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© Oliver Berg/picture-alliance/dpa
Einfühlsames Verhalten sei sehr wichtig, so Kogan.
 

Ärztin ohne Scheu

Dr. Olga Kogan wächst im Klinikalltag über sich hinaus.

Kollegen rieten der sensiblen Jungmedizinerin vom Spitalsjob ab. Heute geht sie ihrer Tätigkeit als Assistenzärztin auf der Psychiatrie mit Leidenschaft nach und sagt im Interview mit der „Ärzte Woche“: „Ich könnte mir nichts anderes vorstellen.“

„Eher trocken und wenig spannend.“ Das sagt Dr. Olga Kogan-Goloborodko über den vorklinischen Teil ihres Studiums. Was danach folgte, beschreibt sie im Buch „Diagnose: Empathie“ (siehe Literaturtipp). Die Autorin ist im Hauptberuf Assistenzärztin für Psychiatrie und Psychosomatik an der Uni-Klinik Aachen. Sie hat sich eine leicht verständliche Sprache bewahrt, die ohne medizinische Termini und auch ohne medizinische Floskeln auskommt.

Dafür gibt es von der 29-Jährigen mit ukrainischen Wurzeln ehrliche Ansagen. Beispiele gewünscht? „Ich brauch einfach meinen Schlaf. Das ist für mich sehr wichtig, und diese 24-Stunden-Dienste, das war für mich nicht auszuhalten“; „Ich finde es immer wieder schlimm, wenn ich Tote sehe, ist das wie ein Loch, auch wenn ich die Leute nicht kannte. Ich weiß nicht warum, ich habe ja schon ganz viele Tote gesehen und habe auch als Tutorin in der Anatomie beim Präparationskurs gearbeitet“; „Die Innere ist die Königsdisziplin, ein guter Internist ist Gold wert, aber es ist aufgrund der Patientenflut häufig leider auch eine Massenabfertigung.“

Überhaupt die Arbeitsbedingungen! Etliche von Kogans Kollegen stöhnten unter den Überstunden. Immer mehr verstand sie den Rat gestandener Ärzte, die ihr empfahlen, die Finger vom Arztberuf zu lassen. Erklärung: „Das macht kaputt.“

Zum Glück interessierte sich Kogan auch noch für ein anderes Fach, nämlich für Psychiatrie und Psychologie: „Ich habe schon in der Schule die Biografie von Freud gelesen und war total fasziniert. Ich hatte aber Bedenken, weil ich so ein emotionaler Mensch bin, ob ich das alles aushalten würde, diese Schicksale. Aber ich habe mir gesagt: Versuch es! Man gewöhnt sich ja einfach an alles.“ Heute sagt sie: „Ich könnte mir keinen anderen Beruf für mich vorstellen, das ist das, worin ich aufgehe, die Arbeit mit den Menschen, dass man helfen kann.“

Wenn da nicht die Dienste wären, vor allem an Feiertagen sei das „großer Mist, aber das ist eben so, man muss es halt bis zum Oberarzt schaffen“. Wieso das? „Dann hat man nur noch Hintergrunddienst. Dann ist es halb so schlimm eigentlich.“

Liebe unter Ärzten

Ehrliche Frage, ehrliche Antwort, Frau Doktor! Bleiben Ärzte auch privat lieber unter sich? In der Partnerschaft sei es einfacher, mit jemandem zusammenzusein, der das gleiche macht, für quasi Außenstehende sei es schwierig zu verstehen, wenn der andere nach Hause kommt und hundemüde sei. Es sei auch leichter, sich auszutauschen, als mit einem Partner, der kein Mediziner sei. „Ich finde es sehr schön, wenn wir nach Hause kommen, mein Mann und ich, und wir können uns aufregen über das, was war. Wenn ich keine Ärztin wäre, wäre es für mich schon sehr blöd, wenn mein Partner Nachtdienste hätte oder an Feiertagen arbeiten müsste. Ich weiß, dass viele Beziehungen daran auch kaputt gehen.“

Einfühlsames Verhalten sei in ihrem Beruf wichtig, sagt Olga Kogan-Goloborodko. Was nicht bedeutet, dass es auch wirklich alle beherrschen. „Für mich war das sehr wichtig, mit den Menschen Kontakt zu haben. Ich fand es auch schön, das nachzuempfinden, was andere fühlen, das ist für mich ein Stück Lebensqualität.

Gutes Stichwort: Empathische Menschen müssen sich oft den Vorwurf gefallen lassen, sich zu viel Zeit zu nehmen, nicht effizient zu sein. Kogan findet das nicht. „Ich mache praktisch keine Überstunden. Manche psychiatrische Patienten strengen lange Gespräche zu sehr an, andere brauchen mehr Zuwendung, letztendlich gleicht sich das aus.“

Sie habe gelernt, sich nicht zu sehr reinzusteigern, mehr abzugrenzen und die Arbeit im Spital als Job zu sehen, „danach geht man nach Hause, und es ist Schluss“.

Eine riesige heiße Lavawelle

Zu den schlimmen Erlebnissen für eine Ärztin wie Kogan gehört es, wenn junge Menschen auf dem OP-Tisch sterben. Einer von ihnen, Kogan nennt ihn Michael, wurde nach einem Autounfall mit einem Polytrauma stundenlang operiert. Letztendlich mussten die Chirurgen und Anästhesisten den Kampf aufgegeben: Hirntod. Kogan war noch Studentin, sie kam gegen Ende der OP dazu.

In ihrem Buch widmet sie dem im Alter von 26 Jahren verstorbenen Engländer ein Kapitel und eine zärtliche Betrachtung: „Schrecklich? War es das, was ich empfand? Nein. Das, was ich vorher gelernt hatte, das war schrecklich. Diese Situation war völlig anders. Es war etwas Riesiges, etwas alles Umfassendes, etwas nicht zu Bewältigendes. Eine riesige heiße Lavawelle, die über mich rollte und mich außen und innen verbrannte, ausbrannte. Deren Kraft mich von den Beinen riss. Dieses Mal war ich betroffen. Was war das? Trauer, Unglauben, Wut über diese Ungerechtigkeit? Du bist doch nicht tot! Mach die Augen auf! Du atmest doch! Du bist warm! Warum habt ihr ihm die Decke weggenommen? Er wird doch frieren ... Michael, Michael!“

M. Burger, Ärzte Woche 8/2016

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