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Abb.: Dr. Felix Badelt
Abb. 1: Polare Fehldynamik: 1b–1e Störungen polarer Dynamik, b träge bis fehlende polare Dynamik, c zu heftige polare Dynamik, d Balancestörung polarer Funktionen, e Konflikt polarer Funktionen
Abb.: Dr. Felix Badelt

Abb. 2: Polar formulierte Grundfunktionen eigener Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen im natürlichen Wandel (Thesen fett gedruckt).

 
Psychologie 21. Oktober 2009

Präventivpsychologie gemäß altchinesischen Mustern

Polares Denken und Phasenwandlungslehre aus westlicher psychologischer Sicht.

Gemäß TCM erfordert gesundes Leben immer ein ausgewogenes Zusammenspiel verschiedenartiger polarer Kräfte. Dieses an sich einfache Gesundheitsprinzip lässt sich auch auf die Psychologie übertragen. Formulieren wir Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen unseres täglichen Lebens polar und gliedern diese Paare in fünf Gruppen (passend zu den fünf verschiedenartigen Wandlungsphasen in der TCM), dann lässt sich auch die altchinesische Phasenwandlungslehre für westliche Ärzte und Psychologen verständlich und nutzbar machen. Im Zusammenhang mit dem Thema des 6. Tao Kongresses in Wien –Vösendorf wird hier vom Funktionskreis Herz/Shen und seiner wichtigen Hauptqualität „Austausch“ ausgegangen. Dazu passende kognitive und psychosoziale Funktionen (wie persönliches Bewusstsein und Kontakterlebnisse) werden dabei in ihrer Polarität betrachtet und mehrfache Wechselwirkungen mit den anderen Bereichen (gemäß der altchinesischen Phasenwandlungslehre) aufgezeigt. Der Differenzierung idealer Dynamik und Fehldynamik polarer Funktionen folgt eine Gegenüberstellung natürlicher und widernatürlicher Phasenwandlungsschritte aus der Sicht des Autors – mit Hinweisen auf therapeutische Überlegungen, welche sich aus diesen Mustern ableiten lassen.

1. Polare Funktionen

Gesundes Leben ist durch ein ausgewogenes Zusammenspiel polarer Funktionen gekennzeichnet. Im Zusammenhang mit psychologischen und psychosozialen Anwendungsmöglichkeiten altchinesischer Muster sind aus westlicher Sicht folgende polare Kategorien von Bedeutung:

  • TheseAntithese
  • aktivpassiv
  • anderen gegenübersich selbst gegenüber, sowie (meist als Resultierende gelungener oder misslungener Balance der genannten polaren Kategorien)
  • positiv – negativ.

Wer in sich das Gefühl besitzt, dass unter polaren Funktionsgruppen keiner der beiden Pole insgesamt wesentlich dominiert, kann sich aus dieser Sicht als weitgehend gesund betrachten.

Bei dieser Betrachtungsweise bedeutet psychosoziale Gesundheit üblicherweise ein Fernziel, wobei Heilungsprozesse als Schritte in Richtung zunehmender Balance von Gedanken, Gefühlen und Handlungsweisen angesehen werden können.

In Weiterentwicklung der nikomanischen Ethik von Aristoteles und in Anlehnung an die deutschen Philosophen des späten 18. und frühen 19. Jh. (vgl Fichte, Hegel) besteht im gelungenen Zusammenspiel polarer Elemente die Chance einer neuen Systemeigenschaft, welche von ihnen als Synthese bezeichnet wurde. Synthesen heben die Gegensätzlichkeiten ihrer polaren Komponenten auf – heben sie auf eine höhere Ebene – und bewirken damit Neues: In diesem Sinn kann auch das Phänomen Bewusstsein als eine neue Systemeigenschaft betrachtet werden, welche sich beim passenden Zusammenspiel polarer Komponenten (Sinnesreizen und den zu ihnen passenden Sinnesorganen) ergibt.

Auch gelungener zwischenmenschlicher Kontakt bedeutet Synthese, bei welcher das gelungene Zusammenspiel folgender polarer Komponenten eine wesentliche Rolle spielt:

Verbindung mit Loslösungsmöglichkeit; Wunsch nach Verbindung induziert durch das (frühere) Erlebnis von Alleinsein; (beides Beispiele für Thesen mit Antithesen); kontaktieren mit Kontakt zulassen (aktiv mit passiv); sich in andere einfühlen kombiniert mit der Zulassung eigener dabei entstehender Gefühle (zentrifugale mit zentripetaler Komponente). Positive Kontakterlebnisse wie Liebe, Freude werden bei früheren Erfahrungen von Abneigung, Enttäuschung oft erst richtig intensiv wahrgenommen (Negatives kann in diesem Sinn Positives erst wirklich erlebbar machen – und umgekehrt).

