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Foto: Privat
 

Der ganz normale Täter

Würde man alle Missbrauchstäter wegsperren, „hätten wir bald keine Familienväter mehr“, provoziert Jonni Brem im Interview. Wir haben ihn gefragt, wie es um die Täterprävention in Österreich bestellt ist.

Die Anzahl der jugendlichen Tatverdächtigen ist sehr hoch und entspricht einem Fünftel der Sexualstraftaten insgesamt. Wenn diese Zahl stimmt, sollte dann nicht hier bei der Prävention angesetzt werden?

Brem: Die Zahl stimmt, wobei man davon ausgehen muss, dass bei Jugendlichen etliche Sexualstraftaten noch nicht aufgrund einer bestimmten sexuellen Devianz geschehen, sondern aufgrund der Unerfahrenheit und möglicherweise der fehlenden sexuellen Aufklärung, wo Grenzen liegen, was erlaubt ist und was nicht erlaubt ist. Jugendliche setzen generell kriminelle Taten, das gilt auch für andere Straftaten. Nicht weil sie kriminell sind, sondern weil sie bestimmte Grenzen überschreiten und Dinge tun wollen, die sie noch nie getan haben.

 

In Deutschland werden sexuelle Auffälligkeiten bei Jugendlichen selten angezeigt, dieser Umstand wird auch immer wieder diskutiert. Gibt es dieses Thema auch bei uns in der Täterprävention?

Brem: In Österreich ist es umgekehrt. Das heißt, es kommt schneller zu einer Anzeige, aber nicht zu einer Verurteilung, die Jugendgerichtshilfe ist nämlich daran interessiert, für Jugendliche eine Betreuung zu erhalten. Diese wird in Österreich über die Justizschiene erreicht, weil die medizinische Seite, also wir, tatsächlich nicht weiß, was man mit den Jugendlichen tun soll. Es gibt keine Kliniken, die auf sie vorbereitet sind, noch gibt es andere Einrichtungen der Jugendwohlfahrt, die damit zu tun haben.

In Wien haben wir den Verein Limes, der ein Programm mit Angehörigenarbeit, mit ausreichender Diagnostik, aber auch mit Behandlungsprogrammen in Gruppen und in Einzelarbeit mit jugendlichen Sexualstraftätern bietet. Hier wird auch unterschieden: Wann muss ein Klient stationär aufgenommen werden und wann in eine besonders betreute Wohneinrichtung kommen, um einen Stopp in seinen deviaten Handlungen zu erreichen.

Dieses Programm ist aber nur über die Finanzierung der Justiz gewährleistet und in keinem anderen Rahmen möglich. Deshalb kommt man in Österreich schneller zu Anzeigen, aber nicht zu Verurteilungen. Das heißt, die Anzeige wird zurückgelegt, wenn sich ein Täter dieser Behandlung unterzieht.

 

Sind Sie mit dem Weg der Therapie, der über die Justiz läuft, zufrieden?

Brem: Ich halte es für einen Frevel, Jugendliche nur deshalb eher anzuzeigen, weil die Mittel von medizinischer Seite oder von Jugendwohlfahrtsseite nicht da sind. Aber es ist eben die einzige Möglichkeit, wie ein Therapieprogramm finanziert werden kann. Wenn eine Weisung vom Gericht ausgesprochen wird, muss dieses auch dafür sorgen, dass die Behandlungskosten übernommen werden, das ist der typisch österreichische Weg. Da schaut man: Wer stellt dafür die Mittel zur Verfügung, um die Behandlung zu übernehmen? Und in diesem Fall ist es eben in erster Linie die Justiz und nicht die Jugendwohlfahrt – die lässt im Groben aus, das muss man so sagen. Also besonders glücklich bin ich nicht damit.

 

Wie können Richter entscheiden, wann eine Therapie und wann eine Verurteilung besser ist?

Brem: Die Richter für Jugendstraftaten haben eine besondere Sensibilität entwickelt, um nicht zu schnell zu verurteilen. Aber es gibt natürlich auch Grenzen. Wenn zum Beispiel Verletzungen des Opfers zu gravierend sind, wenn sie über einen langen Zeitraum gegangen sind, wenn die Formen der Verletzung so massiv waren, dass es keine andere Möglichkeit als eine unbedingte Strafe gibt. Das sind die Grenzen der Diversion.

 

Immer wieder wird in Berichten das Internet als eine Quelle angeführt, die angeblich abnormes sexuelles Verhalten normalisiert. Wie ist Ihre Einschätzung?

