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© MichaelDeFreitas/picture alliance
Das Lou Ruvo Center in Las Vegas ist eine neurologische Ambulanz, die sich abends in eine Bar verwandelt. Die Einnahmen kommen der Forschung zugute.
© Andrew Milligan/PA Wire

Zaha Hadid steht 2006 vor dem von ihr geplanten kleinen Krebszentrum in Kirkcaldy nahe Edinburgh.

 
Leben 3. Mai 2016

Alles, nur kein fader Kasten

Moderne Krankenhaus-Designer arbeiten mit Farbe, Licht und mitunter auch eingeschossig.

Es geht auch anders: Weltweit entstehen außergewöhnliche Spitäler, deren Design zum Genesungsprozess beiträgt. Auch in Österreich ist „Healing Architecture“ kein Fremdwort mehr, wie das jüngste Beispiel am LKH Hall zeigt. Dort soll ein neuartiges Lichtsystem das Wohlbefinden dementer Patienten erhöhen.

Zaha Hadid ist schon mehr als einen Monat tot. Die irakisch-britische Stararchitektin starb am 31. März an einem Herzanfall. In ihrem Werk findet sich nur ein Haus für Kranke, das aber kein gewöhnliches Spital ist: das Maggie‘s Cancer Care Center Fife in der schottischen Stadt Kirkcaldy, ein eingeschossiges, bewusst überschaubares Zentrum für Krebskranke, das neben dem großen Victoria Hospital errichtet wurde.

Der Plan für das im Jahr 2006 errichtete, sehr wohnliche Gebäude ( bit.ly/1SM0zbn ) fußt auf einer ganzheitlichen Sichtweise der Medizin. Die Vorgeschichte ist tragisch: Maggie Keswick, die Frau des US-amerikanischen Architekturtheoretikers Charles Jencks, starb 1995 an Krebs. Die Erfahrungen, die sie als Patientin in einem nüchternen und unpersönlichen Klinikum gemacht hatte, führten dazu, dass sie in den 1980er-Jahren mit Jencks ein Konzept kleiner Zentren für Krebspatienten entwickelte. In der Folgen entstanden unabhängige Beratungs-, Versorgungs- und Therapiezentren, die sich deutlich von herkömmlichen Stationen für Krebskranke absetzen, wie Christine Nickl-Weller und Hans Nickl in ihrem Buch „healing architecture“ schreiben (siehe Literatur-Tipp auf S.5). So lautet auch der Name eines Design-Trends, der vor zirka 20 Jahren in Großbritannien und in Deutschland entstand. Dieser Ansatz, eben keine weißen Kästen zu bauen, sondern für Patienten eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, die bei der Genesung hilft, ist laut dem Architekten Kurt Sattler ( www.architectscollective.net ) in Österreich groß im Kommen.

An der gerontopsychiatrischen Station des LKH Hall wurde ein spezielles Lichtsystem installiert. Im Rahmen einer Studie wird nun untersucht, welche Wirkung Licht auf Demenzpatienten, ihre Schlafqualität, ihren Medikationsbedarf und allgemein ihr Wohlbefinden hat. „Wir wissen, dass Licht einen großen Einfluss auf Demenzkranke hat, die Studienlage ist jedoch mangelhaft. Deshalb haben wir ohnehin fällige Renovierungsarbeiten genutzt, um ein hochmodernes, dynamisches Lichtsystem zu installieren“, sagt Dr. Josef Marksteiner, Primar der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie .

Die Beleuchtung imitiert den Tagesverlauf des natürlichen Lichts. Am Morgen wird die Raumhelligkeit langsam gesteigert und abends verringert. Auch die Lichtfarbe verändert sich: An den Tagesrandzeiten herrscht an Feuerschein erinnerndes warmes Licht, zu Mittag bei Bedarf Kunstlicht, das dem Tageslicht sehr ähnlich ist.

Kein Wunder, dass Fenster zu den wichtigen Elementen in Kliniken gehören. Patienten, die auf Intensivstationen ohne Tageslicht liegen, haben größere Schwierigkeiten, sich zeitlich zu orientieren und die Länge ihres Aufenthaltes einzuschätzen. Wahnvorstellungen und Halluzinationen sind in fensterlosen Stationen doppelt so häufig wie in Räumen mit Ausblick. Wissenschaftler sind sich heute einig, dass das Umfeld den Heilungsprozess positiv beeinflussen kann. Weltweit existieren dazu laut Süddeutscher Zeitung etwa 1.000 Studien. Sie berichten von verringerter Medikamenteneinnahme, zudem sinkt der Blutdruck, die Herzfrequenz ebenso, die Patienten sind weniger gestresst. An der TU Berlin gibt es einen Forschungsschwerpunkt „Healing Architecture“.

Resümee von Nickl-Weller und Nickl: „Das Krankenhaus ist nach wie vor ein teils mit Ängsten besetzter Ort, aber eine nutzerfreundliche Architektur kann Besuchern wie Patienten helfen, Schwellenängste abzubauen und sich mit einem sicheren Gefühl in Räumen aufzuhalten und zu bewegen.“

Martin Burger, Ärzte Woche 18/2016

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