner Rede vor dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund in Berlin.

Noch fand seine Warnung kein Gehör. Erst in Folge eines Sexskandals sah sich das Innenministerium genötigt, Pervitin und andere Methamphetamin-Präparate zum 1. Juli 1941 unter das Opiumgesetz zu stellen und damit de facto zu verbieten: Ein Berliner Arzneigroßhändler hatte auf illegalem Wege große Mengen an Pervitin erworben und damit neben Apotheken auch ein Bordell beliefert.

Das neue Gesetz stellte Hitler und seinen Arzt vor erhebliche Probleme. Zwar stand der „Führer“ über dem Gesetz – doch da die Abgabe von Methamphetamin von nun an registriert wurde, konnten die Kontrollbehörden ab sofort jede Tablette zurückverfolgen. Um die Gefahr zu umgehen, dass Hitlers Suchtmittelkonsum bekannt wurde, ließ Leibarzt Morell sein „Vitamultin“ fortan in seinen eigenen Hamma-Werken herstellen.

Von den in Goldpapier eingewickelten Tabletten hatte Hitler stets einen reichlichen Vorrat. Augenzeugen berichteten, dass er davon täglich bis zu zehn Stück geschluckt habe. Vor allem in Krisensituationen. Selbst noch in den letzten Stunden vor seinem Tod.

Spätestens Anfang 1942, so vermuten die Hestons, habe der Diktator das Aufputschmittel zusätzlich zu den Pillen auch als intravenöse Injektion bekommen. Fast jeden Morgen stattete sein Leibarzt der Reichskanzlei aus diesem Grund einen Besuch ab.

„Reichsspritzenmeister“

Bei Hitlers Vertrauten war der übergewichtige Prominenten-Arzt einigermaßen unbeliebt. Luftwaffen-Chef Hermann Göring, selbst morphiumsüchtig, nannte Morell den „Reichsspritzenmeister“, Generaloberst Heinz Guderian bezeichnete ihn als einen „unappetitlichen, fetten Kurpfuscher“.

Hitlers Lebensgefährtin Eva Braun beschwerte sich bei ihrem Liebsten über des Arztes fehlende Körperhygiene. „Morell ist nicht zum Beriechen da, sondern um mich gesund zu halten“, belehrte sie der „Führer“. Seinem „lieben Doktor“ selbst versprach er noch im November 1944: „Wenn wir beide glücklich durch den Krieg kommen, dann sollen Sie einmal sehen, wie groß ich Sie entlohnen werde“.

Pete Smith

, Ärzte Woche 44/2016

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