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Neurologie 4. November 2013

Vorbote und Nachfolger

Depressionen im Umfeld neurologischer Erkrankungen.

Bei vielen neurologischen Erkrankungen kann Depression das erste Symptom sein.

Zum Beispiel beim Morbus Parkinson: „Bei jedem vierten Parkinsonpatienten ist das erste Symptom eine plötzlich auftretende Depression. Diese kann bis zu fünf Jahre vor den ersten Parkinson-Symptomen beginnen“, berichtet Dr. Albert Wuschitz, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Wien. Einen Morbus Parkinson auszuschließen kostet nicht viel Zeit, meint Wuschitz und empfiehlt, den Patienten einfach zehn Sekunden lang beim Gehen zu beobachten: „Schwingen die Arme gleichmäßig mit? Ist die Schrittgröße angemessen? Wendet der Patient zügig oder zäppelt er beim Umdrehen?“

Die antidepressive Therapie bei Parkinson-Patienten ist dagegen schwierig: „Trizyklika sind wegen der Nebenwirkungen nicht zu empfehlen und für SSRI fehlt der Wirknachweis“, so Wuschitz. Allerdings sind Dopaminagonisten antidepressiv wirksam, sodass sie bei depressiven Parkinsonpatienten als Alternative zur L-Dopa-Therapie angedacht werden sollten.

Depressionen stehen auch oft am Beginn der Multiplen Sklerose. „Besonders junge MS-Patienten sind in dieser Phase hoch suizidgefährdet“, betont Wuschitz. „Auch hier sind Trizyklika eher ungünstig. Bei der Verschreibung von SSRI ist auf sexuelle Nebenwirkungen zu achten, da MS-Patienten ohnehin oft an sexuellen Funktionsstörungen leiden.“

Auch bei Demenz kann Depression ein Vorreiter sein: „40 Prozent der Patienten haben zu Beginn der Demenzerkrankung eine Depression, die sich als therapieresistent gegenüber Antidepressiva erweist“, berichtet Wuschitz. Acetylcholinesterasehemmer haben einen positiven Einfluss auf die Stimmung bei dementen Patienten. „Gut wirksam sind auch die nicht-medikamentösen Optionen wie Spieltherapie und jede Art von Zuwendung.“

Post-Stroke-Depression

Hochgradig depressionsgefährdet sind Patienten nach einem Schlaganfall. „30 Prozent der Patienten entwickeln drei bis sechs Monate nach dem Ereignis eine Post-Stroke-Depression“, berichtet Wuschitz und appelliert an Behandler und Betreuer, bei Schlaganfallpatienten auf depressive Symptome zu achten. Denn eine frühzeitige Behandlung kann die Depression abschwächen oder sogar verhindern.

Die Depression ist dabei nicht nur eine psychische Reaktion auf die Folgen des Schlaganfalls und die damit verbundenen veränderten Lebensumstände. Sie kann auch eine biologische Folge des Schlaganfalls sein. „Zusätzlich zu psychischen Reaktionen spielen offensichtlich biologische Mechanismen eine Rolle, die durch den Schlaganfall im Gehirn ausgelöst werden“, erläutert Prof. Dr. Matthias Endres, Klinik für Neurologie, Berliner Charité. Dies erkläre, warum Depressionen nach einem Schlaganfall häufiger sind als z. B. bei orthopädischen Erkrankungen mit vergleichbarem Behinderungsgrad.

Antidepressive Medikamente stabilisieren bei Post-Stroke-Patienten nicht nur die Psyche, sie können auch einen wichtigen Beitrag zur Rehabilitation leisten. „Tierexperimentelle Studien haben gezeigt, dass SSRI die Funktion von Hirnzellen stabilisieren und in einigen Hirnregionen die Neubildung von Hirnzellen anregen. Im Schlaganfall-Modell beugen sie nicht nur dem Auftreten von depressivem Verhalten vor, sondern können das Absterben von Nervenzellen verhindern“, berichtet Endres.

Zusatznutzen durch SSRI

Positive Wirkungen der SSRI auf Schlaganfall-Patienten wurden ebenfalls bestätigt: In einer Studie behandelten Ärzte Patienten nach dem Schlaganfall prophylaktisch mit dem SSRI Fluoxetin oder Placebo, unabhängig davon, ob sie unter Depressionen litten oder nicht ( Chollet et al.: Lancet Neurology 2011 ). Nach drei Monaten hatten sich die Patienten nicht nur psychisch besser erholt als in einer Placebo-Gruppe: „Die Beweglichkeit der zuvor gelähmten Gliedmaßen wurde deutlich gesteigert und die Patienten gewannen ihre Unabhängigkeit schneller zurück“, berichtet Endres. Bevor SSRI aber nach Schlaganfall prophylaktisch in der Routine eingesetzt werden, müssten noch weitere klinische Studien erfolgen.

Literatur:

Chollet F et al.: Fluoxetine for motor recovery after acute ischaemic stroke (FLAME): a randomised placebo-controlled trial. Lancet Neurology 2011; 10: 123–30

Mead GE et al. Selective serotonin reuptake inhibitors for stroke recovery. JAMA 2013; 310:1066–7

Kronenberg G et al.: Exofocal dopaminergic degeneration as antidepressant target in mouse model of poststroke depression. Biol Psychiatry. 2012; 72:273–81.

Quellen:

idw; State of the Art „Alzheimerdemenz und andere neurologische Erkrankungen“, Wien, 12. Oktober 2013

C. Lindengrün, Ärzte Woche 45/2013

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