Im Gegensatz zum intakten Zusammenspiel polarer Kräfte, wie sie im inzwischen allseits bekannten Tai Chi Symbol dargestellt werden, sind folgende Störungsmöglichkeiten denkbar und auch im Leben häufig beobachtbar – wie das in Abbildung 1 dargestellt ist.

Bezogen auf den Bereich Kontakterlebnisse (dem Funktionskreis „Herz“ in der TCM zuordenbar) lassen sich dazu als psychologische Beispiele anführen:

  1. Defizite beider Komponenten: Gefühlsarmut – weder einfühlen noch sich selbst fühlen
  2. Balancestörungen: z. B. Einsamkeit (allein >> gemeinsam)
  3. Extremschwankungen beider Pole bzw. Konflikte beider polarer Komponenten z. B. Hassliebe oder anklammernde Beziehungen nach erlebter Verlassenheit

 

Polare Fehldynamik ist aber nicht nur auf den Bereich „Kontakterlebnisse“ beschränkt, sondern kommt grundsätzlich in allen verschiedenartigen Bereichen vor, wie sie im nächsten Kapitelabschnitt einander gegenübergestellt werden. Sie äußert sich in jeder Phase über typische Leitsymptome, von denen die wichtigsten anschließend in Tabelle 1 aufgelistet werden. Als individuelle Stressfaktoren erhöhen solche Leitsymptome das Risiko sowohl für psychische als auch somatische Krankheiten.

2. Phasenwandlungslehre (Elementelehre) und der Funktionskreis „Herz“

Wer sich mit Akupunktur und mit traditionell chinesischen Konzepten zur Erklärung von Gesundheit und Krankheiten näher befasst, stößt früher oder später auf die so genannte Elementelehre, über welche veranschaulicht wird, wie in der Natur 5 verschiedenartige traditionell chinesische Elemente (nämlich Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall) einander hervorbringen (fördern) und begrenzen.1 Dem Element Feuer ist in der Akupunkturliteratur der Funktionskreis Herz zugeordnet, wobei mit „Herz“ in der TCM zusätzlich noch der Kreislaufmeridian verknüpft wird.

Aus meiner westlichen Sicht beschreibt die traditionelle chinesische Phasenwandlungslehre bzw. Elementelehre vor allem die harmonische fünfgliedrige Entwicklung und Vernetzung der Verschiedenartigkeit in der Natur und im Menschen, welche sich eben auch über Wechselbeziehungen von Naturelementen darstellen lässt. Da zweifellos auch im psychologischen Bereich sowohl die Polarität als auch die Verschiedenartigkeit von Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen eine maßgebliche Rolle spielen, kann dieses altchinesische Vernetzungsmuster auch für die moderne medizinische Psychologie nutzbar gemacht werden, auch um zu überprüfen, inwiefern sich damit Schritte zur psychosozialen Gesundheit, zu seelischen Balance beschreiben lassen bzw. welche Formen von Störungsdynamik sich aus diesem Vernetzungsmodell ableiten lassen.

Um damit heute arbeiten zu können, ist aber eine wesentliche Erweiterung bisher bestehender altchinesischer Interpretationen und Zuordnungen erforderlich – und zwar in mehrfacher Hinsicht:

 

  1. Da in der TCM Oberbegriffe für Verschiedenartigkeit nicht aufscheinen, lediglich Zuordnungen von Phasenschritten, Elementen, Meridianpaaren, Körperschichten, Emotionen, Tugenden, etc., gilt es zunächst, passende Oberbegriffe zu finden, welche die Vielfalt der vorhandenen unterschiedlichen Zuordnungen erklären könnten.

 

Plausibel erschienen es mir in diesem Zusammenhang folgende 5 Sammelbegriffe:

  • Austausch
  • Verarbeitung
  • Säuberung
  • Abgrenzung (des Unbegrenzten?)
  • angepasste Entfaltung.

