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Dr. Andrea Egger Psychologin, Spittal/Drauhttp://psi-consulting.at/
 

Die Kunst der Auferstehung

Expertenbericht: Über die Kraft, Hindernisse zu überwinden und Rückschläge zu verkraften.

Zu einem erfüllten, glücklichen und letztlich auch gesunden Leben gehört die Fähigkeit, Krisen und Rückschläge zu bewältigen. Welche resilientaktivierenden und -fördernden Faktoren dabei eine Rolle spielen, sollten alle kennen, die sich um die Gesundheit anderer Menschen kümmern.

Resilienz ist die Fähigkeit, in der Auseinandersetzung mit Belastungen die eigene Gesundheit aufrecht zu erhalten (Ryff, 2012) und beschreibt damit die von Individuum zu Individuum unterschiedliche Fähigkeit, mit Druck, Veränderungen, Ungewissheit und Rückschlägen im Leben umzugehen. Es handelt sich um eine mentale Fähigkeit, die umgangssprachlich mit psychologischer Widerstandsfähigkeit übersetzt werden kann. Menschen, die als resilient beschrieben werden, werden als selbstbewusst, gelassen, humorvoll, menschlich, zuversichtlich, zielorientiert, intelligent und selbstreflektiert erlebt. Die US-Forscher Reivich und Shatté haben in ihrem Buch „The resilience factor“ zum ersten Mal sieben entscheidende Faktoren beschrieben, die Resilienz charakterisieren. Auch wenn die Bezeichnungen dieser Faktoren in der Literatur nicht immer identisch sind, so kann man diese doch in der Mehrzahl der wissenschaftlichen Publikationen wiederfinden. In der gegenständlichen Arbeit wird von den folgenden Begrifflichkeiten ausgegangen: Emotionsregulation, Impulskontrolle, Kausalanalyse, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Empathie, realistischer Optimismus und Zielorientierung (vgl. Morozink et al. 2012, Kim et al., 2013; Frederickson et al., 2013). Wesentlich zu erwähnen ist, dass sich all diese Faktoren wechselseitig beeinflussen, dergestalt, dass ein Vorhandensein eines Faktors, das Bestehen eines weiteren begünstigt.

Wie sind diese genannten Faktoren zu beschreiben?

Emotionsregulation. Wenn sich ein Call-Center-Mitarbeiter wegen eines unhöflichen Anrufers ärgert aber nicht zurück schreit oder wenn eine Apothekerin trotz großer privater Probleme zur Arbeit geht, die Kunden anlächelt und gut berät, steuern diese Menschen ihre Emotionen. Emotionsregulation beschreibt also die Fähigkeit, unter erlebter Belastung ruhig zu bleiben. Resiliente Menschen nehmen ihre Gefühle bewusster wahr, sie erkennen diese und können sie auch benennen bzw. durch unterschiedliche adaptive Verhaltensweisen steuern. Ihre Leistungsfähigkeit wird dementsprechend nur wenig durch ihre Emotionen beeinträchtigt.

Impulskontrolle. Die Impulskontrolle beschreibt die Fähigkeit, sein eigenes Verhalten in Stresssituationen zu steuern und sich in den immer komplexer werdenden Arbeitsumfeldern über einen längeren Zeitraum auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren. Menschen mit hoher Impulskontrolle haben eine klare Strategie, um Ziele zu erreichen, planen im Voraus, folgen nicht gleich ihren ersten Impulsen und arbeiten effizient und fokussiert. Sie bringen Dinge zu Ende und erleben dabei eine große Zufriedenheit.

Kausalanalyse. Die Kausalanalyse beschreibt die Bereitschaft, ein Problem, zeitlich und inhaltlich, gründlich und treffend zu analysieren. Diese Fähigkeit hilft Menschen dabei, denselben Fehler nicht immer wieder zu machen und schützt vor Resignation. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn Menschen auf der Basis dieser Analyse die Gründe für Erfolge und Misserfolge richtig einschätzen können. Resiliente Menschen sind somit in der Lage Erfolge intern und Misserfolge extern zu attribuieren. Daraus generieren sie positive kognitive Schemata, sind motiviert, zielorientiert und erleben dabei positive Gefühle.

Selbstwirksamkeit. Die Selbstwirksamkeit beschreibt den Wunsch, Herausforderungen anzunehmen und Überzeugung, dass durch eigenes Handeln, die Dinge verändert werden können. Menschen mit hohem Selbstwirksamkeitserleben sind überzeugt, an sie gestellte Aufgaben gut zu bewältigen. Sie verwandeln Probleme in Möglichkeiten und Chancen. Sie lenken ihre Energie darauf, erwünschte Ergebnisse zu erzielen und individuelle Ressourcen zu aktivieren, Verbesserungen zu schaffen bzw. neue und kreative Lösungen zu erzielen. Jeder konstruiert seine eigene Wirklichkeit, ob etwas als Problem oder als Chance wahrgenommen bzw. bewertet wird, ist ein Ergebnis der eigenen Erfahrungen, Einstellungen und Werte. Ziel ist es, möglichst viele unterschiedliche Handlungsalternativen zu generieren, um daraus eine angemessene Lösung zu wählen.