Brem: Für manche Menschen bietet es einen Einstieg, um zu einer bestimmten Form von Perversionen zu gelangen. Wenn ich daran interessiert bin, Hinrichtungsvideos zu sehen, hilft mir das Internet dabei. Wenn ich begreifen möchte, welche Formen von Sexualität mit Tieren möglich sind, hilft mir das Internet dabei. Jegliche Form von Perversion ist im Internet leicht zu bekommen. Nur: Wie kommt es, dass sich ein Jugendlicher oder Erwachsener genau dafür zu interessieren beginnt? Das Internet hat eine hochproblematische Seite, wenn es um Kindesmissbrauch-Fotos geht. Laut Kriminalpolizei muss man von 500.000 missbrauchten Kindern, die im Internet kursieren, ausgehen. Das ist eine Zahl, die unglaublich ist! Von diesen 500.000 sind 500 identifiziert worden. Das heißt, es gibt eine große Anzahl an Missbrauchten, von denen man nicht weiß, wer sie sind. Auch damit müssen wir uns auseinandersetzen.

 

Inwieweit?

Brem: Was ich bemerke, ist, dass es viele Erwachsene gibt, die ihr Tun verharmlosen oder glauben, nichts Unrechtes zu tun, wenn sie missbrauchen und mit Kindesmissbrauch-Fotos im Internet agieren. Sie sagen: „Die Bilder gibt’s sowieso schon.“ So reden sie ihr Verhalten klein. Das finde ich problematisch, nicht so sehr allerdings bei Jugendlichen, die massiv experimentieren. Da muss man aufpassen, um sie nicht vorschnell in eine stark kriminalisierte Ecke zu stellen.

 

Gibt es Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch, wie zum Beispiel die viel zitierte Tatsache, dass Opfer häufig selbst zu Tätern werden?

Brem: Wir gehen davon aus, dass höchstens zehn Prozent der Täter selbst Missbrauchserlebnisse hatten. In der Gesamtbevölkerung geht man von weit höheren Zahlen aus, von 15 bis 20 Prozent, die tatsächlich Missbrauchserfahrungen haben.

 

Das heißt, dass Missbrauchstäter seltener missbraucht wurden als andere Menschen?

Brem: Wir haben ja die Hälfte der im Jahr aufgedeckten Missbraucher bei uns in Betreuung und haben unsere Klienten untersucht, mit dem Ergebnis, dass die Anzahl der nicht Missbrauchten hier höher ist als in der Durchschnittsbevölkerung. Deshalb meine ich, dass das tatsächlich immer wieder falsch dargestellt wird, aus welchen Interessen auch immer. Ich glaube, dass es eine Schutzbehauptung vieler Täter ist. Möglicherweise auch eine Erklärung, die sie gerne abliefern, weil jeder in irgendeiner Form schon missbraucht worden ist. Also behauptet er das einfach, um eine Begründung zu haben, warum er so etwas tut. In ihren Geschichten lässt sich das dann, wenn man sich lange Zeit mit den Tätern beschäftigt, nicht mehr finden. Das ist eine interessante statistische Erfahrung, die wir gemacht haben.

 

Wann wurde diese Untersuchung gemacht?

Brem: Wir haben alle unsere Klienten seit 1997, die wir betreut haben, untersucht und festgestellt, dass wir auf nicht mehr als 10 Prozent kommen. Bei Männern liegt der Prozentsatz in der Durchschnittsbevölkerung bei 10 bis 17 Prozent, bei Mädchen geht man von 25 bis 30 Prozent aus.

 

Gibt es andere Zusammenhänge und Risikofaktoren zur Täterschaft?

Brem: Wir haben das Gefühl, dass es sich um eine problematische oder soziale Störung des Mannes in dem Augenblick handelt, wo er zum Missbrauchstäter wird. Er bemerkt nicht, dass er beginnt, ein Kind zu sexualisieren, zu erotisieren und Übergriffe zu setzen, obwohl das Kind das nicht will. Das ist das Problem dieser Männer, dass eine bestimmte soziale Fähigkeit in diesem Augenblick nicht aktiv wird.

Sie sind ja Lehrer, Kindergärtner oder Journalisten, haben also etwas ausgebildet, was einer sozialen Kompetenz ähnlich ist, aber ihnen fehlt in dem Augenblick eine Opferempathie. Das ist etwas sehr Partielles, keine Grundstörung, die in ihnen vorhanden ist. In manchen Männern gibt es die Grundstörung natürlich schon, in den meisten Gott sei Dank nicht.

Hier taucht die Störung wahrscheinlich auch nur in einer kurzen Phase auf. Die meisten pädosexuellen Täter haben ja auch nicht lebenslang missbraucht, sonder tatsächlich „nur“ für einige Monate, während einer bestimmten Phase eines Kindes.

 

Das Bild des pädosexuellen Straftäters, der ein Kind nach dem anderen missbraucht, ist also falsch?

Brem: Der Mann, der in der Regel Missbrauch begeht, ist nicht der, der am Kinderspielplatz sitzt und Zuckerl verteilt. Es ist üblicherweise eher der, der wunderbar sein Kind hütet, gut für seine Frau sorgt und irgendwann einmal seiner Tochter zwischen die Beine greift und nicht bemerkt, dass ihr das wahnsinnig zuwider ist. Das ist der Mann, vor dem wir uns zu fürchten haben und der zu dieser Frage finden muss: „Was fehlt mir, dass ich das nicht gesehen habe?“ Das ist unsere Arbeit, die wir in der Männerberatung leisten. Wir klären diese Männer auf und sagen: Ihr seid nicht grundsätzlich als Personen gestört, aber in der Situation sehr wohl.