 

Damit ergibt sich die Möglichkeit einer Anwendung dieses fünfgliedrigen Regelkreises in der Psychologie. Dort können dann folgende 5 psychosoziale Komplexbegriffe in ihrem Zusammenspiel betrachtet bzw. gegenübergestellt werden:

  • Kontakterlebnisse (Phase A: gemeinsam wachsen – passend zum Element Feuer),
  • Sorgsamkeit (Phase B: bewahren – passend zum Element Erde)
  • Ordnung und Gewissen (Phase C: sich zurückziehen, verbergen – passend zum Element Metall)
  • Selbstbewusstsein – interpretiert als Eigenkompetenz mit Selbstbegrenzung, (Phase D: abgegrenzte latente Möglichkeit – passend zum Element Wasser) und
  • eigene Entfaltung (Phase E: austreiben – passend zum Element Holz).

 

Zusätzliche Beachtung verdient aber auch die Atmosphäre dieses Netzwerkes. Der gesamte Phasenwandel unterliegt ja auch der eigenen Lustbesetzung jeder Phase. Ebenso ist der Phasenwandel unserem psychosozialen Umfeld ausgesetzt. Beide gemeinsam (Lustbesetzung und Umfeld) bestimmen wesentlich mit, wie lange jede Phase gelebt wird (wie bedeutsam, wie dominierend oder defizitär sie dadurch werden kann), bzw. welche Pole darin gefördert, und welche eher unterdrückt werden.2

Da Leben gemäß TCM immer das Zusammenspiel von Yin und Yang erfordert, müssen lebensechte psychosoziale Zuordnungen und Gegenüberstellungen immer polar erfolgen – Paare von Emotionen, Handlungsweisen und Gedanken.

Alle hier angeführten psychosozialen Oberbegriffe (Kontakterlebnisse, Sorgsamkeit, Ordnung und Gewissen, Selbstbegrenzung und eigene Entfaltung) lassen jeweils die oben bereits erwähnten polaren Kategorien von These – Antithese; aktiv – passiv, zentrifugal – zentripetal; positiv – negativ in sich zu. Deren harmonisches polares Zusammenspiel wirkt (ebenso wie unsere persönliche Lustbesetzung und unser Umfeld) auf das Gesamtsystem stabilisierend, bei polarer Fehldynamik hingegen destabilisierend. Abbildung 2 stellt die verschieden polaren Funktionsgruppen gemäß der altchinesischen Phasenwandlungslehre gegenüber incl. Berücksichtigung polarer Aspekte der Atmosphäre (Lust, Umwelt und Zeit), in welcher dieser Phasenwandel stattfindet.

Beispiele zugehöriger Phänomene polarer Fehldynamik in jeder Phase werden in Tabelle 1 aufgelistet. Die Überschuss-und oder Defizitsymptomatik einzelner Phasen bzw. ihrer polaren Kräfte können Vorstufen zu oder bereits der Ausdruck von definierten psychischen Erkrankungen sein. Sie belasten das eigene Umfeld und wirken darüber hinaus als Stressfaktoren auch auf eigene Körperfunktionen störend. In vielen Fällen begünstigen einige davon z. B. auch ein ungesundes Essverhalten, tragen zu Suchtmittelabusus und oder zu Einsamkeit bei. Jedenfalls wirken sie alle auf eine oder die andere Weise – direkt oder indirekt – langfristig gesundheitsschädigend.

In der Akupunkturliteratur beschriebene Funktionskreise (z. B. bei König, Wancura) ordnen zu jeder Phase, zu jedem Element auch Körperschichten, Sinnesfunktionen, Akupunkturmeridianpaare u. a. zu, womit sich psychosomatische Zusammenhänge ergeben.

Somatische Funktionsstörungen werden damit in einen engeren Kontext zu bestimmten Gefühlen, Gedanken und Handlungsweisen gebracht. Im Einzelfall ist allerdings die Unterscheidung was früher war – die Henne oder das Ei (Psyche oder Soma) – vielfach schwer zu beurteilen und Mutmaßungen darüber sollten (wenn überhaupt) eher dem Patienten (auch Ärzte werden früher oder später zu Patienten) überlassen werden. Letztlich ist die Klärung dieser Frage auch nicht so wichtig – sofern von psychosomatisch orientierten Ärzte(Innen) auch im psychosozialen Bereich entsprechende Ziele (nämlich das Anstreben zunehmender Balance von Gedanken, Gefühlen und Handlungsweisen in möglichst vielen Lebensbereichen) nicht unbeachtet bleiben.

