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Tatort Schulbus in Jacksonville, Florida, Mai 2015: Amoktäter suchen Ruhm und Aufmerksamkeit.

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Carlee Sotos weint um ihre Schwester, die als Lehrerin unter den Opfern des Schul-Amoklaufs in Connecticut 2012 war.

 

Die Auslöscher

Expertenbericht: Psychische Störungen und Tatmotive bei „School shootings“ und Amokläufen.

Die überwiegend männlichen Amoktäter zerfallen in zwei Gruppen: junge Männer bis 24 und erwachsene Männer bis 71. Während bei den jungen Tätern durch das ausgeprägte Droh- und Warnverhalten sowie eine Einbindung der Schulen in Netzwerke gute Früherkennungen der Tatplanungen möglich sind, ist das bei Erwachsenen deutlich schwieriger.

Unter „School Shootings“ versteht man eine Phänomenologie von Tötungsdelikten, bei denen in der Regel junge Männer in einer Schule eine Mehrfachtötung begehen und sich häufig am Ende selbst töten. Diese aus dem amerikanischen Sprachraum stammende Bezeichnung trifft den Kern solcher Taten, ist aber auch zu eng: Versteht man ihn wörtlich, sind Tötungsdelikte mit Schusswaffen umfasst. Die Realität zeigt aber auch Taten, die mit anderen Tatmitteln (Sprengstoff, Hieb- und Stichwaffen) und an anderen Orten als Schulen begangen werden. Im deutschsprachigen Raum verwendet man den Begriff „Amoktaten“ für derartige Delikte. Auch hier gibt es Probleme mit dem Begriff malaiischen Ursprungs, der plötzliche Wut und Raserei eines Einzeltäters mit der Absicht, mehrere Menschen zu töten, nahe legt.

Unter den empirisch untersuchten Mehrfachtötungen gab es nur wenige spontane Taten, vielmehr handelt es sich um lange geplante Tötungen, bei denen die noch lebenden Täter auch keinesfalls in Amnesie verfielen.

Massenmord

Amoktaten als spezifisches Phänomen sind beabsichtigte versuchte oder vollendete Mehrfachtötungen nach dem Typus des Massenmordes, bei denen in der Regel ein Einzeltäter aus Wut, Hass und Rache bestimmte oder auch willkürlich ausgewählte Opfer attackiert. Es kommen Taten durch Täterpaare vor, deren Vorbild vor allem in der Tat an der Columbine High School in Littleton / Colorado (20. April 1999) zu suchen ist. Diese Tat spielt aus verschiedenen Gründen eine bedeutende Rolle bei der Identifikation späterer Täter.

Als Beispiele für die schwersten Amoktaten in Deutschland gelten die Taten in Erfurt (26. April 2002) und jene in Winnenden / Wendlingen (11. März 2009). In Erfurt betrat ein 19-Jähriger maskiert, in schwarzer Kleidung und schwer bewaffnet die Schule und erschoss in kurzer Zeit 16 Menschen. Er zielte vor allem auf Lehrer und Lehrerinnen und ging in Klassenräume hinein, um zu töten. Er erschoss die Sekretärin, zwölf Lehrer und Lehrerinnen, einen Schüler und eine Schülerin durch eine verschlossene Tür sowie einen Polizeibeamten aus dem Fenster des ersten Stockwerks. Gestellt von einem Lehrer nahm er die Maske ab, wurde in einen Raum gesperrt und erschoss sich selbst.

16 Tote in 20 Minuten

Die Auswirkungen dieser weniger als zwanzig Minuten dauernden Tat waren verheerend. Bis die Polizei die Schule gesichert und die Rettungskräfte ihre Arbeit abgeschlossen hatten, vergingen Stunden. Schüler und Schülerinnen, Lehrer, Lehrerinnen und der Hausmeister sahen, wie Menschen vor ihren Augen erschossen wurden, sahen Getötete auf dem Boden liegen, hörten Schreie eines sterbenden Lehrers und hatten häufig selbst Todesangst gehabt. Über alldem schwebte die Unsicherheit, ob sich ein zweiter Täter noch im Gebäude befinde. Durch die Ein- und Ausgänge der Schule hatte der Täter zudem auf dem Platz vor der Schule auf Menschen geschossen und die Stockwerke auf beiden Seiten der Treppenhäuser durchquert und war unvermutet an beiden Seiten aufgetaucht.