Realistischer Optimismus. Der Optimismus entsteht aus einer positiven Weltsicht und einem positiven Selbstkonzept. In Schwierigkeiten wird nach dem Guten gesucht, neue Situationen und Gegebenheiten werden als unerwartete Chancen gesehen und Enttäuschungen als Erfahrung gewertet. Unsere Grundhaltung bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Denken. Wir sehen, hören und verarbeiten bevorzugt die Anteile, die wir erwarten und unsere Vorannahmen bestätigen. Er geht um die Fähigkeit, auch schwierige Situationen als sinnstiftend zu bewerten.

Empathie. Resiliente Menschen wissen um die Bedeutung wertvoller Beziehungen. Solche aufzubauen und zu pflegen, getragen von Empathie und Wertschätzung erzeugen Synergieeffekte, schaffen Netzwerke und bilden durch das Vermitteln von Zugehörigkeit einen stabilisierenden Faktor in ihrem Leben. Statt alles alleine zu bewältigen schaffen sie sich unterschiedliche soziale Unterstützungssysteme und ein Umfeld, in dem sie auf vielfältige Ressourcen zurückgreifen können. In resilienten Beziehungen herrscht eine Balance von Nehmen und Geben. Die Menschen sind bereit, Wissen und Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen und schöpfen aus diesem Engagement wieder Kraft für sich selbst. Es geht also um die Fähigkeit, sich auf der Basis von beobachteten Verhalten, in die psychologische und emotionale Lage eines anderen Menschen zu versetzen. Sinngemäß „fühlen“ empathische Menschen „mit“. Empathie hilft, mehr Verständnis für das Gegenüber aufzubringen und ist somit eine wichtige Voraussetzung für eine effektive Emotionssteuerung. So wird der oben zitierte Call-Center-Mitarbeiter wahrscheinlich weniger eigenen Ärger verspüren, wenn er sich bewusst macht, dass der Kunde tatsächlich in einer misslichen Lage ist und es ihm wahrscheinlich ähnlich gehen würde, wenn er in dieser Position wäre.

Zielorientierung. Die Zielorientierung ist ein Maß dafür, wie motiviert sich ein Mensch zeigt, neue Ziele zu setzen und diese, überwiegend unabhängig von der Meinung anderer, verfolgt und realisiert. Menschen mit hoher Zielorientierung sind überzeugt, dass sie gute Arbeit leisten, sind neugierig und haben ein klares Bild von dem, was sie erreichen möchten. Sie unternehmen selbstbewusst, gelassen, realistisch und konsequent die notwendigen Schritte, um ihre Ziele zu erreichen. Sie können dabei ihre Erfolge genießen. Die Zukunft bedeutet unabhängig von ihrer Vergangenheit neue Chancen und Möglichkeiten. Sie setzen von sich aus Initiativen und steuern ihre eigene Entwicklung. Sie überprüfen dabei Denkgewohnheiten und Vorannahmen. Mit klarer Zielsetzung und Evaluierung der einzelnen Abschnitte verlieren resiliente Menschen die entscheidenden Absichten nicht aus den Augen. Visionen und überdauernde Wertvorstellungen geben Orientierung. Der präsente Wunsch, sie zu verwirklichen, gibt ungeahnte Kraft, Hindernisse zu überwinden und Rückschläge zu verkraften.

Was man nicht beeinflussen kann, muss man hinnehmen

Fest steht, dass jeder Mensch ein gewisses Maß an Resilienz benötigt, um mit den unvermeidbaren Widrigkeiten und Belastungen des Lebens zurecht zu kommen. Es geht letztlich darum, all das zu integrieren, was das Leben bringt. Eine Grundvoraussetzung ist, unterscheiden zu lernen, was in den eigenen Einflussbereich fällt und was nicht. Jeder hat die Verantwortung für seine eigenen Gedanken, Gefühle und Taten. Resilienz bedeutet anzunehmen, was ich nicht beeinflussen und ändern kann. Wer bereit ist, durch diese Phasen (unerwartete Ereignisse, unverhoffte Wendungen, nicht erfüllte Lebensentwürfe) hindurchzugehen und seine Gefühle zuzulassen (Schmerz, Angst, Trauer) mehrt seinen persönlichen Erfahrungsschatz und schafft Handlungsalternativen (Plan B). Was hinter uns liegt, hat einen Sinn, der sich oft erst in der Rückschau erschließen lässt. Diese Erkenntnis bahnt den Weg zu Motivation und Zielorientierung. Es macht versöhnlich: gegenüber dem, was uns widerfährt, gegenüber anderen Menschen und nicht zuletzt uns selbst gegenüber mit unserer Biografie und all unseren erwünschten und unerwünschten Facetten.

Andrea Egger, Ärzte Woche 24/2015

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