 

Wie wirkt es sich auf die Täterprävention aus, wenn Politiker sich nach Missbrauchsfällen öffentlich für Kastration und „für immer wegsperren“ stark machen?

Brem: Wir hätten bald keine Familienväter mehr. Wir hätten wahrscheinlich auch bald die FPÖ nicht mehr. Weil auch dort einige Missbrauchstäter versteckt sind. Auch unter den FPÖ-Wählern. Möglicherweise wären unsere Gefängnisse bald überfüllt. Was ich sagen möchte, ist: es handelt sich um riesige Anzahl an Menschen. Ein Prozent der Bevölkerung ist eine riesige Anzahl!

 

Dem gegenüber stehen wenige Verurteilungen…

Brem: Wir wissen natürlich, dass nur ein Bruchteil wegen eines Sexualdelikts tatsächlich verurteilt wird, nämlich 200 im Jahr. Das gilt jetzt für die letzten 20 Jahre, da die Verurteilungsrate relativ konstant bleibt. Dazu kommen noch rund 100 Männer, die wegen Vergewaltigung verurteil werden. Die Anzahl der Anzeigen ist aber gestiegen.

 

Wieso ist das so?

Brem: Man muss einfach wissen, dass 80 Prozent der sogenannten Kinderschänder Familienväter sind, die sich an ihren eigenen Kindern vergehen oder an Stiefkindern, Nichten und Neffen. Das ist das größte Feld an Kindesmissbrauch, aber diese Leute meinen die Politiker nicht, wenn sie ihre Forderungen stellen. Die haben einen Mann im Blick mit hundert Opfern oder einen, der eine Frau 24 Jahre lang in den Keller gesperrt hat.

 

Welche Voraussetzungen fehlen Ihrer Meinung nach für die optimale Täterprävention?

Brem: Eine ideale Voraussetzung wäre zum Beispiel gegeben, wenn sich Vertreter von Opferschutzeinrichtungen und Täterbetreuung zusammensetzten, um die ganze Familie bei der Aufarbeitung zu unterstützen. Das wäre eine ideale Täterprävention, wenn nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht.

 

Wie sieht es jetzt aus?

Brem: Sobald ein Fall von sexuellem Missbrauch in einer Familie aufgedeckt wird, arbeiten plötzlich vier, fünf verschiedene Einrichtungen – und jeder zerrt sozusagen an einem anderen Eck der Familie herum, so dass sich diese schon gar nicht mehr auskennen, was hilfreich und sinnvoll ist. Da gibt es Prozessbegleiter, die Kinder begutachten, um festzustellen, wie stark sie traumatisiert sind. Dann möglicherweise Schulberater und Klassenlehrer, die der Mutter womöglich vorwerfen, dass sie den Missbrauch nicht bemerkt hat, während ihr Mann eingesperrt wird. Das ist, finde ich, ein schreckliches Szenario und läuft darauf hinaus, dass die, die das Unrecht angezeigt haben, letztendlich zu den schwarzen Schafen werden und auch von den Helfereinrichtungen geringschätzig behandelt werden. Und im Grunde ginge es eigentlich darum, die Familien so weit zu unterstützen, dass das, was passiert ist, klar gemacht wird. Es geht um das Unrecht eines Erwachsenen an einem Kind und darum, wenn die Familie eine Möglichkeit sieht, wieder zusammenzukommen, das auch in Gang zu setzen. Egal, ob das den Helfereinrichtungen passt oder nicht. Eine Betreuung nur für den Täter kann nie eine ideale Betreuung sein, denn man vergisst, dass es auch eine Mutter, eine Ehefrau und Geschwister, die Großmutter oder Freundinnen und Nachbarn gibt, die alle mit betroffen sind und deshalb in der Regel auch mit betreut gehören.

 

Das Gespräch führte Andrea Niemann

Zur Person Mag. Jonni Brem









Mag. Jonni Brem, Klinischer- u. Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut, arbeitet seit 1986 in der Männerberatung. In den letzten Jahren konzentrierte er sich auf die Arbeit mit Männern, die sexuelle Übergriffe gesetzt haben. Die Arbeit mit Sexualstraftätern ist auch sein Schwerpunkt in der therapeutischen Arbeit in der Justizanstalt Sonnberg, der Justizanstalt Mittersteig und dem Institut für forensische Therapie. Sein Ziel ist, Männern die Entwicklung positiver Lebensstrategien zu ermöglichen. Aus diesem Grund hat er 1998 die 1. Österreichische Männertagung initiiert, die seitdem alle zwei Jahre in einem anderen Bundesland mit großem Erfolg durchgeführt wird.

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