In Winnenden und Wendlingen erschoss ein 17-Jähriger mit einer Pistole 15 Menschen und verletzte andere schwer, bevor er sich selbst tötete. Am ersten Tatort der Schule dauerte die Tat weniger als vier Minuten. Er attackierte mehrere Klassen, indem er die Türen öffnete und sofort auf die mit dem Rücken zu ihm sitzenden Schülerinnen und Schüler schoss. Er schoss auch auf verschlossene Türen und tötete so eine Lehrerin. Er beschoss den Hausmeister und traf sodann im Flur auf eine Lehrerin und eine Referendarin, die er näher kommen ließ und sodann erschoss. Als die Polizei eintraf, schoss er sofort und verfehlte einen Beamten knapp. In der Schule starben acht Schülerinnen, ein Schüler und drei Lehrerinnen. Mindestens elf weitere Schülerinnen und Schüler sowie drei Lehrerinnen wurden zum Teil schwer verletzt.

Viele Personen hatten die Schüsse gehört und später die Getöteten gesehen. Vor allem brach in kurzer Zeit ein Chaos aus, weil Eltern ihre Kinder suchten, Medienvertreter auftauchten und der Täter verschwunden war. Auf einem angrenzenden Parkgelände erschoss der Täter eine weitere Person, nahm eine Geisel und lieferte sich Stunden später mit der Polizei einen Schusswechsel in einem Industriegebiet. Obwohl er mehrfach angeschossen worden war, stand er wieder auf, verletzte zwei Polizeibeamte schwer und tötete zwei Personen in einem Autohaus. Am Ende erschoss er sich selbst.

Ziel: Unsterblichkeit

Amoktäter bezwecken Ruhm und Aufmerksamkeit und wollen mit ihrer Tat „unsterblich“ werden, wobei sie auf Medienaufmerksamkeit und vor allem auf die Dauerpräsenz im Internet abzielen. Sie begehen häufig im Anschluss an die Tat Suizid. Junge Täter bis 24 Jahre unterscheiden sich von der heterogeneren Gruppe der Erwachsenen. Bei einer Kerngruppe junger Täter finden sich Persönlichkeitsauffälligkeiten, die tatbestimmend sind.

Stille, zurückgezogene, aber immer etwas seltsame Einzelgänger haben ein tief gehendes Fremdheitsgefühl, fühlen sich gekränkt und missachtet, identifizieren sich mit Tätern und inszenieren schließlich die eigene Tat als Rache für subjektiv erlebte Kränkungen. Schizotypische, paranoide und narzisstische Aspekte dominieren. Die Täter sind nicht impulsiv, aggressiv oder dissozial.

Die Gruppe der erwachsenen, ebenfalls ganz überwiegend männlichen, Amoktäter ist heterogener. Im Altersspektrum von 25 bis 71 Jahre im Zeitraum von 1983 bis 2013 finden sich in Deutschland Familienauslöschungen mit oder ohne Attacken auch auf fremde Personen, Taten in der Öffentlichkeit mit willkürlicher Opferwahl, Taten am Arbeitsplatz, in Behörden und Institutionen. Eine erhebliche Anzahl der Täter zeigt sich paranoid persönlichkeitsgestört und ein weiterer Teil (paranoid) schizophren (mindestens ein Drittel).

Unsere noch andauernden Untersuchungen zielen auf eine bessere Erfassung der Ursachen und Entwicklungsbedingungen sowie der Verhinderung der Taten. Während bei den jungen Tätern durch das ausgeprägte Droh- und Warnverhalten sowie eine Einbindung der Schulen in Netzwerke gute Früherkennungen der Tatplanungen möglich sind, ist das bei Erwachsenen deutlich schwieriger.

Die Kriminologin Prof. Dr. Britta Bannenberg ist an der Justus-Liebig-Universität Giessen im Fachbereich Rechtswissenschaft tätig.

Britta Bannenberg, Ärzte Woche 36/2015

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