3. Natürlicher Phasenwandel und mögliche Störungen

Jede Wandlungsphase unterliegt natürlichen und möglichen krankmachenden Einflüssen andere Phasen und ihrer jeweiligen Umwelt, wie das in Tabelle 2 an Beispielen – ausgehend von der Phase A (Kontakterlebnisse) – beschrieben wird. Bereits in der TCM angeführten Phasenbeziehungen (Förderung, Begrenzung, Unterdrückung, Missachtung) habe ich (aus meiner westlichen Sicht) noch die Lustbesetzung, widernatürliche Rückschritte und „Abkürzungen“ (mit entsprechenden Phasendefiziten) beigefügt. So lässt sich eine Reihe von natürlichen und „widernatürlichen“ Wechselwirkungen anführen, in welchen eine dominierende oder defizitäre Phase A (Kontakterlebnisse) sowohl Opfer- als auch Täterrollen spielen kann.

Den gleichen natürlichen und widernatürlichen Wechselwirkungen und Umständen können natürlich auch alle anderen Phasen ausgesetzt sein. Über das Phasenwandlungssystem lässt sich auf diese Weise aber nicht nur die Komplexität unserer Gedanken, Gefühle und Handlungsweisen relativ übersichtlich gegenüberstellen, sondern auch die Vielfalt möglicher Wechselwirkungen beschreiben – all das nicht nur aus theoretischem Interesse.

4. Therapeutische Hinweise und Anregungen

Für die Praxis – sei es als Hilfe zur Selbsthilfe, sei es für das ärztlich – psychologische Gespräch – ergeben sich über den Weg dieser altchinesischen Muster teils bekannte, teils weniger gewohnte oder bekannte direkte und indirekte Wege, wie Balancestörungen, Defiziten, Extremschwankungen polar betrachteter Gefühle, Gedanken und Handlungsweisen systematisch und vorbeugend entgegengearbeitet werden kann.

Bei leichten Balancestörungen von Gefühlen, Gedanken oder Handlungsweisen genügt es meist, den weniger gelebten Pol in Erinnerung zu rufen, was etwa über einfach gestaltete polar formulierte Fragebögen versucht werden kann.

Bei Phasendominanz gilt es zumeist, vorbeugend Thesen der jeweils übernächsten oder vorletzten Phasen zu stützen. Es könnten aber auch Thesen der folgenden Phase und Antithesen der jeweiligen Mutterphase (das ist die jeweils vorherige Phase) angesprochen werden.

Bei Phasendefiziten ergeben sich entsprechend gegensinnige Schritte: In leichteren Fällen direktes Ansprechen defizitärer Funktion, Ansprechen von Antithesen in gegenüberliegenden Phasen, Unterstützung von Thesen in der jeweiligen Mutterphase.

Starke polare Fluktuationen erfordern eher bipolare Interventionen in den jeweils gegenüberliegenden Phasen. Abkürzungen im Phasenwandlungssystem kann über das Ansprechen der jeweils vernachlässigten Phase entgegengearbeitet werden. Phasenwandlung gegen den Uhrzeiger benötigt gedankliche Anregungen aus der jeweils natürlich folgenden Phase (entsprechend der Regel Mutter – Sohn in der TCM). Sind alle Phasen in ihrer polaren Dynamik stark beeinträchtigt, empfehlen sich am ehesten vorbeugende unterstützende Gespräche in verhältnismäßig wenig betroffenen Bereichen.

Ausführlichere polare Zuordnungen psychosozialer Funktionen zu den einzelnen Phasen, Wechselwirkungen und Beispiele für eine Balance orientierte Vorgangsweise – sei es als Hilfe zur Selbsthilfe, sei es für die täglichen Praxis finden sich in meinem 2008 im Springer Verlag erschienen Buch: „Psychosomatische Vorsorgemedizin“. Dort werden auch psychosomatische Wechselwirkungen, wie sie sich aus der traditionell chinesischen Erfahrungsheilkunde ableiten lassen, im letzten Kapitel noch extra zusammengefasst.

Alle hier und dort im Buch angeführten Anregungen sind als Balance unterstützende, präventivpsychologische Maßnahmen zu verstehen. Sie können vielfach bewährtes psychotherapeutisches Handeln oder den oft notwendigen Einsatz indizierter Psychopharmaka meist nicht ersetzen – sehr wohl aber sinnvoll ergänzen. Ärzte, Psychologen und aufgeschlossene Patienten(Innen), sind ja in der täglichen Praxis oft genug darauf angewiesen, auf mehreren Beinen zu stehen.

