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Eine Luftaufnahme des Erstaufnahmezentrums Traiskirchen: Ärzte und Sanitäter rückten aus.
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Das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen im Lager steigt, warnen die Psychiater und Psychotherapeuten.

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Mitarbeiter der NGO „Ärzte ohne Grenzen“ marschieren vor der „Erstaufnahmestelle Ost“ in Traiskirchen auf. Die Verhandlungen über eine Einbindung von freiwilligen Ärzten ziehen sich in die Länge.

 

Das Camp der Verzweifelten

Krieg und Flucht bedeuten extremen Stress. Situationen wie in Traiskirchen verschlimmern den Zustand.

Ärzte, die in Traiskirchen freiwillig helfen wollen, müssen zuwarten. Es gibt noch keine Anforderung durch das Innenministerium und also auch keinen Aufruf durch die Ärztekammer. Wann das sein wird? Schnell geht jedenfalls gar nichts in der Flüchtlings-Causa. Vergangene Woche wurden von Amts wegen Sanitäter und Ärzte aufs Gelände geschickt.

Es hat sich schon abgezeichnet. Die Lage in Traiskirchen ist ein menschenrechtliches Desaster und medizinisch wäre es höchste Eisenbahn Ärzte aufs Gelände zu lassen, die sich um die Hunderten Obdachlosen und Zeltbewohner kümmern. Laut Auskunft der Ärztekammer warte man mit einem Aufruf an die Ärzteschaft sich freiwillig zu melden noch zu, bis die Verhandlungen mit dem Innenministerium abgeschlossen seien. „Noch haben wir kein Go“, hieß es am vergangenen Freitag.

Am Tag zuvor waren Sanitäter des Arbeitersamariterbundes und Ärzte des Ärztedienstes NÖ angerückt. „Der medizinische Bedarf ist da“, sagte der ASBÖ-Landeschef Ebhart diplomatisch.

Bedeutet: Viele sind geschwächt oder haben Verletzungen, die sie sich auf der Flucht zugezogen haben. Aber auch herkömmliche Krankheiten wie Halsschmerzen, Schnupfen und Übelkeit gibt es zu Genüge. „Wir werden jene Menschen aufsuchen, die sich in Zelten aufhalten, aber auch jenen, die ohne Obdach sind, unsere medizinische Hilfe anbieten. Viele von ihnen sind durch die Strapazen geschwächt und durch ihre traumatischen Erlebnisse verängstigt.

Der ORF berichte über eine irakische Familie, die Tage lang im Freien ausharren mussten. Die werdende Mutter, die im 4. Monat schwanger ist und über Schmerzen klagte – sie klagte nicht, man sah es an ihrem schmerzverzerrten Gesicht. Ein Notarzt brachte sie schließlich ins Spital. Gleichsam im letzten Moment.

Wie auch der Besuch der Regierungsspitze reichlich spät kam.

Kanzler Werner Faymann meldete sich vergangene Woche zu Wort. „Wir sind laufend über die Situation in Traiskirchen informiert, dennoch war es mir wichtig, mir selbst ein Bild der Lage zu machen“, erklärte er. Was das Online-Medium dietagespresse.com zu folgendem satirischen Einwurf inspirierte: „Ich habe SPÖ-Regenschirme verteilt, damit die Leute nicht nass werden, und SPÖ-Kugelschreiber, damit sie sich ihre Zukunft in Österreich aufmalen können,“ legte man dem Kanzler in den Mund.

Der KURIER-Journalist Bernhard Gaul, der für einen Lokalaugenschein vor Ort war, beschrieb die Lage danach als „trostlos“. „Am Vorplatz der ehemaligen Kaserne flattern lose Zeltplanen im Wind, es gibt kleinere Grüppchen von Zweimann-Zelten. Flüchtlinge sitzen auf dem Boden und wirken lethargisch.“

Ein Gemisch aus Beschäftigungs- und Perspektivlosigkeit drücke die im Erstaufnahmezentrum Gestrandeten nieder. Dazu kommt die miese Behandlung im Lager. 400 Essensplätze für mehr als 3000 Menschen.

Eine Situation, die Folgen hat. „Krieg und Flucht bedeuten eine extreme Form von Stress. Die traumatischen Erfahrungen von Flüchtlingen und Asylsuchenden übersteigen dabei oft die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten“, sagt Prim. Dr. Georg Psota, Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen steige entsprechend stark an. „Wunden können dann heilen, wenn ein menschenwürdiges Umfeld in geordneter Wiese realisiert wird. Zeltlager und Zeltstädte sind dazu nicht geeignet.“

Österreichs Kinder- und Jugendpsychiater fordern eine therapeutische Akutversorgung für Kinder und Jugendliche, die in Österreich als Flüchtlinge ankommen. Ein Essen und ein „Dach über dem Kopf“ seien Selbstverständlichkeiten. Das gleiche sollte für therapeutische Interventionen für die Traumatisierten gelten. Die Fachgesellschaft (ÖGKJP) hat einen Offenen Brief mit Forderungen veröffentlicht. Wenn ein Lawinenunglück wie in Galtür vor Jahren geschieht, gibt es sofort Hilfe für die Traumatisierten. Das ist schriftlich festgelegt. Da gibt es klare Konzepte und Krisenteams. Das funktioniert und wirkt. Solche Hilfe und Betreuung muss es auch für die traumatisierten Kinder und Jugendlichen geben, die als Kriegsflüchtlinge zu uns kommen“, sagte der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Andreas Karwautz.

