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Was gefällt? Alzheimerpatienten bewahren ihr Kunstempfinden.
 
Neurologie 13. März 2013

Insel der Stabilität

Kunstempfinden bleibt trotz Alzheimer erhalten.

Das ästhetische Kunstempfinden scheint eine Art "Insel der Stabilität" in den um sich greifenden Beeinträchtigungen zu sein, denen Alzheimer-Patienten ausgesetzt sind. Eine internationale Forschergruppe um Helmut Leder von der Universität Wien fand in einer Untersuchung heraus, dass auch Menschen, bei denen die Krankheit bereits fortgeschritten ist, Landschaftsgemälde, Kunst-Porträts und Landschaftsfotos annähernd gleich bewerteten wie die gesunde Kontrollgruppe.



Auch zwei Wochen später fielen ihre Urteile ähnlich aus wie in der ersten Testreihe, obwohl sie sich nicht wirklich an die Bilder erinnern konnten. Das interpretieren die Wissenschafter im Fachmagazin "Frontiers in Psychology" dahin gehend, dass das ästhetische Empfinden eine Sonderstellung in der menschlichen Wahrnehmung haben könnte.

Alzheimer wirkt sich auf eine Vielzahl kognitiver Fähigkeiten dramatisch aus. Die Krankheit geht mit massiven Einschränkungen des Gedächtnisses, Verlust von Erinnerungen, aber auch mit negativen Einflüssen auf komplexe Wahrnehmungen einher. Frühere Studien hätten bereits gezeigt, dass Alzheimer-Patienten eine gewisse Stabilität bei der Einschätzung moderner Kunst zeigen.

Psychologische Grundlagenforschung

Die Forschungsgruppe vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden der Uni Wien hat nun Patienten in unterschiedlich fortgeschrittenen Krankheitsstadien untersucht. Sie legte ihnen dazu neben gemalten Landschaften und Porträts auch dazu passende Fotos der Porträtierten und Fotos der Landschaften vor. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, die Bilder danach zu sortieren, wie gut sie ihnen gefallen. Zwei Wochen später folgte dann ein Wiederholungstest, bei dem sie auch gefragt wurden, ob sie sich an gewisse Bilder überdurchschnittlich gut erinnerten. Die gesunde Kontrollgruppe konnte das, die Patienten jedoch nicht.

Die überraschenden Ergebnisse: Sowohl bei den Landschaftsgemälden als auch den Kunst-Porträts und den Landschaftsfotos blieben die ästhetischen Vorlieben weitgehend stabil. Außerdem waren die Präferenzen der Patienten und der gesunden Kontrollgruppe annähernd gleich. Auch nach zwei Wochen kamen sie zu ähnlichen Urteilen wie in der ersten Testreihe, auch wenn sich die Alzheimer-Patienten nicht wirklich an die Bilder erinnern konnten.

Bei Porträts ergibt sich ein anderes Bild

Bei den Porträtfotos zeigte sich aber ein anderes Bild. Die Fotos der Gesichter wurden nach zwei Wochen ganz anders eingeschätzt. "Wir können nur vermuten, was das bedeutet. Es ist aber nicht auszuschließen, dass unsere ästhetische Betrachtung bei echten Gesichtern bzw. Fotos andere Prozesse umfasst als die ästhetische Betrachtung, die dem Kunstgenuss zugrunde liegt. Vielleicht ist es die Kategorie Kunst, deren ästhetischer Genuss auch bei Menschen mit Alzheimer-Erkrankung erhalten bleibt", erklärte Leder.

In nachfolgenden Untersuchungen wollen die Wissenschafter nun klären, ob die neuen Erkenntnisse therapeutisch von Nutzen sein könnten und die Lebensqualität von Patienten durch die Beschäftigung mit Kunst verbessert werden kann. "Die Studie zeigt aber auch ganz generell, dass unser Sinn für Ästhetik eine unabhängige, ganz eigene Form der Betrachtung darstellt", resümiert der Wahrnehmungspsychologe.

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