Im Sinne einer modernen und umfassenden Vorsorgemedizin ist es hoch an der Zeit, psychosoziale Gesundheit und gesunde Dynamik menschlicher Gedanken, Gefühle und Handlungsweisen in ihrer Komplexität übersichtlich und in einer einfachen Sprache zu beschreiben. Systeme und Muster aus der TCM (polares Denken und Phasenwandlungslehre) bieten dazu hilfreiche Anregungen für die Theorie und Praxis.

 

Literatur beim Verfasser

Korrespondenz: Dr. Felix Badelt seit 1977 niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin in Wien 1994-2002 Vizepräsident des Dachverbandes der österreichischen Ärzte(Innen) für Ganzheitsmedizin ÖÄK Diplome für Akupunktur, Homöopathie, psychosoziale und psychosomatische Medizin Mehrere Publikationen und Vorträge zum Themenkreis Präventivpsychologie und ärztliches Gespräch mit Hilfe altchinesischer Muster Lascygasse 20/1/7 1170 Wien E-Mail:

1 Arzt für Allgemeinmedizin in Wien

1 Die chinesischen Elemente als Ausgangspunkte für Assoziationsketten und Zuordnungen auf anderen Ebenen zu verwenden, ist problematisch, insbesondere als Sinologen (z.B. M. Porkert) immer wieder betont haben, dass mit der chinesischen Bezeichnung wu xing ursprünglich 5 unterschiedliche natürliche Phasenschritte: Latenz bzw. Ruhe (vgl. Wasser) – Austrieb (vgl. Holz) – (gemeinsames) Wachstum (vgl. Feuer) – Ertrag (vgl. Erde) – Rückzug (vgl Metall) und nicht 5 Elemente bezeichnet wurden.

2 In der Akupunktur existiert dazu ein passendes 6. Hauptmeridianpaar, in deutschen Sprachraum als Kreislauf, Sex – Dreifacher Erwärmer bezeichnet, welches funktionell dieser Vermittlerrolle einnimmt.

Chinesische Klassik aus ärztlicher Sicht Hg J. Bischko (Vorworte von J. Bischko und E. Ringel) – Broschüre 2.1.0. (Klassische Theorie) aus dem Handbuch der Akupunktur und Auriculotherapie, 1983 Haug Verlag

Psychosomatische Vorsorgemedizin Seelische Balance durch polares Denken und altchinesische Phasenwandlungslehre; 2008, Springer Wien New York ISBN 978-211-79266-7

Tabelle 1 Leitsymptome der verschiedenen Wandlungsphasen als psychosoziale Risikofaktoren des täglichen Lebens
Wandlungsphase, HauptqualitätSymptome bei ÜberschussSymptome bei Mangel
A – Kontakterlebnisse Übermut, Euphorie, Rausch, emotional vereinnahmt, schwärmen, Beziehungswahn

gedanklich: gesteigerte Phantasie, Ideenflucht
Erlebnisarmut, Depression
Einsamkeit, Gefühlskälte,

gedankliche Stumpfheit, Phantasielosigkeit,
Benommenheit
B – Vorsorge, Versorgung Überlastung, voller Sorgen, überfürsorglich, zu reich,
misstrauisch,
besitzgierig,

