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Foto: Privat
Prof. Dr. Paul Haber Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Internistische Sportmedizin und Präsident des S.C. Hakoah
 
Psychologie 23. März 2010

„Gott unterstützt den Arzt“

Ein Arzt braucht Kunst, Logik und Intuition, um den Patienten in seiner Gesamtheit zu erfassen.

Ende März beginnt das Passahfest, eines der zentralen Feste des Judentums. Maimonides, der große jüdische Gelehrte, stellte fest, dass ein Arzt sich bei seiner Berufsausübung auf Kunst, Logik und Intuition stützen müsse, um den Patienten in seinem Ganzen zwecks sinnvoller Diagnose zu erfassen. Damit hat er noch heute Gültiges festgehalten.

 

Als Maimonides – so Moshe ben Maimon in latinisierter Namensgebung – nach einem rund 70 Jahre währenden Leben im Jahr 1204 in der Nähe von Kairo als hochgeschätzter Mann starb, endete eine glanzvolle wissenschaftliche Karriere: Diese hatte in seiner ehemaligen Heimatstadt Cordoba als Sohn eines Rabbiners und Richters begonnen und gezwungenermaßen über das marokkanische Fes nach Jerusalem, Alexandria und schließlich nach Fustat bei Kairo (heute ein Teil der Stadt) geführt. Neben seinen grundlegenden Werken zu jüdischem Glauben und Recht verfasste Maimonides über mehrere Jahrzehnte bis etwa 1200 sein philosophisches Hauptwerk Führer der Unschlüssigen, in dem er sich um eine Verbindung von jüdischer Religion mit aristotelischer und neuplatonischer Philosophie bemühte.

Die medizinische Ausbildung hat Maimonides zunächst vermutlich von seinem Vater und später während mehrerer Jahre in Fes erhalten, wo das Wissen zuvorderst durch arabische Übersetzungen klassischer griechischer Werke vermittelt wurde.

Später sah sich Maimonides in Ägypten veranlasst, den Arzt-Beruf zu ergreifen, da sein für die Familie sorgender Bruder auf einer Schiffshandelsfahrt ums Leben gekommen war. Er führte schließlich als Leibarzt Sultan Saladins in Kairo ein Leben, das gleichermaßen von Anerkennung und Ehre wie von schwerem ärztlichem Dienst unter großen Entbehrungen geprägt war. Von seinen zahlreichen medizinischen Traktaten seien Abhandlungen zu Asthma, Hämorrhoiden, Giften und ihren Gegenmitteln sowie zu den Leiden des Sultans und deren Heilungsmöglichkeiten genannt.

Studium als eine der höchsten Tugenden

Die Bildung erstreckte sich bei Maimonides auch auf die Astrologie – womit wir uns bei dem Thema „Studium“ und in einem aktuellen Gespräch mit Prof. Dr. Paul Haber, Internist, Sportmediziner und Präsident des S.C. Hakoah, finden: „Bei Juden, insbesondere aus frommem Haus, ist das Studium eine der höchsten Tugenden – was das Judentum übrigens mit dem Konfuzianismus gemeinsam hat. Moses hat am Berg Sinai nicht nur die zehn Gebote, sondern auch die Tora empfangen, die viele Fragen für den Alltag offen lässt. Beispielsweise steht in der Tora: Du sollst das Böcklein nicht in der Milch der Mutter kochen – was sicherlich moralisch-tierschützerische Gedanken involviert, dass man einem Muttertier nicht sein Junges wegnimmt und noch dazu in dessen Milch zubereitet. Daraus ist ein guter Teil der Speisegesetze mit der strengen Trennung zwischen milchigen und fleischigen Gerichten geworden, sodass wir auch in frommen Haushalten zwei Kühlschränke vorfinden. Im Talmud, der mündlichen Überlieferung, ist daher immer die Frage der Auslegung aufgetaucht: Was heißt das in meinem Alltag? Wie muss ich mich in dieser und jener Situation verhalten, damit das Gebot nicht übertreten wird? Man darf am Sabbat nicht arbeiten. Am Tisch steht ein Kerzenleuchter – darf ich den Kerzenleuchter, ohne zu arbeiten, in das andere Zimmer tragen? Darüber haben sich hunderte Gelehrte über Jahrhunderte den Kopf zerbrochen, mit durchaus unterschiedlichen Meinungen, von denen sich in der Praxis dann meist eine Meinung durchsetzte.“

Hiob – Prüfung durch Gott

Das Buch Hiob, erstes Buch der alttestamentlichen Lehrbücher, schildert die Prüfung des gottesfürchtigen Hiob: Krankheit und Verlust irdischen Gutes sollen weisen, ob Hiob von seiner Treue zu Gott abfällt. Hiob besteht die Prüfung, und „der Herr gab Hiob zwiefältig so viel, als er gehabt hatte.“ Zur Frage der Bewertung von Krankheit erklärt Haber: „Der Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg meint hierzu, dass jedes Leid auch als Bestrafung gesehen werden kann. Es heißt zum Beispiel im vierten Gebot: ‚Du sollst Vater und Mutter ehren’, und weiter: ‚auf dass es dir lange wohl ergehe auf Erden.’ Nach jüdischer Auffassung gibt es als Belohnung für ein gerechtes Leben schon eine Belohnung in dieser Welt, und natürlich auch in der nächsten – die Juden haben den Glauben an das Jenseits sozusagen erfunden. Die Propheten des Alten Testaments sind nicht Propheten in dem Sinne, dass sie die Zukunft prophezeien, sondern ähneln dem ‚Club of Rome’: Wenn ihr fortfahrt, in Sünde zu verharren, dann wird euch Gott strafen. Die Strafe bis hin zur Zerstörung des Tempels und Verschleppung in die babylonische Gefangenschaft ist die Strafe für fehlende Treue zu Gott und den Geboten. Und im Einzelfall kann Krankheit auch als Bestrafung oder Prüfung angesehen werden, wenn jemand die Gebote verletzt hat, das muss aber nicht sein.“

