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Kinder- und Jugendheilkunde 24. Februar 2010

Perspektiven aktueller Impfempfehlungen

Impfen

Rezente Daten und Entwicklungen, präsentiert im Rahmen der 105. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Mannheim

WHO empfiehlt Rotavirusimpfung weltweit

Mehr als 130.000 Probanden waren insgesamt in die Wirksamkeits- und Sicherheitsstudien der beiden auf dem Markt befindlichen Rotavirus-Impfstoffe eingeschlossen, erläuterte M. A. Rose (Frankfurt). Weltweit wurden allein von RotaTeq® bereits 28 Millionen Dosen verimpft, hauptsächlich in den USA. Beide Impfstoffe zeigten eine Verträglichkeit ähnlich Placebo und kein erhöhtes Risiko für Invaginationen. Auch eine Studie vor und nach der Einführung der Rotavirusschluckimpfung, welche in Österreich am Landesklinikum St. Pölten durchgeführt wurde, fand keine vermehrten Invaginationen in der Impfära.

„Das Thema >Invaginationen< ist aus der Welt.“ (M. A. Rose, Frankfurt)

Da RotaTeq® auf einem bovinen Virus basiere, könnten die selten ausgeschiedenen Impfviren keine Krankheit verursachen, führte Rose weiter aus. Das humane attenuierte Virus in Rotarix® sei zwar auf Kontaktpersonen übertragen worden, diese hätten jedoch keine klinischen Symptome entwickelt.

Positive Empfehlungen zur Schluckimpfung gegen Rotaviren bestünden durch zahlreich nationale und internationale Gremien und Fachgesellschaften. Gegenwärtigen Schlusspunkt bilde die Empfehlung der Advisory Group of Experts der Weltgesundheitsorganisation (August 2009), die Rotavirusimpfung ohne Einschränkung weltweit in alle nationalen Impfprogramme aufzunehmen. Die WHO-Experten erweiterten zudem den Impfzeitpunkt: erste Dosis mit 6 bis 15 Wochen, letzte Dosis spätestens mit 32 Wochen. Seinen impfenden Kollegen gab Rose noch mit auf den Weg, dass Stillen die Wirksamkeit der Impfstoffe nicht beeinflusse. Auch Frühchen könnten sicher und effektiv geimpft werden, und eine Impfung in der Saison sei dennoch sinnvoll, denn bereits nach der ersten Dosis werde ein Teilschutz aufgebaut.

HPV: Möglichst früh impfen!

In Deutschland werden jährlich etwa 140.000 HPV-bedingte Konisationen ausgeführt, um Krebsvorstufen (CIN) zu entfernen. Viele dieser Frauen sind noch im fertilen Alter. Durch die Konisation steigt das Risiko einer Frühgeburt signifikant. Insofern sei die bislang praktizierte sekundäre Prävention zwar gut, referierte Peter Hillemanns (Hannover), eine primäre Prävention jedoch viel besser.

 

Die beobachtete Wirksamkeit der beiden vorhandenen HPV-Impfstoffe sei ohne Frage exzellent: Nicht nur am Muttermund, auch in der Scheide und am verhornten Epithel der Vulva böten die Impfungen Schutz. In der Fachliteratur würde bezogen auf die Prävention einer CIN2+ verursacht durch jeglichen HPV-Typ über unterschiedliche Wirksamkeiten von Gardasil® (18,4%) und Cervarix® (30,4%) berichtet. Diese Werte beziehen Frauen mit ein, die bereits bei Studienbeginn infiziert sind. Der Unterschied so Hillemanns, gehe auf verschieden lange Nachbeobachtungszeiten zurück (Gardasil® 3 Jahre vs. Cervarix® 4 Jahre). Genau im Zeitintervall drei bis vier Jahre nach Infektion würden Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften erstmals deutlich sichtbar. Ebenso würden unterschiedlich zusammengesetzte Studiengruppen (z.B. bezüglich regionaler Herkunft) eine Rolle spielen.

„Die Zulassung voll ausschöpfen: 9-Jährige gegen HPV impfen!“ (P. Hillemanns, Hannover)

Hillemanns schloss mit dem Hinweis, dass kein Replacement durch andere HPV-Typen erwartet wird, selbst wenn HPV16/18 eliminiert würde. Er ermunterte Kinder- und Jugendärzte, die Zulassungen voll auszuschöpfen und bereits Neunjährige zu impfen, um eine möglichst große Zahl Jugendlicher zu erreichen. Für den monovalenten HPV16-Impfstoff sei bereits eine Wirksamkeitsdauer von neun Jahren belegt.

Pertussis: Auch Erwachsene erkranken schwer.

Bei hoher Durchimpfung geht die Pertussisinzidenz im Kindesalter um gut 90 Prozent zurück. Wie man heute wisse, zirkuliere das Bakterium jedoch weiter in der Bevölkerung, erläuterte C. H. Wirsing von König (Krefeld). Ursache sei die relativ kurze Schutzdauer nach Infektion, die nach heutigem Wissensstand nur drei bis 12 Jahre anhalte. Azelluläre Impfstoffe induzierten für mindestens fünf Jahre Immunität, diese sinke danach aber sukzessive ab. Fast 100 Prozent der Todesfälle an Pertussis beträfen Säuglinge in den ersten sechs Lebensmonaten. Infektionsquelle seien vornehmlich die Eltern, gefolgt von den Großeltern und Geschwistern. Die mittlere Hustendauer eines Erwachsenen betrage sechs bis sieben Wochen. An Komplikationen leide etwa ein Viertel der Erwachsenen (z.B. Gewichtsverlust, Krampfanfälle, Pneumonie, Inkontinenz, Pneumothorax, Rippenbrüche). Etwa ein bis vier Prozent aller Fälle bei Erwachsenen müssten stationär behandelt werden, meist Ältere. Todesfälle seien jedoch äußerst selten, so der Experte.

„Es wird keinen Pertussismonoimpfstoff mehr geben.“ (C. H. Wirsing von König, Krefeld)

Weder die Erkrankung noch der Erreger werde mit der Impfung eradiziert, resümierte Wirsing von König. Dennoch seien wir in der Lage, beides sehr gut in der Bevölkerung zu kontrollieren: Nachdem die Kokon-Strategie (das Umfeld eines Säuglings zu impfen) unzureichend umgesetzt wurde, sollen ab sofort auch in Deutschland alle Erwachsenen bei der nächsten Td-Impfung stattdessen einmalig Tdap erhalten. Ebenso sind alle Beschäftigten im Gesundheitsdienst und Gemeinschaftseinrichtungen nun alle zehn Jahre zu impfen.

Heike Thiesemann-Reith, Wissenschaftsjournalistin, Marburg

Symposium mit freundlicher Unterstützung der Sanofi Pasteur MSD GmbH

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