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Depressionen sind für Diabetespatienten gefährlich, weil sie die Stoffwechselerkrankung häufig verschlechtern.
 
Diabetologie 16. März 2015

Die Belastungen im Alltag reduzieren

Eine Kurzzeit-Verhaltenstherapie schützt Diabetespatienten vor Depressionen.

Jeder dritte Diabetespatient läuft Gefahr, eine Depression zu entwickeln. Eine neue Kurzzeit-Intervention kann Betroffene erfolgreich davor bewahren, wie eine Studie aus Deutschland zeigt.

Für die Studie wurden 214 Patienten mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe nahm für fünf Sitzungen an einer Diabetesschulung teil, die über Therapie, Ernährung, Bewegung und soziale Aspekte informierte. Die zweite Gruppe unterzog sich einer DIAMOS-Gruppentherapie (Diabetes-Specific Cognitive Behavioral Treatment Program). Diese Gruppentherapie wurde von Psychologen angeleitet und besteht aus fünf Kursbausteinen zu je 90 Minuten. Zudem wurden die Teilnehmer vier Mal im Laufe eines Jahres telefonisch kontaktiert.

Das Forschungsinstitut der Diabetes Akademie Bad Mergentheim hat das Therapieprogramm DIAMOS speziell für Menschen mit Diabetes entwickelt, die Anzeichen einer erhöhten Depressivität zeigen. Ziel des Programms ist es, die Depressivität zu reduzieren und den Ausbruch einer behandlungsbedürftigen Depressionen zu verhindern. Gemeinsam mit dem Berater sollen Teilnehmer in fünf Schritten Probleme im Zusammenhang mit dem Diabetes identifizieren, Lösungsstrategien erarbeiten, negative Einstellungen verändern und Ressourcen aktivieren.

Stressfaktoren bei Diabetes

„Zu häufigen Stressquellen zählt etwa die mangelnde Fähigkeit, ‚Nein‘ zu sagen oder ein übertrieben perfektionistischer Umgang mit Diabetes“, erläutert Studienleiter PD Dr. Dipl. Psych. Bernhard Kulzer. Auch die Verheimlichung der Erkrankung am Arbeitsplatz kann stark belasten. „Am Ende der DIAMOS-Intervention steht eine Vereinbarung über konkrete Schritte, wie man die Belastungen im Alltag reduzieren kann“, so Kulzer.

Depressionsrisiko mit DIAMOS stark reduziert

Nach zwölf Monaten analysierten die Forscher, wie sich die Diabetesschulung beziehungsweise die Intervention auf die Teilnehmer ausgewirkt hatten. Dafür wurden unter anderem folgende Faktoren untersucht: depressive Symptome, diabetesbezogener Stress, Diabetes-Selbstmanagement und Zufriedenheit.

„Sowohl die Diabetesschulung als auch die DIAMOS-Kurzzeittherapie verbesserten das Selbstmanagement und die Zufriedenheit der Patienten in vergleichbarem Maße“, bilanziert Kulzer. „Aber was die Reduktion depressiver Symptome und diabetesbezogener Belastungen betrifft, war DIAMOS eindeutig effektiver als die Schulung.“ So lag die Wahrscheinlichkeit, eine behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln, bei den Teilnehmern der Kurzzeit-Therapie 37 Prozent niedriger. „Damit beugt DIAMOS erwiesenermaßen einer schweren Depression vor“, sagt Prof. Dr. Norbert Hermanns, Erstautor der Studie.

Erste Warnzeichen

Wie erkennen Betroffene, ob sie Gefahr laufen, an einer Depression zu erkranken? Aufmerksamkeit ist angebracht, wenn sich die Einstellung zur Erkrankung ins Negative wandelt. „Der Diabetes läuft nicht mehr nebenbei, er wird zur Last, kostet mehr Energie als zuvor“, beschreibt Kulzer erste Anzeichen. Auch auf der kognitiven Ebene dominiert Abwehr. „Man denkt über das Diabetesmanagement in zunehmend negativen Kategorien: Das Messen nervt, man will die Blutzuckerwerte gar nicht mehr sehen und betrachtet die Therapie zunehmend als Last.“

Auch Verhaltensänderungen können Warnzeichen für eine Depression sein. Die Patienten kümmern sich weniger um ihre Therapie, um Bewegung und Ernährung. Das kann so weit gehen, dass manche Betroffene das Insulin nicht mehr nach dem gewohnten Schema, sondern in unregelmäßigen Abständen spritzen. Spätestens dann wird es gefährlich, weil die Blutzuckerwerte steigen und entgleisen können. Erhöhte Werte wiederum beeinträchtigen das Wohlbefinden, was den Umgang mit der Krankheit weiter verschlechtert – ein Negativkreislauf entsteht.

Zudem gibt es Hinweise, die sich auch in der Studie zeigten, dass eine andauernde Depressivität entzündliche Prozesse verstärkt. Dies könnte erklären, warum depressive Menschen mit Diabetes ein erhöhtes Risiko aufweisen, Folgeerkrankungen des Diabetes zu bekommen und eine deutlich kürzere Lebenserwartung haben. „Das ist eine der Hauptgründe, warum eine erhöhte Depressivität bei Diabetespatienten so ernst zu nehmen ist“, so Kulzer. Wer Anzeichen einer Depression bemerkt, sollte seinen Hausarzt oder Diabetologen aufsuchen.

Originalpublikation: Hermanns N et al.: The Effect of a Diabetes-Specific Cognitive Behavioral Treatment Program (DIAMOS) for Patients With Diabetes and Subclinical Depression: Results of a Randomized Controlled Trial; Diabetes Care 2015; online 20. Jänner

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