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Neurologie 16. September 2013

Kopfzerbrechen

Migränepatienten sind die besseren Problemlöser, sie suchen intensiver nach Lösungsmöglichkeiten als Gesunde.

Aus vielen Studien ist bekannt, dass sich Migränepatienten im Vergleich zu Gesunden oft übermäßig anstrengen, um die ihnen gestellten Aufgaben möglichst perfekt zu erledigen. Dies konnte bislang experimentell jedoch nicht nachgewiesen werden. Mit der vorliegenden Studie ist es gelungen, die unterschiedliche Problemverarbeitung anhand eines sogenannten „Hilflosigkeitsexperimentes“ darzustellen. Dabei konnten die Wissenschaftler durch Messung der Gehirnströme mittels EEG zeigen, dass Migränepatienten stärker als Gesunde dazu tendieren, eine experimentell erzeugte Hilflosigkeitssituation zu bewältigen.

In einer Studie mit 24 Migränepatienten und 24 gesunden Personen wurde ein von den Teilnehmern selbst abzustellendes Tonsignal ohne deren Wissen plötzlich blockiert. Der Ton konnte nicht mehr sofort abgestellt werden – eine Situation, die Hilflosigkeit auslöst.

Es zeigte sich, dass die an der Studie teilnehmenden Migränepatienten mehr kognitive Ressourcen aktivierten, um, den Ton abzustellen, als die Gesunden. Das drückte sich in einem vergrößerten EEG-Signal und in einer signifikant schnelleren Reaktionszeit aus.

Mehr Kompetenz bei der Lösung von Problemen

Insgesamt könne daraus geschlossen werden, dass Migränepatienten in entsprechenden Situationen einen intensiveren Problemlösevorgang auslösen, meint der Autor Prof. Dr. Peter Kropp, Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Rostock.

Menschen, die an Migräne leiden, sind demnach nicht hilfloser, wie zunächst in früheren Studien angenommen wurde, sondern suchen nach mehr Möglichkeiten, das neu erkannte Problem zu lösen. Sie gehen dabei intensiver und effektiver an Schwierigkeiten heran und verfügen über eine bessere Problemlösungskompetenz.

Post-imperative negative Variation im EEG

Hilflosigkeit kann durch Situationen ausgelöst werden, in denen eine Person negative emotionale Gefühle und eine fehlende Kontrolle über die Situation erlebt. Dieses Hilflosigkeitserleben wiederum geht eng mit einem EEG-Signal einher, das in einer experimentellen Situation gemessen werden kann. Dabei muss der Teilnehmer auf verschiedene Töne hören und bei einem bestimmten Ton sehr schnell einen Reaktionsknopf drücken, der dann diesen Ton abschaltet. Nach Abschalten des Tones kann man einen charakteristischen EEG-Verlauf beobachten, der „post-imperative negative Variation“ (PINV) genannt wird.

Wandelt man nun das vorher beschriebene Experiment ab, indem nach einer gewissen „Einübungszeit“ der Ton trotz korrekten Tastendrucks plötzlich nicht mehr abgeschaltet werden, kann eine besonders ausgeprägte PINV beobachtet werden. Diese wird oft als experimentell ausgelöstes Hilflosigkeitserleben interpretiert. Dabei lässt sich diese vermehrte Reaktion dem Wechsel der Kontingenz (fehlender Reaktion auf den Tastendruck) zuordnen.

Ein Euro als Belohnung

Die Arbeitsgruppe hat sich jetzt die Frage gestellt, inwieweit in dieser experimentell geschaffenen Situation Migränepatienten von Gesunden unterschiedlich reagieren. . Für jede korrekte Reaktion bekamen die Teilnehmer als Belohnung einen Euro. Nach 16 der 32 Messdurchgänge konnten die Teilnehmer plötzlich den Reaktionston trotz Tastendrucks nicht mehr abschalten, er dauerte dann jeweils mehrere Sekunden an und die bis dahin angehäufte Belohnung schmolz ab.

Während Gesunde nur kurz auf diesen „Kontingenzwechsel“ in Form einer vergrößerten PINV-Amplitude reagiert haben, war dieses Signal in der Migränegruppe deutlich länger und ausgeprägter vorhanden. Außerdem war die Reaktionszeit, also die Zeit zwischen Tonsignal und Tastendruck, bei Migränepatienten signifikant schneller.

Originalpublikation: Kropp P et al.: Time-dependent post-imperative negative variation indicates adaptation and problem solving in migraine patients; J Neural Transm 2012; 119 (10): 1213–1221

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