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© Filip Singer/dpa
Pragerin geht an einem Graffiti des kasachischen Künstlers“ChemiS“ vorbei, geschaffen für die mehr als 130 Opfer der Terroranschläge von Paris.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 23. November 2015

Grauen in Endlosschleife

Egal ob erlebt oder rekonstruiert, die Erinnerung an den Pariser Freitag den 13. wird uns nie mehr loslassen.

Millionen Menschen in Paris oder vor den TV-Geräten wurden Zeugen des Bombenterrors und dem Gemetzel, das islamistische Attentäter anrichteten. Dieses traumatischen Erlebnisse können weitreichende gesundheitliche Folgen haben. Selbst Kinder, die das Geschehen nicht bewusst wahrnehmen, durchleben die Szenen später wieder und wieder. Nicht anders als ein Kind im Krieg.

Valtrovice im Sommer 1945, die Stille in der südmährischen Ortschaft wird vom Propellerlärm einer Jakowlew (russisches Jagdflugzeug, Anm.) zerrissen. Wenig später marschieren russische Truppen in den Flecken ein. Die Bewohner müssen an einer Mauer Aufstellung nehmen und werden der Reihe nach erschossen. „Als meine Mutter dran war, hat sie mich vor sich gehalten. Daraufhin hat der Russe zum Schießen aufgehört.“ So gibt Wilhelm Burger, Vater des Autors dieser Zeilen, die Berichte seiner Eltern und Großeltern wieder, die ihm, der damals 2 Jahre alt war, das Grauen bis heute hautnah erleben lassen.

Traumatische Erinnerungen können weitreichende gesundheitliche Auswirkungen haben, sei es durch Gewalterfahrungen im Krieg oder, in einem ganz anderen sozialen Kontext, durch die Anschläge von Paris. Es sind Erlebnisse von exzessiver Gewalt, die ihre Wirkung im Lauf der Zeit entfalten. „Erinnerung sind aber keine Filmaufnahmen, die die Wirklichkeit 1 zu 1 abbilden“, sagt Dr. Christa Radoš, Vorstand der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am LKH Villach. Die Realität eines Ereignisses sei nicht unbedingt entscheidend dafür, wie traumatisch sich dieses im weiteren Lebensverlauf auswirkt. „Durch die plausible Schilderung der Eltern weiß ihr Vater, was geschehen ist – selbst wenn er zu diesem Zeitpunkt möglicherweise noch zu jung war, um sich bewusst an viele Details zu erinnern. Rudimentäre Erinnerungen werden gemeinsam mit den Erzählungen Beteiligter zu einer Geschichte, die entscheidend für die weitere persönliche Entwicklung werden kann und die das Erleben und die Verarbeitung späterer traumatischer Ereignisse entscheindend beeinflusst. Erinnerungen sind eine höchst unverlässliche Sache was die Realität betrifft, sie sind aber das Entscheidende für unsere innere Wirklichkeit.“

Menschen gehen mit traumatischen Erlebnissen höchst unterschiedlich um. Das hängt neben der Tragweite des Ereignisses auch von der Vulnerabilität bzw. der Resilienz des Betroffenen ab. Noch einmal Radoš: „Das ist ein Schlüssel zum Verstehen posttraumatischer Störungen. Während ein Individuum das überstandene Trauma als Zeichen von Überlebensfähigkeit und innerer Stärke wahrnehmen kann, erlebt ein Anderer vermehrt Ängste und Verunsicherung bis hin zu Krankheitssymptomen.“

Vortraumatisierte Franzosen

Vor den Ereignissen in Paris gebe es wenig Vergleichbares in der aktuellen Geschichte, 9/11 in New York oder den Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo ausgenommen. „Wir leben mitten in Europa derzeit nicht im Krieg.“ Für weite Teile der Gesellschaft sei Paris ein akzidentelles und kein persönliches Trauma. Jeder, der in der Nähe des Geschehens war, habe gewusst: Die Schüsse gelten nicht ihm, sondern der Gesellschaft als solcher. „Das ist eine andere Art von Schrecken, das Sicherheitsgefühl in der westlichen Welt wurde nachhaltig erschüttert.“

Zwar beträfen die Anschläge von Paris die Gesellschaft als Ganzes. Dies bedeute aber keineswegs, dass jeder Bürger nun Symptome posttraumatischer Belastungsstörung aufweisen wird. Die Gesellschaft bestehe eben aus einer Vielzahl unterschiedlicher Individuen, die sehr unterschiedlich auf Belastungen reagieren und weist somit eine große Bandbreite möglicher Reaktionen auf. „Es gibt Menschen, die sensibler, irritierbarer sind, und es gibt Menschen, die Traumata besser verarbeiten. Das hat vielfältige, auch genetische Gründe. Eine große Rolle spielt die persönliche Lebenswirklichkeit. Ein stabiles soziales Umfeld spielt bei der erfolgreichen Bewältigung traumatischer Erfahrungen vermutlich die wichtigste Rolle.“

„Ich habe als Kind in einem Ganslteich an Thaya gespielt“, sagt Wilhelm Burger. Beim Anblick eines Teichs, sind die Erinnerungen an das Erschießungskommando wieder da (siehe auch Seite 22).

Martin Burger, Ärzte Woche 48/2015

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