gedanklich: grübeln
unausgelastet, vernachlässigt
zu arm an Besitz, verwöhnt,
unvorsichtig, unbekümmert,
konsumgierig,
hoch verschuldet;
Gedächtnisstörung
C – Verantwortung, Ordnung, Gewissen übergenau, kleinlich,
zwanghaft perfekt,
überspitztes Ehrgefühl,
beleidigend, diskriminierend,
zu strenges Gewissen,
übertreiben; indiskret offen
ungenau, chaotisch,
schlampig, falsch
unehrlich; diskriminierend
verachtet, diskriminiert,
gewissenlos, verlogen, verheimlichen; schmeicheln
D – Selbstwert, Selbstbewusstsein eingebildet, eigensinnig
fanatisch eingeengt,
egoistisch, dominant,
willkürlich,
größenwahnsinnig, eitel
orientierungslos, ziellos
allgemeine Ängstlichkeit
zu abhängig, inkompetent,
unmotiviert, willenlos,
Minderwertigkeitsgefühle
E – persönliche Leistung, Entfaltung übertriebener Wettbewerb,
gewalttätig, aufbrausend,
streitsüchtig, rücksichtslos,
Workaholic, sehr geschäftig
bequem, leistungsschwach
hilflos, schüchtern,
schwach, passive Resistenz
untätig, energielos
Entwicklungsatmosphäre EA Lebenslust, Zeitgestaltung, Anpassung eigener Lust an persönliche Umwelt lüstern, geil, distanzlos
zu schnell, getrieben,
nur das Lustprinzip zählt,
sich über alles lustig machen,
nicht ernst sein können
lustlos, gehemmt, distanziert,
zu langsam,
durch unterdrückte Lust,
beengt oder frustriert,
humorlos, langweilig
Tabelle 2 Dynamik und Fehldynamik im Phasenwandlungssystem
(bezogen auf Phase A- Kontakterlebnisse)
Normale Dynamik – Balance und Entwicklung gefördertFehldynamik – Balance und Entwicklung gefährdend
Phasenwandlung im Uhrzeigersinn z. B.: von A nach B : Kontakterlebnisse fördern Vorsicht (oder Vertrauen), Sorgsamkeit Phasenwandlung gegen den Uhrzeigersinn z. B. von B nach A: Kontakte aus Vorsicht, aus blindem Vertrauen; Geld als Kontaktvoraussetzung
These einer Phase begrenzt These der übernächsten (und fördert damit indirekt deren Antithese) z. B.: Gemeinsamkeit (A) begrenzt Ordnung oder Kritik (C) und fördert damit indirekt Großzügigkeit (C Antithese) Unterdrückende Wirkung einer dominierenden Phase auf die übernächste z. B.: Liebe (oder Hass) – Phase A kann eigene Kritikfähigkeit (C) unterdrücken, kritiklos oder ungerecht machen
Passive Begrenzung einer Phase durch die jeweils vorletzte Phase
z. B.: Gemeinsamkeit, Kontakte, Erlebnisse (A) werden durch persönliche Grenzen und Ziele (D) natürlich begrenzt.
Missachtung (Umkehr der Begrenzung)
einer Phase durch die jeweils vorletzte
z. B.: Entfesselte Phantasien, extrem enge Bindungen (A) können individuelle Erkenntnisfähigkeit und persönliche Grenzen (D) verletzen.
Gleichmäßige verteilte Lustbesetzung bzw Gleichmäßige Förderung einer Phase durch das persönliche Umfeld – z. B.: Lustgewinn sowohl über Kontakte (A), als auch Sexualität (EA), Besitz und Konsumation (B), Wertschätzung (C), Bildung Position und Kompetenz (D), eigene Arbeit, eigene Leistung (E) einseitige Lustbesetzung, einseitige Förderung (oder Hemmung) einer Phase durch das persönliche Umfeld z. B.: ausschließlicher Lustgewinn über einen der Bereiche: Kontakte, Besitz oder Konsumation, Ehre, Wissen und Macht, Arbeit, Sexualität, was durch das soziale Umfeld (incl. Werbung) mitunter zusätzlich gefördert werden kann
Beachtung der schritteweisen Abfolge von allen 5 Phasen im Uhrzeigersinn: z. B. Kontakte fördern Sorgsamkeit – fördert Ordnung, Gewissen – fördert individuell begrenzte Macht und Kompetenz – fördert Entfaltung, persönliche Leistung- fördert Kontakte, Erlebnisse (A) etc - Eine oder mehrere „Abkürzungen“ - Folgen: Balance gefährdende Bahnungsphänomene statt natürlicher Begrenzung, z. B. von D nach A (unter Umgehung von E): erwünschte (geforderte) Kontakte oder Erlebnisse (unter Vernachlässigung von Kontakt- oder Erlebnisse fördernde Handlungsweisen): z.B. eingeforderte Liebe
Phasenwandlung – vorwiegend im Uhrzeigersinn Phasenwandlung häufig von einer Phase sowohl im als auch gegen den Uhrzeigersinn – Folge: Phasendefizite bzw. Phasendominanz:
z. B.: emotionale Leere durch Fürsorge (B) und Überbeflissenheit, emotionale Handlungsweise (E). z.B.: Gewalttätigkeit doppelt genährt durch Machtansprüche (Phase D) und Hass (Phase A)

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