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Schaulust gehört zur menschlichen Natur: Bei schweren Unfällen kann das ernsthafte Konsequenzen haben.
 
Leben 30. September 2016

Die Gier der Gaffer

Verkehrsunfälle. Sie beobachten, filmen oder fotografieren bei schweren Unfällen. Schaulustige Passanten nehmen dabei in Kauf, Rettungskräfte zu behindern. Warum nimmt die Zahl der Gaffer mit gezücktem Handy zu?

ÄZNach einem schweren Unfall zählt jede Minute. Leben oder Tod können davon abhängen, wie schnell die Rettungskräfte bei den Verletzten sind. Doch immer wieder behindern Gaffer die Arbeit von Polizei und Helfern. Die Schaulustigen zücken dann ihre Handys, fotografieren und filmen das Geschehen am Unfallort. Manche widersetzen sich den Anweisungen der Polizei.Drei Männer, die im Juli des Vorjahres nach einem Unfall mit zwei Toten in Bremervörde in Norddeutschland genau das taten, standen vor Kurzem vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, Beamte bei ihrer Arbeit behindert, bedroht und verletzt zu haben.

Neugier ist den Menschen in die Wiege gelegt, Sensationslust offensichtlich auch. „Ich vermute, es ist ein tiefgründiger Trieb oder Instinkt“, sagt der emeritierte Psychologie-Professor der TU Dortmund, Bernd Gasch. Bereits im alten Rom habe es etwa bei Kämpfen viele Zuschauer gegeben. „Es muss einen besonderen Reiz haben“, erläutert Gasch, der sich mit Notfallpsychologie beschäftigt hat. Auch heute bedeute es für viele Menschen wohl einen Lustgewinn, das Geschehen am Unfallort aus nächster Nähe zu beobachten. Für viele Schaulustige sei der Drang, dabei zu sein und zu filmen, stark.

Menschen wollen selbst Geschichten erzählen

Meldungen über Schaulustige, die Helfer behindern, gibt es inzwischen bei nahezu jedem größeren Unfall. Ein drastischer Fall ereignete sich im Mai im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Rund 150 Gaffer liefen an der Unfallstelle herum. Polizei und Feuerwehr wurden massiv bei ihrer Arbeit behindert. „Das Problem wird größer“, sagt der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow.

In den vergangenen fünf Jahren habe die Zahl der Schaulustigen, die Rettungskräfte und Polizei behindern, deutlich zugenommen.

Malchow erklärt sich die große Zahl der Gaffer unter anderem mit der Verbreitung des Smartphones. „Die Menschen wollen Geschichtenerzähler sein“, sagt er. Ihm zufolge stellen viele Schaulustige Fotos und Videos der Unfälle ins Internet – ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte der Opfer. Um eine gute Geschichte zu bekommen, sei es manchen egal, ob sie am Unfallort Rettungskräfte behindern. Für die Polizei bedeutet die Entwicklung einen enormen Aufwand. Bei fast allen großen Unfällen auf Autobahnen werden inzwischen Sichtschutzwände aufgebaut.

Stehenbleiben und schauen sind weiterhin erlaubt

Die Politik hat ebenfalls reagiert. Als Konsequenz aus den Vorfällen in Bremervörde hat Niedersachsen im Mai eine Gesetzesinitiative im Bundesrat eingebracht. Die Länderkammer startete daraufhin einen Vorstoß. Nach dem Gesetzentwurf soll das Behindern von Rettungskräften mit Geld- und Haftstrafen bis zu einem Jahr geahndet werden. Gaffen an sich bleibt allerdings erlaubt. „Stehenbleiben und schauen ist nicht verboten“, sagt der GdP-Chef Malchow.

Helen Hoffmann

, Ärzte Woche 40/2016

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