„Ask your rabbi!“

Nachkommenschaft ist ein Hauptzweck des Lebens und findet sich im Gebot: Seid fruchtbar und mehret euch. Bei dringendem Wunsch und wenn seitens des Mannes Probleme bestehen, kann künstliche Befruchtung gestattet werden. Wobei jedenfalls der Rabbiner befragt werden soll. „Ask your rabbi!“ ist eine stehende Redewendung – er weiß die Antwort.

Nebenbei: Berühmte Rabbiner antworten auf Anfragen oft aus der ganzen Welt mit „Responsen“, deren Sammlungen als Responsen-Literatur bezeichnet werden. Ein gewisses Problem stellt die künstliche Befruchtung dar, wenn der Samen von einem anderen als dem eigenen Mann kommt: In einem solchen Fall ist nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen, dass auch eine zweite Frau vom gleichen Samenspender befruchtet wird und es daher zu einer (absolut verpönten) Geschwister-Ehe kommen kann.

Zur Frage der Leihmütter: Es ist prinzipiell nicht verboten und es gibt Rabbiner, die hier unter gewissen Bedingungen zustimmen. Es muss allerdings ausgeschlossen werden, dass es zu einer Geschwister-Ehe kommt. Haber: „Die medizinischen Techniken entwickeln sich, sind niemals abgeschlossen – und damit auch die Probleme für die Rabbiner, wobei sich wie gesagt meist eine Meinung durchsetzt.“

Wann beginnt nun „Leben“? Haber: „Nach 40 Tagen, vorher ist es wie Wasser.“ Jüdisches Leben ist geprägt von strikten Regeln, aber es gibt, so Haber, „fast keine Regeln ohne Ausnahme. Bei der Frage der Abtreibung meinen berühmte Rabbiner, dass in besonderen Fällen – wie zum Beispiel nach einer Vergewaltigung – Abtreibung erlaubt ist. Juden halten sich an die Gesetze des Landes, in dem sie leben. Wenn ein Rabbiner sagte, etwas wäre erlaubt und dies stünde in Widerspruch zu einem in dem Lande geltenden Gesetz, so kann man es nicht machen.“

Ununterbrochener Lebensstrom
Sehr fromme Juden glauben, dass von Gott ein ununterbrochener Lebensstrom die gesamte Welt, alles durchfließt. Daraus ergibt sich im Judentum die Verpflichtung, etwas für seine Gesundheit zu tun. Haber: „Man muss sich bemühen, jemanden zu heilen. Andererseits muss sich der Kranke auch bemühen, gesund zu werden, weil menschliches Leben das allerhöchste Gut ist und damit auch die Erhaltung des Lebens auf dieser Welt umfasst. Was auch die prinzipielle Einstellung beinhaltet, dass Juden nicht das Martyrium suchen. Einzige Ausnahme und wo es gottgefällig ist, sein Leben zu opfern, ist, wenn man Gott verraten müsste. Es ist statthaft, sich töten zu lassen, bevor man sich taufen lässt. In Spanien zur Zeit der Vertreibung wurden die Juden in der Synagoge von einer Horde vor die Wahl gestellt: Taufe oder Tod, und da haben viele den Tod gewählt, ähnlich auch in der Wiener Gesera 1421, der planmäßigen Vernichtung jüdischer Gemeinden im Herzogtum Österreich ausgehend von Albrecht V.
Nach jüdischer Anschauung hat man somit eine eindeutige Eigenverantwortung, sich gesund zu erhalten. Wobei Gott mithilft, zu heilen. Gott ersetzt auch nicht den Arzt, sondern er unterstützt ihn. „Im Prinzip“, so Haber, „heißt das, Gott hilft, wie er will. Man kann nicht etwas Bestimmtes durchs Gebet erzwingen. Ich hatte einmal auf meiner Station ein eigenartiges Erlebnis mit ganz frommen Juden, als wir einen überregional bekannten Rabbiner aufnahmen, der aus der ganzen Welt Anfragen bekam. Er war todkrank, lag einige Wochen auf der Station. Sein Sohn – hatte ich den Eindruck – meinte, dass Gott hilft, wenn man nur fromm genug ist und intensiv genug betet ... und wenn das nichts hilft, liegt die Schuld bei mir als Arzt! Ich sagte ihm: Sie wollen Gott zwingen, ein Wunder zu tun, aber er lässt sich nicht zwingen. Genau das ist auch die Meinung von Oberrabbiner Eisenberg.“
Zur Lebensrettung darf man, nach Oberrabbiner Eisenberg, „fast jedes Gesetz, auch das Sabbat-Gesetz, verletzen.“ Im Talmud heißt es: „Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 12 /2010

  • Herr Mondrian v. Lüttichau, 02.12.2010 um 17:27:

    „Wo im Talmud steht dieses Zitat, mit dem der Artikel endet? Ich kenne nur:
    "Wer aber eines Menschen Leben rettet, der ist wie einer, der ALLER Menschen Leben rettet." (Koran 5,32).“

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