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© Pressefoto ULMER / picture alliance
Selbstvertrauen, das man nicht trinken kann.


Dr. Marcus Täuber

    
   
 
Leben 12. September 2016

Grübel, grübel und verlier

Erfolgsstrategie. Mental starke Patienten schaffen es leichter, einen gesünderen Lebensstil umzusetzen, die Therapien einzuhalten, und mit mehr Gelassenheit den Herausforderungen des Alltags zu begegnen.

Mentale Stärke ist die Fähigkeit, die inneren Ressourcen optimal abrufen zu können. Das Konzept ist eng mit dem Begriff der Resilienz aus der Stresspsychologie verwandt. Dass mentale Stärke weder unwichtig noch Hokuspokus ist, musste das österreichische Fußballteam bei der EM in Frankreich leidvoll erfahren. Auch nach dem jüngsten WM-Qualifikationsspiel gegen Georgien meinte Teamchef Marcel Koller, Selbstvertrauen könne man nicht einfach so trinken.

Dazu ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einem kleinen Podest in 15cm Höhe. Kein Problem. Wie ist es in 1,5m? Für die meisten ebenfalls problemlos möglich. Und in 15m? Bei fast allen beginnt der Körper so stark zu zittern, dass nicht einmal das einfachste der Welt mehr möglich ist: einfach zu stehen.

Was passiert da? Im Grunde entsteht eine Bewertung der Situation. Aus der Bewertung „Ich darf nicht runterfallen“ folgen negative Reaktionen. Gedanken, Gefühle und der Körper kommen in die Anspannung. In solcher einer Situation sind wir sehr problemorientiert, Energien werden für Kampf oder Flucht bereitgestellt, das Immunsystem wird runtergeschalten.

Neben einem „zu viel“, der Anspannung, ist auch „zu wenig“ nicht gut. Oft sind wir am Anfang motiviert, etwas zu verändern. Zum Beispiel laufen zu gehen. Oder die Ernährung umzustellen. Doch viele von uns kippen nach einigen Wochen wieder raus. Ähnlich ist es mit Therapien. Die Zahlen sind ernüchternd: jeder zweite Patient hält sich nicht an die empfohlene Therapie. Das hat nicht nur weitreichende Folgen für die Gesundheit. Die mangelhafte Compliance verursacht auch gewaltige Kosten für die Gesundheitssysteme.

Ob gesünderer Lebensstil, regelmäßige Tabletteneinnahme, Einhaltung der Arzttermine – die Routinen dafür sitzen in den Basalganglien. Mit guten Ratschlägen alleine können wir diese nicht ändern. Daran scheitern klassische Edukationskampagnen.

Es braucht ein Programm, um das Gehirn auszutricksen. Eine Gewohnheit besteht immer aus dem Auslöser, dem eigentlichen Verhalten und der Belohnung. Durch Ritualisierung dieses Vorgangs lassen sich neue Gewohnheiten gleichsam über die alten drüberlegen.

Mit mentalen Techniken ist es zudem möglich, die Motivation zu steigern und so die neuen Gewohnheiten noch stabiler zu verankern. Zielvorstellungen erhöhen positive Emotionen, diese wiederum die Vorfreude, neurochemisch das Dopamin. Und Dopamin ist der Treibstoff für unser Handeln.

Ich habe ein eigenes Trainingsprogramm zur Steigerung mentaler Stärke entwickelt. Für Patienten biete ich Workshops an, die Werkzeuge an die Hand geben, um Stress abbauen, Motivation zu erhöhen, und Wohlbefinden zu steigern. Evidenz-basierte Ansätze sorgen dafür, dass effektive Methoden erlernt werden, um Patienten umfassender zu unterstützen.

Natürlich sind die Techniken auch für den Alltag von Ärzten und Krankenpflegepersonal geeignet. Sie sind Experten in der Erbringung anspruchsvoller Dienstleistungen unter schwierigsten Rahmenbedingungen. Nicht umsonst gehören diese Berufe zu den besonders gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten. Mehr Gelassenheit und innere Kraft zu tanken, ist eine wahre Wohltat für den hektischen Betrieb in Krankenhaus und Ordination.

Marcus Täuber

, Ärzte Woche 37/2016

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