zur Navigation zum Inhalt
 
HNO 12. März 2013

Aufdringliche Songs

Dem Ohrwurm auf der Spur.


Ohrwürmer sind eine Art gedankliche Zwangshandlung – allerdings meist positiver Natur. Denn meist sind es die angenehmen Songs, die im Kopf stecken bleiben und uns auch in stressigen Situationen etwa Ablenkung gewähren.


Manchmal hat unser Geist einen Sprung in der Platte: Er wiederholt unwillkürlich immer denselben Song oder zumindest einen Teil davon, ohne dass wir uns dagegen wehren können. Daher zählen Ohrwürmer zu den aufdringlichen Gedanken, die unkontrolliert ins Bewusstsein gespült werden. Psychologen hoffen, die harmlosen, allenfalls lästigen Ohrwürmer können auch Hinweise liefern, wie es psychisch stark belastende und krank machende Gedanken gegen unseren Willen ins Bewusstsein schaffen.


Ein Team um Ira Hyman von der Western Washington University in Bellingham in den USA hat sich aus diesem Grund etwas näher mit der Natur des Ohrwurms beschäftigt. Zunächst befragten die Psychologen online etwa 300 Personen zu ihren Erfahrungen mit Ohrwürmern. Knapp 90 Prozent konnten sich an einen Ohrwurm in den vergangenen Tagen erinnern. Entgegen der häufigen Annahme, dass vor allem Lieder hängen bleiben, die man nicht mag, fanden mehr als die Hälfte den Ohrwurm-Song gut oder sehr gut, nur etwa zwölf Prozent empfanden ihn als lästig oder sehr lästig. Die meisten (54%) erinnerten sich lediglich an den Refrain, nur bei knapp 17 Prozent blieben größere Fragmente oder gar der ganze Song hängen. Überraschend war zudem, dass 75 Prozent einen Ohrwurm hatten, der nur bei ihnen auftrat, woraus die Psychologen schließen, dass wohl die meisten Lieder das Zeug haben, im sich im Kopf festzusetzen. Keine Überraschung war hingegen, dass Musiker und andere Teilnehmer, die viel Musik hörten, deutlich häufiger über Ohrwürmer berichteten.

Je schneller ein Song sich festfrisst, umso hartnäckiger bleibt er

In einem Experiment spielten die Psychologen Studenten nun eine Reihe von Liedern vor. Kurz danach fragten sie, ob und welche davon hängen geblieben waren. Die Frage wiederholten sie einige Tage später. Dabei zeigte sich, dass tatsächlich eher Songs, die die Probanden mochten, als Ohrwurm auftauchten als solche, die sie nicht ausstehen konnten. Je schneller ein Lied sich dabei im Gehirn festfraß, umso eher tauchte es auch in den folgenden Tagen immer wieder auf.


In einem weiteren Experiment wurden Studenten drei Musikstücke vorgespielt. Damit sie nichts vom Zweck der Übung ahnten, sagte man ihnen, sie sollten die Stücke daraufhin bewerten, ob sie für psychologische Tests geeignet seien. Anschließend lenkte man sie mit anderen Aufgaben ab und fragte sie, ob die Lieder dabei wieder unwillkürlich im Bewusstsein auftauchten. Am folgenden Tag wurden sie erneut auf Ohrwürmer untersucht. Dabei zeigte sich, dass mit großem Abstand jeweils das letzte der drei vorgespielten Lieder am häufigsten hängen blieb. Hatte sich der Song schon gleich nach dem Hören erneut ins Bewusstsein geschlichen, dann blieb er dort auch bei drei Viertel stecken und war ein Tag später noch als Ohrwurm zu hören. Auch dieser Versuch bestätigt also: Je schneller ein Ohrwurm auftaucht, umso hartnäckiger hält er sich.

Geistige Aktivität lockt den Ohrwurm

In zwei weiteren Experimenten durften sich Studenten wieder drei Stücke anhören, anschließend mussten sie Rätsel oder andere Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad lösen. Dabei tauchten die zuvor gehörten Songs bei schweren Aufgaben fast doppelt so häufig wieder auf wie bei einfachen Aufgaben. Dies galt aber wiederum nur für den zuletzt gehörten Song, die anderen beiden schafften es in der Regel nicht zum Ohrwurm. Die Psychologen erinnerte das Phänomen an das Abschweifen von Gedanken. So wandern die Gedanken nicht nur in besonders langweiligen Phasen davon, manchmal auch bei sehr stressigen Aufgaben, weil man dann aktiv nach Ablenkung sucht.
Insgesamt gehen die US-Psychologen davon aus, dass Ohrwürmer – auch wenn sie unwillkürlich auftauchen – doch eher auf einem bewussten Prozess beruhen: Sie entstehen, weil man bestimmte Songs mag und deswegen immer wieder anhört. Sie haben daher recht wenig mit traumatischen Ereignissen zu tun, vermuten Hyman und Mitarbeiter. Ihre Entstehung könne aber vielleicht zum Verständnis anderer aufdringlicher Gedanken beitragen und Hinweise liefern, wie man Personen behandeln kann, die unter solchen Gedanken leiden. Deshalb lohne es sich, Ohrwürmer weiter zu untersuchen. Vielleicht können wir also schon bald über neue Erkenntnisse aus der Ohrwurm-Forschung berichten

Quelle:
Hyman IE et al. Going Gaga: Investigating, Creating, and Manipulating the Song Stuck in My Head. Appl. Cognit. Psychol. 2013, DOI: 10.1002/acp.2897

springermedizin.de, springermedizin.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben