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Ehescheidungen und Gesamtscheidungsrate seit 1951.(Daten aus Statistik Austria, Statistik der Ehescheidungen)

 
Kinder- und Jugendheilkunde 13. Oktober 2014

Das verflixte zweitausendsiebte Jahr

Im Jahr 2007 erreichte die Scheidungswelle in Österreich ihren Höchststand. Dabei drängt sich die Frage auf, wie Kinder mit der Trennung ihrer Eltern umgehen.

Beinahe die Hälfte aller Ehen in Österreich wird geschieden. 2012 wurden so fast 20.000 Burschen und Mädchen zu „Scheidungskindern“. Sind nun all diese jungen Menschen traumatisiert, dadurch viele verhaltensauffällig und später beziehungsunfähig? Tatsächlich fehlen harte Hinweise darauf, dass Scheidungskinder unter der Trennung Auffälligkeiten entwickeln, zumal es eher die Umstände der Scheidung sind, die dem Nachwuchs zu schaffen macht.

Die Scheidungsrate ist auch in Österreich – wie in den meisten westlichen Industrieländern – seit den 1960er-Jahren stark gestiegen. Die Gesamtscheidungsrate betrug 1960 14 %, 1975 ca. 20 %, 1998 waren es 30 %, 1999 schon 40 % und 2007 schließlich wurde der bisher höchste Wert erreicht: 49,5% der Ehen wurden geschieden (s. Abbildung). Insgesamt erfolgte fast die Hälfte aller Scheidungen in den ersten zehn Ehejahren (47,8 %), weitere 39,8 % nach zehn bis 25 Jahren Ehedauer.

Viele Frauen hatten in den letzten 40 Jahren erst durch ihre Berufstätigkeit und damit auch größere finanzielle Unabhängigkeit die Möglichkeit, sich zu trennen. Mit den veränderten Moralvorstellungen entfiel im Laufe der letzten Jahrzehnte auch weitgehend die Stigmatisierung der Kinder als Trennungs- bzw. Scheidungskind.

Als erfreulich kann gelten, dass die Scheidungsrate in Österreich in den letzten fünf Jahren zumindest leicht rückläufig ist und damit im Jahr 2012 aber immerhin noch bei 42,5 Prozent lag (17.006 Fälle). Ein weiterer positiver Trend ist die Verlängerung der mittleren Ehedauer der geschiedenen Ehen von 7,7 Jahren (1981) auf 10,6 Jahre. Insgesamt blieben 37 % aller im Jahr 2012 geschiedenen Ehen (6296 Fälle) kinderlos. In 25,2 % der Ehen gab es zum Zeitpunkt der Scheidung je ein Kind. 28 % der Paare hatten zwei und 9,8 % drei oder mehr Kinder. Von den Scheidungen der Eltern waren im Jahr 2012 insgesamt 19.334 Kinder betroffen, davon 13.278 (68,7 %) Minderjährige. Die Anzahl der von Trennung betroffenen Kinder ist jedoch weit höher, da sich auch unverheiratete Paare trennen.

Folgen für Scheidungskinder

Im Folgenden seien einige Überschriften aus Einzelstudien zu den möglichen Folgen für Scheidungskinder erwähnt, die sich dann, manchmal aus dem Zusammenhang gerissen, in Schlagzeilen von Printmedien wiederfinden:

• • „Buben haben ein zehn Mal höheres Risiko drogenabhängig zu werden“

• • „Buben haben ein fünf Mal höheres Selbstmordrisiko“

• • „Buben haben ein 20 Mal höheres Risiko kriminell zu werden“

• • „Mädchen leiden lebenslang“

• • „Mädchen brechen dreimal so häufig die Schule ab“

• • „Teenagerschwangerschaften sind fünf Mal so häufig“

Einzelstudien zu negativen Folgen von elterlichen Trennungen weisen bei unterschiedlichen Ergebnissen eine Tendenz zur Dramatisierung auf. Dies vor allem deshalb, weil sich kaum Studien damit beschäftigen, welche Faktoren eine „störungsfreie“ Trennung begünstigen (defizit- statt ressourcenorientiert). Die Erhebung möglicher negativer Folgen für Kinder nach elterlicher Trennung ist ein komplexes Thema mit vielen Einflussfaktoren. Komplexe Fragen werden gern und häufig einfach und damit falsch beantwortet.