Die Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie in ihrem Offenen Brief: „Der aktuelle Bericht von Amnesty International über Traiskirchen zeigt, dass - unabhängig von allen anderen Umständen - während der letzten Monate die Aufgabe der psychotherapeutischen Akutversorgung der durch Krieg und Flucht traumatisierten jungen Menschen leider gar nicht erfüllt wurde. Das ist sehr bedauerlich und angesichts unseres Wissens nicht weiter zu verantworten.“

Ganz besonders müsse man sich um unbegleitete Kinder und Jugendliche als Flüchtlinge kümmern. „Die anderen haben ja noch einen Vater oder eine Mutter oder sonstige Verwandte. Sie sind in einer Situation, die schlimm genug ist. Aber die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen benötigen ganz dringend eine therapeutische Begleitung“, sagte der Experte.

Man wolle nicht moralisieren, sondern dränge auf Hilfe. Dazu müsse auch etwas Geld investiert werden. Nachsatz zur österreichischen Zeitgeschichte: „Wenn auch die Situation der Flüchtlinge ohne Zweifel gesamteuropäisch zu lösen sein wird, ist andererseits ebenso klar, dass Österreich, das seit 1945 über zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat, auch in Segmenten allerhöchster Dringlichkeit derzeit viel zu langsam die notwendigen Schritte setzt.“

Jeder Flüchtlingsansturm in der österreichischen Geschichte hat seine stillen Helden. Als im August 1989 zwei junge Burschen ins Mörbischer Tourismusbüro hereinpurzelten und mit unverkennbar deutschem Zungenschlag fragen, wo sie „denn hier pennen können“, schlug die Stunde von Paul Weisz. „Ich wusste, ich hatte die ersten DDR-Bürger in meinem Büro stehen, die es über die Grenze geschafft hatten.“ Zunächst galt es die beiden völlig verdreckten Burschen zu versorgen. Tags darauf hatte das Rote Kreuz eine Hilfsstation eingerichtet. Auf Weisz‘ Frage: „Was brauch ma?“ antwortete der Einsatzleiter: „Alles.“ Also klemmte sich der Burgenländer ans Telefon und rief alle Bekleidungs-, Wäsche-, Körperpflege- und Lebensmittelfirmen an, die ihm einfielen. Mit Hilfe der Bevölkerung wurde aus der Winzerhalle von Mörbisch ein Hilfslager.

Aus dem Kofferraum

Einen Stützpunkt einer Hilfsorganisation wünschen sich auch heute viele engagierte Bürger, die so genannte Zivilgesellschaft für Traiskirchen. Denn hier herrsche „gewolltes Chaos“, sagt Grete Krojer. Auch sie stammt aus dem Burgenland. Die Grün-Politikerin aus Wulkaprodersdorf war vergangenen Mittwoch in Traiskirchen: „Wir hatten vier Autos vollgepackt mit Taschen, Planen, Zelten, Schlafsäcken, Schuhen, u. ä. Die Caritas improvisiert in einem kleinen Lieferwagen in der Nähe des Lagereingangs eine Verteilstation. Gestern wurde Frauengewand verteilt. Das Lager der Caritas ist (nach ihren eigenen Angaben) voll. Wir konnten nichts abgeben. Dieses Lager müssen sie in einem Monat räumen. Wenn sie in zweiter Spur stehen bleiben um Hilfsgüter auszuladen, werden sie von der Polizei bestraft. Das Lager dürfen sie nicht betreten. Wir haben dann das gemacht, was man eigentlich nicht tun sollte. Wir haben das Auto aufgemacht und eine Gruppe von jungen Burschen, aber auch Erwachsene haben einfach alles aus dem Auto rausgesucht, was sie mitnehmen wollten. Wir haben auch den Leuten (vorwiegend Frauen) über den Zaun etliches durchgegeben. Gesucht waren in erster Linie große Taschen, Rucksäcke und Turnschuhe.“ Krojers Fazit auf Facebook: „Ich finde dort kaum eine Möglichkeit für mich in irgendeiner Weise helfend zu engagieren. Bin traurig und zornig über meine Ohnmacht an diesem Zustand etwas zu ändern.“

Weisz erhielt für seine Verdienste um die deutschen Flüchtlinge später die Goldene Medaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Ob die vielen Menschen, die Tag für Tag Hilfsgüter durch den Zaun gereicht haben, jemals zumindest lobend erwähnt werden?

Martin Burger, Ärzte Woche 35/2015

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