In keiner ernst zu nehmenden Studie kann zweifelsfrei bewiesen werden, dass es die Folgen der elterlichen Scheidung waren, die zu einem Schulabbruch, einer Teenagerschwangerschaft oder einer Drogenabhängigkeit geführt haben. Metaanalysen bieten Hinweise auf eine leicht erhöhte Rate von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern nach elterlicher Trennung. Weiter zeigte sich, dass Buben häufiger eine schlechtere Anpassung als Mädchen aufwiesen. Eine mögliche Erklärung für die negativeren Auswirkungen bei Buben könnte sein, dass die Kinder häufiger bei den Müttern verbleiben und somit den Buben das männliche Rollenvorbild abhanden kommt. Regelmäßige Besuchskontakte bzw. längere Kontakte in den Ferien beim getrennt lebenden Vater könnten dieses Problem reduzieren.

Eine elterliche Trennung ohne emotionale Konflikte, in die z. T. auch die Kinder involviert sind, wird wohl die Ausnahme bleiben. Doch wenn es den Eltern gelingt, nach einer Phase der Emotionen, ihre Konflikte konstruktiv zu lösen, können sie selbst diesbezüglich für ihre Kinder ein Vorbild sein.

Betrachtet man die Folgen für die Kinder genauer, mehren sich die Hinweise darauf, dass nicht so sehr die Trennung an sich, sondern die Umstände, unter denen diese stattfindet, die Ursache für kindliche Verhaltensauffälligkeiten sind.

Die gute Scheidung

Es gibt sie, die gute Scheidung, die erleichternde Trennung! Nämlich dann, wenn dadurch zerrütteten Partnerschaften, chronischen Konflikten, kindlicher Vernachlässigung oder wiederholter psychischer bzw. physischer Gewalt ein Ende gesetzt wird.

In vielen Gesprächen mit betroffenen Kindern und Jugendlichen habe ich erfahren, welche Erleichterung es sein kann, etwa nicht mehr mit einem alkoholabhängigen Elternteil in einem Haushalt zu leben. Nicht mehr auf die Art der Schritte und oder des Türaufsperrens hören zu müssen, um zu wissen, ob der Vater/die Mutter betrunken nach Hause kommt und damit unberechenbar ist, vielleicht laut und gewalttätig wird, vielleicht aber auch Hilfe benötigt, weil er/sie stürzt, erbricht oder nicht mehr das Bett findet. Nicht selten kommt es in solchen Familien zu einer Rollenumkehr, da der substanzabhängige Elternteil häufig die elterlichen Pflichten nicht erfüllen kann. Es beeindruckt und berührt mich immer wieder aufs Neue, wenn mir diese betroffenen Kinder erzählen, sie hätten den Respekt vor den Eltern verloren und damit eine wesentliche Säule jeder ernsthaften Beziehung.

Oder eine 15-Jährige, die mir berichtet hat, es herrsche zu Hause seit mehreren Jahren eine derart schlechte Stimmung, dass sie am liebsten nicht mehr nach Hause gehen würde. Eine Atmosphäre in der ihr „die Luft zum Atmen fehle“. Leise sagt sie über ihre Eltern: „Ich glaube, sie hassen sich.“

Aus entwicklungspsychologischer Sicht können sich solche chronischen familiären Missverhältnisse katastrophal auf Kinder auswirken und prägend für ihr Leben und ihre späteren Beziehungen sein. Eine elterliche Trennung kann in diesen Fällen Hoffnung und Neubeginn sein.

Die schlechte Scheidung

Es scheint, als gäbe es sie immer häufiger: die schlechte Scheidung. Die folgenschwere Scheidung. Die Scheidung, die Kinder unter Druck setzt, sich zwischen den Eltern entscheiden zu müssen. Scheidungen, denen Rosenkriege vorausgehen oder nach welchen diese jahrelang weitergeführt werden, bei denen Kinder negativ beeinflusst, manipuliert, ja psychisch missbraucht werden. Das Resultat sind zerrüttete Familien und verhaltensauffällige Kinder.

Elterliche Manipulation

Im Extremfall werden Kinder nach erfolgter Trennung von einem Elternteil derart negativ beeinflusst, dass es zur Entfremdung des Kindes vom jeweiligen anderen Elternteil kommt („parental alienation syndrome“; PAS). Fast immer kommt es zu diesen elterlichen Manipulationen im Zusammenhang mit dem Streit über die (alleinige vs. gemeinsame) Obsorge oder das Ausmaß der Besuchsrechtsvereinbarungen.

Nicht selten kommt es in diesen Fällen auch zu dem geäußerten Verdacht, der andere Elternteil würde das Kind, etwa während des Wochenendbesuchs, sexuell oder körperlich misshandeln. Ein solcher fälschlich, selten mit Berechnung, geäußerter Verdacht hat nicht nur katastrophale Auswirkungen auf den beschuldigten Elternteil, sondern auch auf die Kinder und die gesamte Familie. Eine solche Befürchtung löst zudem bei allen involvierten Betreuungspersonen (Kindergarten, Schule u. a.) starke Emotionen aus. Gerade deswegen ist es zur professionellen Klärung der Vorwürfe von entscheidender Bedeutung, neutral und sachlich zu agieren. Das zuständige Jugendamt muss eingebunden werden (Meldepflicht); professionelle Betreuung und Untersuchungen bieten ambulante Kinderschutzzentren oder klinikinterne Kinderschutzgruppen.

Trotz Trennung die Elternrolle ausfüllen

In einer repräsentativen Langzeitstudie mit 150 Scheidungsfamilien über zwölf Jahre hinweg (Napp-Peters, „Familien nach der Scheidung“, München, 1995) zeigte sich, dass bei Kindern, die den Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil nach der Scheidung verloren hatten, Verhaltensauffälligkeiten und psychosoziale Störungen am ausgeprägtesten waren. Die Kinder dagegen, deren Eltern es geschafft hatten, auch nach der Trennung ihre Elternrolle weiter gemeinsam oder in Absprache miteinander wahrzunehmen, hatten die wenigsten Schwierigkeiten, sich auf die veränderte Familiensituation einzustellen.

Weil es so wichtig ist, dass Kinder guten Kontakt zu beiden Elternteilen halten, hat der Begriff der „Bindungstoleranz“ im Familienrecht zunehmend an Bedeutung gewonnen. Darunter versteht man die Fähigkeit und Bereitschaft eines Elternteils nach erfolgter Trennung, die Bindungen des Kindes zum anderen Elternteil und zu anderen wichtigen Personen zu respektieren und zu fördern bzw. ihre Aufrechterhaltung wenigstens zu tolerieren. In Sorgerechtsstreitigkeiten wird daher vom Familiengericht (den Sachverständigen) großer Wert darauf gelegt, dass sich die Elternteile „bindungstolerant“ verhalten.

Neue gesetzliche Rahmenbedingungen

In diesem Sinne sind auch die Änderungen im neuen Kindschafts- und Namensrechts-Änderungsgesetz (KindNamRÄG 2013) zu verstehen, das bei der Definition des Kindeswohls in § 138 ABGB das Recht des Kindes auf Fürsorge, Geborgenheit und den Schutz der körperlichen und seelischen Integrität, die Berücksichtigung seiner Meinung sowie die Bedeutung verlässlicher Kontakte des Kindes zu beiden Elternteilen und wichtigen Bezugspersonen hervorhebt. Neu im Gesetz ist auch, dass in Zukunft auch alle Paare, die eine einvernehmliche Scheidung anstreben, gesetzlich verpflichtet sind, Elternberatung in Anspruch zu nehmen.

Zur Unterstützung der betroffenen Kinder werden erfreulicherweise seit 2013 bundesweit Familiengerichtshelfer eingesetzt (Sozialarbeiter, Psychologen), welche die zuständigen Richter in kindschaftsrechtlichen Verfahren unterstützen und um kürzere Verfahren sowie einvernehmliche Lösungen bemüht sind.

Fazit: Scheidung muss nicht traumatisieren

Die Scheidung oder Trennung der Eltern stellt für die betroffenen Kinder kein traumatisierendes Lebensschicksal dar, das zwangsläufig mit langfristigem Leiden und psychischen Störungen einhergeht. Die elterliche Trennung bleibt jedoch ein markant einschneidendes Ereignis, ein kritisches Ereignis für die Kinder, das sowohl von den Eltern als auch von den Kindern hohe Anpassungsleistungen erfordert.

Im Einzelfall ist ein Beziehungsabbruch zu einem Elternteil notwendig und manchmal für das betroffene Kind sogar heilsam. In der Mehrzahl der Fälle jedoch stellt ein völliger Kontakt- oder Beziehungsabbruch zu einem Elternteil einen wesentlichen Risikofaktor für spätere kindliche Verhaltensauffälligkeiten dar.

Die Erfahrung zeigt zudem, dass nicht die Trennung selbst die größte Belastung für die Kinder ist, sondern die heftigen, nicht enden wollenden elterlichen Konflikte. Werden Wut und Hass auf den Partner offen vor den Kindern ausgetragen, führt dies zu massiven Loyalitätskonflikten und Schuldgefühlen bei den Kindern (mangelnde Bindungstoleranz!).

Dr. Elisabeth Fandler ist an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, LKH-Klinikum Graz, tätig.

Der Originalartikel „Scheidung für Kinder“ ist im Journal „Pädiatrie & Pädologie“ 4/ 2014, DOI 10.1007/ s00608-013-0131-1, © Springer Verlag erschienen.

Elisabeth Fandler, Ärzte Woche 42/2014

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